"Die Tesla-Files"

Erschütternder Einblick in den Musk-Konzern

Das Bild zeigt das Cover des Buchs „Die Tesla-Files“ von Sönke Iwersen und Michael Verfürden. Darauf zu sehen ist neben dem Titel das Gesicht von Elon Musk in halber Seitenansicht.
© C.H. Beck

Michael Verfürden, Sönke Iwersen

Die Tesla-FilesC.H. Beck, München 2025

246 Seiten

26,00 Euro

Von Michael Meyer |
In „Die Tesla-Files“ blicken Sönke Iwersen und Michael Verfürden hinter die Kulissen des Autokonzerns von Elon Musk. Die beiden Investigativ-Journalisten erläutern, wie sie an interne Dokumente gelangten und welchen Druck die Mitarbeiter erleben.
Der Traum eines jeden Investigativ-Journalisten ist es, brisante Informationen serviert zu bekommen, die außerdem auch noch gut reinpassen in die aktuelle Berichterstattung. So war es bei Sönke Iwersen und Michael Verfürden, zwei Journalisten, die schon einige brisante Fälle für das „Handelsblatt“ recherchierten.  Ihr Buch „Die Tesla-Files“ beschreibt im ersten Kapitel, wie sie überhaupt an jene internen Dokumente herankamen, die die Grundlage des Buches bildeten: Zu verdanken ist es einem ehemaligen Mitarbeiter von Tesla in Norwegen namens Lukasz Krupski, einem gebürtigen Polen, der den Kontakt aufnahm und im weiteren Verlauf freimütig berichtete, was alles schief läuft bei Tesla.

Die „Tesla-Files“ sind in Teilen natürlich auch ein Buch über den Chef selbst, Elon Musk. Jedoch befassen sich die beiden Autoren nur am Rande mit seiner Biografie, seiner Entwicklung und seinen Allüren. Und, allein das ist ein großer Unterschied zur Biografie des amerikanischen Journalisten Walter Isaacson über Elon Musk: Iwersen und Verfürden haben den Tesla-Chef nie persönlich getroffen, bekamen auch keine offizielle Stellungnahme der Firma. Die wäre hilfreich gewesen, denn Iwersen und Verfürden bekamen von ihrem norwegischen Informanten Gigabyte-weise Informationen zugespielt – die Auswertung dauert Wochen und Monate.

Mehr als 1.000 Tesla-Unfälle wegen des Autopiloten

Ihr Buch ist nicht zuletzt auch die Geschichte des journalistischen Vorgehens in einem solchen Fall: Die beiden Journalisten ließen sich die Echtheit der Daten vom Fraunhofer-Institut bestätigen, und kontaktierten an die 200 Mitarbeiter, darunter auch ehemalige von Tesla.

Eines der Hauptprobleme der Firma: Musk hatte vollmundig versprochen, an einem fehlerfreien Autopiloten zu arbeiten. Im Laufe der Zeit sind mehr als 1.000 Unfälle aktenkundig, manche von ihnen sogar mit tödlichem Ausgang. Dieses Ausmaß ist bisher kaum ein Thema in der öffentlichen Berichterstattung:

„Kunden schildern, wie ihre Autos plötzlich Gas gaben oder abrupt bremsten. Manche kamen mit dem Schrecken davon, andere landeten im Graben, fuhren gegen Wände oder prallten auf entgegenkommende Fahrzeuge. ‚Als ich meinen Sohn auf dem Schulparkplatz abgesetzt habe, schoss das Auto plötzlich nach vorne‘, heißt es in einer Beschwerde. In einer anderen beklagt ein Kunde: ‚Autopilot ist ausgefallen, hat nicht gebremst und ich bin fast jemandem mit 65 km/h aufgefahren.‘ Ein Dritter schildert Tesla: ‘Als meine Frau heute mit unserem Baby unterwegs war, hat das Auto wie aus dem Nichts automatisch beschleunigt.‘“
Auch der Informant selbst bekam die Firmenpolitik zu spüren: Als in einem Werk in Norwegen ein Brand ausbrach und er ihn löschte, wollte Krupski den Arbeitsschutz verbessern, wurde aber nicht gehört und schließlich entlassen. Die beiden Autoren resümieren über Teslas Firmen-Philosophie:

„Im System Musk ist Geschwindigkeit alles, Sicherheit nebensächlich und Widerspruch nicht vorgesehen. Den Preis dafür zahlen die Mitarbeiter. Tesla setzt sie in seinen Fabriken nicht nur Sicherheitsmängeln aus. Die Mitarbeiter werden von dem US-Konzern mies bezahlt, überwacht und drangsaliert. Nirgendwo wird das so deutlich wie in der Tesla-Fabrik in Grünheide. Dort prallen Musks Methoden auf die deutschen Vorstellungen eines guten Arbeitgebers.“

Tesla-Werk Grünheide: Raue Stimmung und Arbeitsunfälle

Im Werk in Grünheide bei Berlin gab es immer wieder Meldungen von Arbeitsunfällen, einer rauen Stimmung unter den Mitarbeitern und einem hohen Krankenstand. Als die Firmenleitung beschloss, einigen öfter krankgemeldeten Mitarbeitern einen Hausbesuch abzustatten, sorgte das für schlechte Presse in Deutschland und Proteste der Gewerkschaften.  Iwersen und Verfürden weisen in ihrem Buch darauf hin, dass solche Methoden nicht ganz überraschend kamen, es sei von jeher nicht einfach gewesen, für Elon Musk zu arbeiten.

„Der Tesla-Chef selbst stellte das schon 2012 in einer Mail an seine Mitarbeiter klar. Der Elektroautobauer hatte gerade mit der Produktion begonnen. ‚Bereitet euch bitte auf eine Intensität vor, die größer ist als alles, was die meisten von euch bisher erlebt haben‘, schrieb Musk. ‚Die Revolutionierung von Industrien ist nichts für schwache Nerven, aber nichts ist lohnender oder aufregender.‘“
Die Firma Tesla, so könnte man es zusammenfassen, ist eine toxische Mischung aus Größenwahn, Hybris, Leichtfertigkeit und teilweise Verachtung von Regeln – personifiziert in der Person des Chefs, Elon Musk. Hinzu kommt noch ein gnadenloses Gewinnstreben. Gerne wüsste man, was derzeit im Unternehmen diskutiert wird, wo doch angeblich in Europa die Verkaufszahlen um bis zu 40 Prozent zurückgegangen sind.

Am Schluss ergänzen die beiden Autoren ihr Buch noch um aktuelle Entwicklungen: Musk in der Rolle des „US-Regierungseffizienzberaters“, der zusammen mit Donald Trump versucht, die amerikanische Regierungsbehörden radikal zu verschlanken.  Die Geschichte von Tesla ist jedenfalls noch lange nicht zu Ende, wenn man an Musks Ideen von Reisen auf den Mars, Robotik im Alltag und vieles mehr denkt. „Die Tesla-Files“ ist ein nachdenklich stimmendes Buch.
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