Backsteinkirchen von Kiel bis Kaliningrad

Von Adolf Stock |
Wie an einer "Bernsteinkette" reihen sich die großen Backsteinkirchen entlang der Ostseeküste von Kiel bis Kaliningrad. Die Marienkirchen in Lübeck und Gdansk, St. Nikolai in Stralsund oder St. Jacobi in Szczecin, sind bedeutende Zeugnisse einer Kultur rund um das Mare Baltikum. 50 Wissenschaftler sind in dem Sammelband "Wie roter Bernstein" der Frage nachgegangen, welchen Symbolgehalt diese Gotteshäuser heute noch haben.
Wolfgang Grünberg: "Wir haben immer gedacht, diese alten Kirchen sind Erzählbücher, die erzählen unglaubliche Geschichten, aber man muss die Geschichten rekonstruieren, und man kann sie nicht einfach sofort sehen."

Es bedarf kriminalistischer Entschlusskraft, um alle Geheimnisse zu lüften. Fachleute sind gefragt. Der Hamburger Theologe Wolfgang Grünberg referiert Ergebnisse eines länderübergreifenden Forschungsprojekts, das die städtische und politische Funktion und die kulturelle und religiöse Nutzung der großen Backsteinkirchen zwischen Kiel und Kaliningrad erforschen wollte.

Wolfgang Grünberg: "Wir haben Hansestädte genommen, weil die Hanse eine besondere Verbindung ist zwischen diesen Städten. Wir haben westdeutsche Städte, wenn man so sagen will, Kiel und Lübeck und Wismar und Stralsund, die den alten DDR-Horizont repräsentieren. Und dann haben wir Stettin und Danzig, oder Szczecin und Gdansk, als ehemals deutsche und jetzt polnische Kirchen und dann noch Kaliningrad/Königsberg, das sind unterschiedlichste Kontexte."

Als 1989 der Eiserne Vorhang fiel, wurde der Blick auf ein gemeinsames Europa wieder frei. Nun hofft Wolfgang Grünberg, dass die Gotteshäuser beim inneren Zusammenwachsen Europas helfen können, denn die Stadtpfarrkirchen der Hansestädte spielen als "Symbolkirchen" eine wichtige Rolle.

Viele wurden mehrfach zerstört und wiederaufgebaut, sie erlebten die Reformation und waren zu unterschiedlichen Zeiten Heimstatt für Protestanten und Katholiken. Sie wurden zu Fluchtburgen und Viehställen oder sie wurden kulturell genutzt. Die gotischen Backsteinkirchen erzählen von Wohlstand und Macht einer stolzen Bürgerschaft. Sie erzählen aber auch von erbitterten Glaubenskämpfen, nationaler Engstirnigkeit und von Zerstörung und Krieg.

Wolfgang Grünberg: "Wie viele Hakenkreuzfahnen haben in deutschen Kirchen gehangen? Was hat da alles stattgefunden? Darüber gibt es traurige Geschichten zu erzählen. Also diese staatlich-politische Instrumentalisierung von Kirchen auf der einen Seite, dann die totale Zerstörung, bis hin dazu, dass 1960 Ulbricht plötzlich einfällt, eine intakte Ruine könnte man sagen, die Marienkirche in Wismar einfach nur in einer Nacht- und Nebelaktion das Kirchenschiff sprengen lässt. Warum dieser Hass?"

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die russischen Truppen im ehemaligen Königsberg Tabula rasa gemacht. Es war die Vergeltung für die Gräueltaten der deutschen Armee während des Russlandfeldzugs.

Wolfgang Grünberg: "In Kaliningrad hat dann wohl ein russischer Offizier, der wusste, was passiert, das Schiller-Denkmal in kyrillischer Schrift, also in russischer Schrift noch rangepinselt: Zerstört es nicht, er ist einer von uns."

Auch der Philosoph Immanuel Kant blieb Sachwalter der Humanität und hat seiner Heimatstadt posthum einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Sein Grabmal an der nördlichen Kirchenmauer bewahrte den Königsberger Dom vor der vollständigen Zerstörung, sodass er in den 90er-Jahren wiederaufgebaut werden konnte. Heute nutzen Protestanten und russisch-orthodoxe Christen den Dom gemeinsam, und eine katholische Kapelle ist geplant.

Wolfgang Grünberg: "Man kann nicht sagen, dass die Religion nur der Feind des Geistes ist oder der Aufklärung ist, sondern im Gegenteil. In dem Zusammenhang merkt man, dass Geist, Bildung und Religion doch in der Tiefe zusammenhängen."

Die Stadtpfarrkirchen der Hansestädte sind Symbole einer europäischen Identität. Doch nicht nur das: Kunsthistoriker wissen, dass sie alle ihr architektonisches Vorbild in St. Petri, dem Dom zu Bremen haben, der selbst in einer langen Bautradition steht, die sich bis in das Heilige Land zurückverfolgen lässt.

Wolfgang Grünberg: "Die mittelalterlichen Kirchen geben den Protestanten einen Blick, was Katholizität heißt - nicht römische Katholizität - nämlich allumfassende Linien von Jerusalem über Rom und Köln, Bremen bis hin zu diesen ganzen Kirchen. Aber die Kirchenverantwortlichen sind oft zum Teil noch etwas isolierter und arbeiten isolierter, und das ist schade, sozusagen unterhalb der Möglichkeiten der Kirchen."

Vielleicht sind es eher die einfachen Fragen, die uns den tieferen Sinn der Backsteinkirchen erschließen. Der Kunsthistoriker Martin Warnke hat sich deshalb gefragt: Warum sind diese Kirchen so groß?

"Welcher Eindruck ist bestimmend, wenn Jung oder Alt, Ausländer oder Inländer, Evangelische oder Katholische gestern oder heute einen Hallenraum wie den der Marienkirche in Danzig oder einen Kathedralraum wie den der Marienkirche in Lübeck betreten? Sie fragen und fragten zuerst und spontan nicht, ob dieses Gebilde deutsch oder französisch, ob es gotisch oder spätgotisch, ob es bürgerlich oder bischöflich, scholastisch oder mystisch, ob es diaphan oder himmlisch sei, vielmehr drängt sich Klein und Groß, Frommen und Unfrommen, Dummen und Gescheiten unwillkürlich die Frage auf: Warum ist der Bau so groß?"

Wolfgang Grünberg: "Sie sind so groß, damit unsere Wünsche nicht klein bleiben, sondern größer werden. Sie sind sozusagen Wachstumsmagneten. Und dann sind sie nicht nur funktional nicht zu fassen, sondern dann ist das funktionale Denken, das zweckrationale Denken selbst eine furchtbare Verarmung. Nein, Kirchen sind nicht nur Mittel zum Zweck, sie haben ihr Eigenrecht, wie jedes große Kultur- und Kunstwerk selbst."

Die Kirchen lassen sich nicht zweckfunktional erklären, darin liegt ihre Kraft und ihr Geheimnis.

Wolfgang Grünberg: "Das sind energetische Räume, und es ist die Aufgabe von Intellektuellen und Theologen, die darüber nachdenken, dass diese Energie, die da getankt werden kann, in die richtige Richtung geht und nicht in die falsche."

Die Backsteinkirchen von Kiel bis Kaliningrad haben nicht nur eine lange, ereignisreiche Geschichte. Wolfgang Grünberg ist sich sicher, dass die "Symbolkirchen" im Ostseeraum noch sehr viel Platz für eine bessere europäische Zukunft haben.

Wolfgang Grünberg: "Wir haben versucht, kunsthistorisch zu fragen, wir haben versucht, architekturgeschichtlich zu fragen, und vor allen Dingen: Wir haben die Leute gefragt. Und das eigentlich Überraschende ist, dass die Antworten sehr große Ähnlichkeit aufweisen, dass auch die Touristen diese Kirchen nicht nur abhaken im Baedeker.

Alle sagen auf die Frage, sollen diese Kirchen im zusammenwachsenden Europa eine größere Rolle spielen als bisher: ja. Das Interesse ist durchaus, diese Grenzen zu überspringen und sowohl die kulturelle Situation als auch die national-politische Situation in einem größeren Kontext wahrzunehmen."

Wolfgang Grünberg (Hg.) in Zusammenarbeit mit Alexander Höner: Wie roter Bernstein. Backsteinkirchen von Kiel bis Kaliningrad. Ihre Kraft in Zeiten religiöser und politischer Umbrüche
Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2008
480 Seiten, 39,80 Euro