Als die islamische Welt das alte Wissen bewahrte

Im Mittelalter fanden Wissenschaft und Philosophie eine neue Heimat in den Ländern des Islam. Der Historiker John Freely rekonstruiert diese Entwicklung und beschreibt, wie sich das Zentrum der Weisheit im Lauf der Jahrhunderte über die Landkarte bewegte.
Bagdad sorgt heutzutage vor allem für Negativschlagzeilen. Vor gut tausend Jahren lag hier aber der Mittelpunkt von Wissenschaft und Philosophie, war Bagdads "Haus der Weisheit" die führende Universität der Welt. Wissenschaft mag allgemeingültig sein, sie braucht aber immer einen Ort und eine Gesellschaft, die ihr die Freiheit des Denkens ermöglichen.

In seinem Buch "Platon in Bagdad" zeichnet der Wissenschaftshistoriker John Freely nach, wie sich das Zentrum der Weisheit im Lauf der Jahrhunderte über die Landkarte bewegte. Angefangen hat das systematische Nachdenken über die Natur 500 Jahre vor Christus in Milet. Die erste Blüte erlebte es in Athen, wo Platon und Aristoteles lehrten und wichtige Werke zur Astronomie und Medizin verfassten. Von Athen ging es weiter nach Alexandria mit seiner berühmten Bibliothek, nach Rom, Konstantinopel und ins persische Gondischapur.

Im westlichen Europa fand die Blüte der Wissenschaft mit dem Siegeszug des Christentums ihr Ende. Neunhundert Jahren nach ihrer Gründung musste die Platonische Akademie in Athen schließen, weil sie religiösen Eiferern als heidnisch galt. Eine neue Heimat fand die Wissenschaft in den Ländern des Islam. Hier ließen die Kalifen die griechischen Klassiker ins Arabische übersetzen und förderten Gelehrte, die nicht nur philosophieren, sondern nützliche Erkenntnisse gewannen. Die führenden Ärzte, Mathematiker und Astronomen des Mittelalters lebten in Bagdad, Kairo und Damaskus. Ihre Werke kamen über das islamische Al-Andalus im heutigen Spanien wieder nach Europa und waren später unverzichtbar für Kopernikus, Galilei und Newton.

Diese spannende Geschichte gerinnt John Freely leider über weite Strecken zu einer bloßen Aufzählung von Namen und Buchtiteln. Das gilt gerade auch für die islamische Periode. Nur selten zieht Freely Verbindungslinien. Christoph Kolumbus zum Beispiel wurde von dem griechischen Philosophen Eratosthenes beeinflusst. Der hatte 200 vor Christus geschrieben, dass man mit dem Ostwind segelnd wohl bis nach Indien kommen könnte. Der Originaltext ist verschollen, wurde aber über die Jahrhunderte über viele Stationen in Zitaten und Übersetzungen weitergereicht, bis er 1700 Jahre nach seiner Entstehung Kolumbus inspirierte.

Ähnlich verschlungene Wege gingen die Werke des Archimedes, von dem wir ohne die islamischen Gelehrten gar nichts wüssten. Ein zentrales Pergament wurde von Mönchen abgeschabt und als Gebetbuch weiterverwendet. Vor gut hundert Jahren fielen einem Bibliothekar in Istanbul die mathematischen Formeln unter dem christlichen Text auf. Ein dänischer Gelehrter erkannte sie als Werk von Archimedes. Doch dann wurde das Pergament gestohlen, weiter übermalt, versteigert und schließlich anonym an ein Museum in Baltimore übergeben. Mit Hilfe von Röntgenstrahlen wird der ursprüngliche Text seitdem sichtbar gemacht und im Internet veröffentlicht. Faszinierend - aber erst ganz am Ende nimmt sich John Freely die Freiheit, solche Geschichten zu erzählen. Als lebendiger Reiseführer zum Weg des Wissens um die Welt taugt sein "Platon in Bagdad" deshalb nicht. Das Buch funktioniert eher als nützliche Datensammlung und als wertvolle Erinnerung daran, dass die islamische Welt einmal die tolerante Heimat der Wissenschaft war.

Besprochen von Volkart Wildermuth

John Freely, Platon in Bagdad: Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam
Übersetzt von Ina Pfitzner
Klett-Cotta, Stuttgart 2012
388 Seiten, 24,95 Euro

Mehr zum Thema bei dradio.de:
Als die Araber den Dezimalbruch erfanden - Jim Al-Khalili: "Im Haus der Weisheit"
Mehr zum Thema