Für einen Kurzurlaub flog Anna Desnitskaya am 17. Februar 2022 mit ihrem Ehemann und den drei Kindern nach Zypern. Die Familie ließ den frostigen Moskauer Winter hinter sich und genoss das Baden im Mittelmeer. Am 24. Februar sollte ihr Rückflug gehen. Die jüngste Tochter war unruhig, und während Desnitskaya das Baby stillte, fiel ihr Blick auf das Smartphone. Die russische Armee war in der Ukraine einmarschiert.
Die Familie wusste, dass sie nicht mehr in ihre Heimat würde zurückkehren können. Eine Heimat, die Desnitskaya in den von ihr illustrierten Büchern liebevoll dargestellt hatte. In der Not wies man der Familie in Israel eine Wohnung zu, die Anna Desnitskaya als winzig und ungemütlich empfand. Aber bevor sich die Kinder fremd und verlassen fühlen konnten, kaufte sie einen Faltstern, der im Fenster leuchtete und allen wieder Mut machte. Mit ihrem neuen Bilderbuch „Ein Stern in der Fremde“ schildert sie diese Situation und nimmt zugleich Abschied von ihrer russischen Heimat.
Plötzlich ist der Krieg da
Wenn der Schnee frisch gefallen ist, legt er sich still wie eine Schutzdecke über die Welt. Selbst eine Großstadt mit qualmenden Schornsteinen wirkt dann friedlich. Ein schöner Moment für ein Kind, das aus der Musikschule nach Hause kommt und im Küchenfenster einen Faltstern erblickt, dessen warmes Licht ihm signalisiert: Hier bist du sicher und geborgen. Nur kann sich manchmal das Leben so schnell ändern, wie man eine Bilderbuchseite umblättert. Plötzlich ist der Krieg in Form einer riesigen grauschwarzen Wolke ausgebrochen, und das Mädchen rennt an der Hand der Mutter um sein Leben.
Anna Desnitskaya kann nicht nach Moskau - in die Stadt, in der sie ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hat - zurückkehren. Welch bitteren Einschnitt das für sie darstellt, kann man beim Blick in die beiden Bücher „Ein altes Haus in Moskau“ und „Von Moskau nach Wladiwostok“ ermessen, die sie vor sechs Jahren zusammen mit Alexandra Litwina illustrierte.
Flucht aus einer namenlosen Großstadt
Schon damals erwies sie sich mit ihrer Farbwahl als eine Meisterin der Lichtführung. Diesem Talent hat sie nun ein eigenes Buch gewidmet, das von der Flucht aus einer namenlosen Großstadt erzählt, die anhand der Hausfassaden unschwer als eine russische zu erkennen ist.
Wir gingen in ein anderes Land. Hier ist alles anders als zu Hause. Eine fremde Sprache. Eine fremde Wohnung. Eine fremde Aussicht. Fremdes Essen. Sogar Mama ist hier irgendwie anders. Und ich auch.
Anna Desnitskaya
Wie es sich anfühlt, heimatlos zu sein, sieht man auf einen Blick. Mutter und Tochter stehen im nächtlichen Schein einer Straßenlaterne. Viele Menschen sind noch unterwegs, nur spricht niemand mit ihnen. Das Licht ist weiß und offenbar so kalt wie der Regen, der ihre Kleider durchnässt. Auch wenn es hier nicht um das Elend der Flüchtlinge in den Camps auf Lesbos oder in Nordafrika geht, spürt man doch die Verlassenheit derjenigen, die keine Zuhause mehr haben.
Die beiden bekommen eine kleine Wohnung zugewiesen, trocken und „besenrein“, wie man so sagt. Tatsächlich lehnt noch ein Besen an der Wand, Papier wurde auf dem Boden vergessen, und ein benutzter Kaffeebecher steht herum. Es sind diese Details, mit denen Desnitskaya von den Gefühlslagen der beiden erzählt.
Eine Welt in grauen Abstufungen
Wir sehen Mutter und Tochter in der Tür stehen und ratlos auf den graugefliesten Boden schauen. In diesem Bild gibt es nur Grau, allerdings in unzähligen Abstufungen. Das Mädchen blickt wortlos aus dem Fenster. Später essen die beiden, aber nicht wie früher, als sie sich schwatzend am Tisch gegenübersaßen, sondern nun still vor der Plastikschale eines Fertiggerichts. Das Gesicht der Mutter wird vom Lichtschein ihres Smartphones erhellt, die beiden sind verstummt. Im Nachwort verrät Anna Desnitskaya, wie es ihr gelang, mit einem Detail jenen Zauber des Lichts zu erzeugen, der Geborgenheit vermittelt:
In Moskau hatten wir Faltsterne im Fenster, sie waren immer schon von Weitem zu sehen. Als wir in Israel ankamen, in einer winzigen ungemütlichen Mietwohnung, kaufte ich zuallererst genau so einen Stern. Sobald er im Fenster leuchtete, merkte ich, dass alles nicht mehr ganz so fremd wirkte. Und ich merkte, dass ich darüber ein Buch machen wollte. Dieses Buch ist ein Teil meines Abschieds von zu Hause. Als ich es abgeschlossen hatte, wurde mir klar, dass mein bisheriges Leben unwiederbringlich vorbei war.
Anna Desnitskaya
Über die Farben setzt Desnitskaya die Gefühle ins Bild. Das Grau bleibt undurchdringlich, der Blick gleitet an ihm ab wie an Plastik. Im Blau des Nachthimmels und im Gelb liegt hingegen die Wärme. Wieder stehen Mutter und Tochter auf der Straße, aber nun reden die Menschen um sie herum miteinander. Das Kind hat ein anderes Kind kennengelernt. Man kann glücklich sein in dieser Welt, die eben noch so abweisend schien. Desnitskaya arbeitet flächig, die Rettung kommt von den Figuren selbst, vorne im Bild und nicht aus der Tiefe des Raums. Zwar wird sich nun alles im Leben ändern, aber die Krise ist bewältigt, man hat sich selbst nicht verloren.
Hier ist immer noch alles anders als zu Hause. Aber wenn ich jetzt abends von der Musikschule komme, kann ich schon von Weitem unser Fenster sehen: Durch die Dunkelheit der südlichen Nacht leuchtet dort immer ein Stern.
Anna Desnitskaya
Hier handelt es sich nicht um Kitsch, bei dem eine Erfahrung rückblickend verschönert wird, sondern um den sensiblen Versuch, zu zeigen, wie wenig es braucht, um in einer Welt der großen Veränderungen wieder zu sich selbst zu finden. Desnitskaya hat ein Buch über das Licht illustriert. Das Licht ist notwendig für die Entfaltung der Oberflächen. Sie sind die Leinwand, auf der Desnitskaya ihre Geschichte erzählt.
Die Verschiebung der Helligkeit bewirkt Wunder
Mit einer kleinen Verschiebung der Helligkeit sieht man die Welt aus einer anderen Perspektive. Wo zuvor abweisende Kälte war, ist plötzlich Wärme und Vertrauen. So entfacht die Russin wieder die Lust an den Gegenständen, wie den Büchern, den Tassen und Tellern und einem Teppich, der nun auf den eisigen Fliesen liegt. Diese Freude an den Dingen bildete schon den Kern ihrer früheren Bücher. Das neue schlanke Bilderbuch nimmt sich wie die Fingerübung einer großartigen Illustratorin aus, von der wir garantiert noch manches Meisterwerk zu erwarten haben.