Brasilien zum Anfassen
Kunst, Armut, Müßiggang - das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main zeigt eine Retrospektive des brasilianischen Ausnahme-Künstlers Hélio Oiticica. Die Ausstellung ist in Deutschland die größte ihrer Art. Aber wie bringt man Favela-Ästhetik an den Main?
Die zwei grünen Papageien in der Voliere fremdeln noch etwas, entweder ist es ihnen bei uns zu kalt oder der Museumsraum irritiert sie. Dabei könnten sie sich zu Hause fühlen, denn die Installation Tropicália von 1966/67 suggeriert ein Ambiente wie am brasilianischen Strand: Der Boden voller Sand, tropische Pflanzen, Zelte und kleine provisorische Hütten mit Matratzen drin, Umkleidekabinen mit roter, gelber, blauer Bespannung. Cesar Oiticica, der Neffe des 1980 gestorbenen Künstlers, der das Ganze mit aufgebaut hat, wirkt zufrieden.
Cesar Oiticica "Ja es ist sehr schön weil es sogar heute noch ein merkwürdige Erfahrung ist…"
Und es ist tatsächlich sehenswert, wie sich das Frankfurter Museum für Moderne Kunst auf die schrägen Ideen des Brasilianers Hélio Oiticica eingelassen hat. Dabei beginnt alles noch ziemlich konventionell, mit Gouachen auf Karton, aus den späten 1950er Jahren. Sie setzen sich noch mit der europäischen Moderne auseinander, mit Mondrian, mit der konkreten Kunst.
Aber schon hier ist Bewegung drin, kleine Irritationen der geometrischen Formen, als wäre da ein leiser Samba-Rhythmus im Spiel. Und in den frühen Sechzigern lösen sich Farbe und Form vom Papier, da hängen plötzlich kleine hölzerne Oregamis von der Decke und schaukeln im Zugwind. Oder es gibt die Penetrávels: Farbräume wie Umkleidekabinen, in die man hineingeht und sich mittels Schiebetüren seinen eigenen Farbkosmos schafft.
Cesar Oiticica "Ja es ist sehr schön weil es sogar heute noch ein merkwürdige Erfahrung ist…"
Und es ist tatsächlich sehenswert, wie sich das Frankfurter Museum für Moderne Kunst auf die schrägen Ideen des Brasilianers Hélio Oiticica eingelassen hat. Dabei beginnt alles noch ziemlich konventionell, mit Gouachen auf Karton, aus den späten 1950er Jahren. Sie setzen sich noch mit der europäischen Moderne auseinander, mit Mondrian, mit der konkreten Kunst.
Aber schon hier ist Bewegung drin, kleine Irritationen der geometrischen Formen, als wäre da ein leiser Samba-Rhythmus im Spiel. Und in den frühen Sechzigern lösen sich Farbe und Form vom Papier, da hängen plötzlich kleine hölzerne Oregamis von der Decke und schaukeln im Zugwind. Oder es gibt die Penetrávels: Farbräume wie Umkleidekabinen, in die man hineingeht und sich mittels Schiebetüren seinen eigenen Farbkosmos schafft.
Tonnen von Sand und Schotter
Peter Gorschlüter: "Ich glaube, was überraschend kommt, fürs Publikum, wenn sie diese Ausstellung betreten - erst einmal zu sehen wie stark das Frühwerk geprägt war von der europäischen Moderne, dass es dann einen sehr intensiven Dialog gab, eine tiefgehende Auseinandersetzung damit, und wie von dieser tiefgehenden Auseinandersetzung ein ganz eigener Kosmos entsteht, ein Kosmos, der brasilianisch geprägt ist, der durch verschiedene Einflüsse geprägt ist, indigener Natur, der Favelas, afrikanischer Kultur, aber eben auch das nordamerikanische, die Pop-Kultur, die Avantgarde, alles dieses verbindet sich zu einem sehr einzigartigen Werk in dieser Ausstellung".
Peter Gorschlüter, Kurator der Frankfurter Ausstellung, hat mit Tonnen von Sand und Schotter gekämpft, um ein Brasilien zum Anfassen zu kreieren. In einer der kleinen Farbkabinen steht der brasilianische Satz: "Die Idee der Reinheit ist ein Mythos". In den Sechziger Jahren entdeckt Oiticica das Leben und die Kultur der Favelas, er wird zu einem begeisterten "passista", einem Solotänzer der Samabaschule.
Peter Gorschlüter, Kurator der Frankfurter Ausstellung, hat mit Tonnen von Sand und Schotter gekämpft, um ein Brasilien zum Anfassen zu kreieren. In einer der kleinen Farbkabinen steht der brasilianische Satz: "Die Idee der Reinheit ist ein Mythos". In den Sechziger Jahren entdeckt Oiticica das Leben und die Kultur der Favelas, er wird zu einem begeisterten "passista", einem Solotänzer der Samabaschule.
"Partizipation ist das große Stichwort"
Peter Gorschlüter: "Als Hélio Oiticica zum erstenmal mit seinen paragoles, das sind textile Werke zum Tragen, die man sich überziehen konnte, in denen man sich bewegen, tanzen konnte, mit Bewohnern der Favela Mangera in das Museum für Moderne Kunst in Rio de Janeiro kam, da war er eingeladen zu einer Ausstellung, da wurde ihm der Zutritt verwehrt. Das hatte sicherlich mit der Grenze zwischen dem bürgerlichen Brasilien und der Favelas zu tun, aber auch mit seiner Radikalität".
Oiticica wollte die Betrachter in die Kunst hineinziehen. Partizipation ist das große Stichwort. Da gibt es Glasgefäße mit Erde, mit Muscheln, mit Farbpigmenten darin, das alles soll und darf man anfassen und berühren und auch an einem Sack mit Kaffeebohnen schnuppern. Heute wirkt das nicht wirklich sensationell, denn viele jüngere Künstler arbeiten mit so etwas. Aber Oiticica hatte das schon 1963 gemacht! Die Ausstellung kämpft mit diesem Paradox: Sie ist museal und will zugleich die sinnliche Aufbruchserfahrung der 1960er-Jahre vermitteln. Das geht nicht immer gut, ist ein objektives Dilemma.
1970 geht Oiticica nach New York, er flieht vor den Repressionen der brasilianischen Militärdiktatur. Dort bringt er die Kunst auf die Straße, mit seinen Performances. In einem Raum mit Schaumstoffmatratze zeigt Frankfurt eine Diainstallation, eine Hommage an Yoko Ono. Die Konturen ihres Gesichts hat Oiticica mit weißen Linien aus Kokain nachgezogen, wohl auch ein Hinweis auf eigene Gewohnheiten.
Peter Gorschlüter: ""Sich verlieren ist ein ganz wichtiger Aspekt in Oiticicas Werk, also die Kontrolle loslassen, nicht mehr alles in Strukturen denken, sondern frei sein, Cre-Leisure hat er das genannt, Creating Leisure, ja, Müßiggang zulassen"."
Den Müßiggang genießen lernen? Kein schlechtes Motto. Vor allem, wenn es sich mit der Entdeckung eines hierzulande weitgehend unbekannten Helden der brasilianischen Kunst verbindet.
Die Ausstellung "Hélio Oiticica - Das große Labyrinth" im Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main können sie noch bis zum 12.1.2014 besuchen.
Oiticica wollte die Betrachter in die Kunst hineinziehen. Partizipation ist das große Stichwort. Da gibt es Glasgefäße mit Erde, mit Muscheln, mit Farbpigmenten darin, das alles soll und darf man anfassen und berühren und auch an einem Sack mit Kaffeebohnen schnuppern. Heute wirkt das nicht wirklich sensationell, denn viele jüngere Künstler arbeiten mit so etwas. Aber Oiticica hatte das schon 1963 gemacht! Die Ausstellung kämpft mit diesem Paradox: Sie ist museal und will zugleich die sinnliche Aufbruchserfahrung der 1960er-Jahre vermitteln. Das geht nicht immer gut, ist ein objektives Dilemma.
1970 geht Oiticica nach New York, er flieht vor den Repressionen der brasilianischen Militärdiktatur. Dort bringt er die Kunst auf die Straße, mit seinen Performances. In einem Raum mit Schaumstoffmatratze zeigt Frankfurt eine Diainstallation, eine Hommage an Yoko Ono. Die Konturen ihres Gesichts hat Oiticica mit weißen Linien aus Kokain nachgezogen, wohl auch ein Hinweis auf eigene Gewohnheiten.
Peter Gorschlüter: ""Sich verlieren ist ein ganz wichtiger Aspekt in Oiticicas Werk, also die Kontrolle loslassen, nicht mehr alles in Strukturen denken, sondern frei sein, Cre-Leisure hat er das genannt, Creating Leisure, ja, Müßiggang zulassen"."
Den Müßiggang genießen lernen? Kein schlechtes Motto. Vor allem, wenn es sich mit der Entdeckung eines hierzulande weitgehend unbekannten Helden der brasilianischen Kunst verbindet.
Die Ausstellung "Hélio Oiticica - Das große Labyrinth" im Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main können sie noch bis zum 12.1.2014 besuchen.