Norwegen steht im Mittelpunkt der diesjährigen Leipziger Buchmesse, nachdem das Land schon 2019 in Frankfurt zu Gast war. Die norwegische Literatur ist vielfältig und aufregend, voll großer Namen. Gesellschaftliche und ethnische Minderheiten kommen zu Wort, unterschiedliche Genres bestehen nebeneinander: Kinderbuch und Krimi, Autofiktion, Lyrik und Liebesgeschichte. Allein eine Literaturnobelpreisträgerin und drei Literaturnobelpreisträger hat Norwegen mit seinen nur 5,5 Millionen Einwohnern zu bieten. Der wohl bekannteste ist Knut Hamsun, der jüngste, im Jahr 2023, Jon Fosse. Und auch einer der großen Erneuerer des Theaters ist Norweger: Henrik Ibsen.
Spätestens seit den 1990er-Jahren erweist sich Norwegen als feste Größe auf dem deutschen Buchmarkt: Jostein Gaarders philosophischer Roman „Sofies Welt“ ist genauso ein Klassiker wie Per Pettersons „Pferde stehlen“, in dem der Autor die Handlung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und danach legt.
Überhaupt nimmt der historische Roman viel Raum ein in der norwegischen Gegenwartsliteratur. Simon Stranger schildert in seinem neuen Roman „Museum der Mörder und Lebensretter“ wie die Familie seiner Frau vor den Nazis fliehen konnte, unterstützt von einem Fluchthelfer, der zugleich ein Mörder war.
Autorinnen erzählen radikal
Ingeborg Arvola ist mit ihrer Eismeertrilogie erfolgreich, deren erster Band nun auf Deutsch erscheint: „Der Aufbruch“. Schauplatz der Handlung: der unwirtliche Nordosten des Landes Mitte des 19. Jahrhunderts.
Neben den Kriminalromanen von Jo Nesbø und Anne Holt, sowie den autofiktionalen Büchern von Karl Ove Knausgård und Tomas Espedal, machen vor allem Autorinnen von sich reden: Linn Ullmann,
Maja Lunde
, Vigdis Hjorth, die vor zwei Jahren sogar für den International Man Booker Prize nominiert war. Sie steht beispielhaft für norwegische Schriftstellerinnen, die radikal entlang des eigenen Lebens erzählen, Familien- und Liebesbeziehungen in den Mittelpunkt stellen und eine mitreißende, kluge und formbewusste Literatur schaffen.
Die wichtigsten Bücher der vergangenen Jahre aus Norwegen:
Übersicht über die vorgestellten Bücher
Eine längst fällige Neuübersetzung: Mit seinem 1890 erschienenen Roman „Hunger“ wurde Knut Hamsun, Nobelpreisträger des Jahres 1920, schlagartig berühmt – und trotz der späteren politischen Verirrungen des Autors gehört der Roman zur Weltliteratur.
„Die Wangen glichen zwei Schalen, deren Boden sich nach innen wölbt.“ Der vom Hunger gezeichnete und namenlos bleibende Protagonist Hamsuns ist ständig in Geldnot. Nur selten wird angenommen, was der freiberufliche Autor geschrieben hat; die Honorare, die man ihm zahlt, sind ein viel zu geringes Salär, um davon würdevoll leben zu können. Um sich aus dieser prekären Lage zu befreien, lässt Hamsuns Held nichts unversucht: Nach und nach versetzt er seine wenigen Habseligkeiten. Als er über beinahe nichts mehr verfügt, was sich verkaufen ließe, versucht er, bei einem Pfandleiher die Knöpfe seines Rockes zu Geld zu machen.
Überzeugend leuchtet der Roman das Seelenleben eines Menschen aus, der angesichts von lichten Momenten immer wieder Hoffnung schöpft, aber sich wenig später erneut an den Tiefpunkten einer prekären Lebenssituation findet. Seine Würde zu bewahren, das fällt ihm dabei immer schwerer. Als nur noch der Hunger sein Denken und Handeln bestimmt, erbettelt er von einem Schlachter einen Knochen, den er wie ein Tier abnagt.
Knut Hamsun: „Hunger“
Aus dem Norwegischen übersetzt von Ulrich Sonnenberg
Mit einem Nachwort von Felicitas Hoppe
Manesse Verlag, München 2023
250 Seiten, 25 Euro
„Wirklichkeitsliteratur“ nennen die Norweger Bücher, in denen Autorinnen und Autoren entlang ihres eigenen Lebens erzählen – und Vigdis Hjorth ist eine der populärsten Vertreterinnen dieses Genres. Die 1959 in Oslo geborene Autorin debütierte bereits 1983 und veröffentlicht seitdem etwa alle zwei, drei Jahre ein neues Buch.
In "Wiederholung" beobachtet eine Schriftstellerin bei einem Adventskonzert eine Szene zwischen einem Elternpaar und deren Tochter. Die Übergriffigkeit der Eltern, das Ausgeliefertsein des Mädchens triggern ihre Erinnerung. In dieser ist wieder 1975, die Schriftstellerin 16 Jahre jung, ein Teenager: kleinbürgerliche Umgebung, erwachende Sexualität, Schulalltag, am Wochenende Partys.
Über allem aber liegt wie ein Schatten die Angst der Mutter. Das Mädchen steht unter ständigem Rechtfertigungsdruck. In kleinen Alltagsszenen zeigt sich Hjorths damalige Existenz doppelbödig. Es gibt das Sichtbare und das Unsichtbare, das Spürbare, aber nicht Greifbare: „Damals war mir nicht klar, dass Mutter und Vater in einer Unmöglichkeit gefangen waren, die größer war als meine. Dass ich mich an einem Tatort befand.“
Vigdis Hjorth: "Wiederholung"
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025
157 Seiten, 22 Euro
Erst stirbt die Jugendfreundin, dann die Schwester, dann der letzte Liebhaber. Mit Contenance und Sarkasmus wehrt sich die gebrechliche Frau Brigitte Solheim gegen das Schwinden aller Dinge. Viele wichtige Menschen hat es für die ehemalige Herzchirurgin nie gegeben, sie ist ehelos und kinderlos geblieben, wohl auch als Folge jenes Umstands, den sie klaglos konstatiert: „Ich habe ununterbrochen und fünfunddreißig Jahre lang im Krankenhaus gewohnt“.
Zäh und erfolgreich hat sich Brigitte Solheim in einer Männerdomäne durchgesetzt. Inzwischen muss sie aber einsehen, dass sie sich nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee eingießen kann „ohne zu plempern“. Sie betrachtet ihr Leben und ihren körperlichen Verfall ohne große Verbitterung. Enttäuschung, gar Traurigkeit über Verluste und wenig gelebte menschliche Nähe verbietet sie sich.
Kjersti Anfinnsen hat eine komplexe Frauenfigur geschaffen, die am Ende ihres Lebens noch einmal auf ihre Kindheit schaut, auf ihre dysfunktionale Herkunftsfamilie, den frühen Tod des Vaters. Ihre letzte Liebe, körperliche Einschränkungen, die zunehmende Unsichtbarkeit für andere, den Verlust der Sehkraft, das Fehlen einer Zukunft: „Es gibt so vieles, womit ich mich versöhnen muss, so viele Dinge, die ein Ende haben, dass es kaum auszuhalten ist. Aber ich halte aus.“
Kjersti Anfinnsen: „Letzte zärtliche Augenblicke“
Aus dem Norwegischen von Sabine Richter
Septime Verlag, Wien 2025
168 Seiten, 22 Euro
Tore Renbergs Romane sind ausufernd, hemmungslos und dramatisch. So auch dieser historische Roman, der um 1680 im barocken Leipzig spielt. Im Mittelpunkt steht ein anfangs etwa 15-jähriges Mädchen namens Anna Voigt, das des Kindsmords angeklagt ist - ein Tatbestand, der laut Strafgesetzbuch von 1532 mit dem Tod gesühnt werden muss. Ihr Anwalt hat jedoch einen Trumpf in der Hand: den Arzt Schreyer, der bei Annas Kind die sogenannte Lungenschwimmprobe anwendet, mit der nachgewiesen werden kann, ob ein Kind tot oder lebend geboren wurde.
Tore Renbergs Buch changiert zwischen fiktivem Roman und historischer Forschung. Charakterisierungen der Personen, ihre Gespräche und Gedanken sind Erfindungen, die Personen selbst und vor allem der Fall sind historisch verbürgt. Zwischendurch erlaubt der Autor Einblicke in sein Inneres, seine Faszination, fast Besessenheit für das Thema; manchmal bewegt sich die Geschichte in Richtung Autobiografie oder Tagebuch. Das hebt ihn weit über die üblichen historischen Romane hinaus.
Tore Renberg: „Die Lungenschwimmprobe“
Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe und Ina Kronenberger
Luchterhand Verlag, München 2024
704 Seiten, 26 Euro
Wie wird man Schriftsteller – und welchen Preis muss man dafür bezahlen? Der Preis für Espedals eigenes Werk, so legt es dieses Buch nahe, war sehr hoch. Aber die „Lust“, sich durchzukämpfen bis zur eigenständigen Sprache, war ohne Qualen nicht zu haben.
Sein Credo: Man muss für sein Werk brennen. Koste es, was es wolle. Espedal lässt keinen Zweifel daran, dass seine Ich-Werdung als Schriftsteller einem Höllentrip glich, als alkoholgeschwängerte Achterbahnfahrt, samt immer wieder behaupteter Todesnähe und -sehnsucht im Wechsel mit einer geradezu gierigen Lebens-, Reise- und Schaffenslust. Auch die Schwierigkeit, Ehe- und Liebesleben mit der Schriftstellerexistenz in Einklang zu bringen nimmt Raum ein in diesem Buch.
Was Tomas Espedals Buch „Lust“ vor allen Dingen interessant macht, ist die Form: eine gelungene Mischung aus Erinnerung, Reflexion, Selbstanalyse und Bericht, die dieses riskant gelebte Autordasein in seiner Intensität erfahrbar macht.
Tomas Espedal: „Lust. Früchte einer Arbeit – Lesefrüchte“
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Matthes & Seitz, Berlin 2025
320 Seiten, 26 Euro
Eigentlich wollte sich Karl Ove Knausgård nach der Tortur seines sechs Bände umfassenden autobiografischen Epos „Min Kamp“ erholen. Als seine Frau Linda mit der jüngsten Tochter schwanger wird, beginnt Knausgård er aber erneut ein Buchprojekt, eine Tetralogie über die vier Jahreszeiten. Knausgård will mit seinen Texten dem Kind Einblicke in eine Welt ermöglichen, die es später einmal selbst erkunden wird. Die Bände „Im Herbst“ und „Im Winter“ versammeln insgesamt 120 kurze Prosastücke, die sich mit den unterschiedlichsten Gegenständen aus unserer Dingwelt befassen: „Äpfel“ oder „Frösche“, genauso „Thermosflaschen“, „Toilettenschüsseln“. Die Form charakterisierte er als: „Keine Fülle, nur Gedanken“. Inhaltlich gilt für ihn die Prämisse: „Das dem Leben Nächstliegende liegt in der Mitte, im Durchschnittlichen.“
Für „Im Frühling“ entschied er sich für eine ganz andere Form und Thematik: In einem 250 Seiten langen Tagebuchbrief schildert er minutiös und unspektakulär einen einzigen Tag der Familie im südschwedischen Frühling. Ähnlich geprägt ist „Im Sommer“, wo Knausgård für seine Tochter das Familienleben festhält, jene Zeit, die sie noch nicht bewusst miterleben kann und an die sie sich selbst nie erinnern wird: Wie er ihre Geschwister zur Schule fährt, welche Sätze die ersten sind, die sie sagt, wie er sie ins Bett bringt und dann spätabends über all diese Dinge schreibt, von denen er selbst am besten weiß, dass es Trivia sind, Belanglosigkeiten.
Karl Ove Knausgård:
„Im Herbst“. Mit Bildern von Vanessa Baird, 288 Seiten, 22 Euro
„Im Winter“. Mit Bildern von Lars Lerin, 320 Seiten, 22 Euro
„Im Frühling“. Mit Bildern von Anna Bjerger, 256 Seiten, 22 Euro
„Im Sommer“. Mit Aquarellen von Anselm Kiefer, 496 Seiten, 24 Euro
Aus dem Norwegischen von Paul Berf
Luchterhand Literaturverlag, München 2017/2018
Nordpol, Südpol und Mount Everest: Als erster Mensch hat Erling Kagge alle drei Extrempunkte der Erde erreicht. In „Philosophie für Abenteurer“ erzählt er, welche Weisheiten er im Kampf gegen Kältegrade und Müdigkeit gewonnen hat. Etwa: „Es kommt nicht auf die Füße an. Die Schlacht wird im Kopf geschlagen.“
Ausgestattet mit vielen Expeditionsfotografien und zwanglos mäandernd zwischen Extremsport, Alltagsleben und praktischer Lebensphilosophie untersucht das Buch die Frage, welche Haltungen ein frohes und selbstbestimmtes Leben wahrscheinlich machen und welche Glaubenssätze wohl eher dazu führen, viel Zeit mit Nebensächlichem zu vergeuden.
Erling Kagge zeigt sich als sympathisch-bescheidener Erzähler, der oft in die zweite Reihe tritt und Seneca zitiert, Blaise Pascal, Bertrand Russell oder Ludwig Wittgenstein. Auch schwierige Alltagserlebnisse bindet er ein, erzählt beispielsweise offen über Mobbingerfahrungen in seiner Kindheit. Mit seinem hellen, lebensbejahenden Grundton ist das Buch sicher vor allem für junge Leserinnen und Leser interessant, die die meisten Expeditionen ihres Lebens noch vor sich haben. Am Ende hält es aber auch etwas für Menschen bereit, die mit einer Rhetorik des Ziele-Erreichens und Sich-Überwindens allein wenig anfangen könnten.
Erling Kagge: „Philosophie für Abenteurer“
Aus dem Norwegischen übersetzt von Ulrich Sonnenberg
Insel Verlag, Berlin 2020
186 Seiten, 18 Euro
Für seine „innovativen Theaterstücke und seine Prosa, die dem Unsagbaren eine Stimme geben“, bekam Jon Fosse den Literaturnobelpreis 2023. Die norwegische Landschaft mit ihrem Gleichmaß und ihrer Weitläufigkeit, mit Schnee, Eis und der meist vorherrschenden Dunkelheit hat sich in seine Sprache eingeschrieben.
Der Band „Kindheitsszenen“ versammelt dichte und einprägsame Prosasplitter des Norwegers, nie wird so etwas wie eine Erzählung entfaltet, nie gibt es psychologische Erklärungen - die Figuren erscheinen wie Holzschnitte, ohne „holzschnittartig“ zu sein. Es handelt sich um einzelne Schlaglichter, die auf den ersten Blick oft nebensächlich oder sogar banal anmuten, aber dann durchaus grell wirken können. Ein besonders eindringlicher Moment ist etwa eine Szene, in der er in der Stube bei der Großmutter sitzt und in einem Radiosender eine ungewöhnliche, seltene Musik entdeckt, „mit langen, düsteren Gitarrensolos“ – diese bleiben als uneingelöster Sehnsuchtsmoment stehen.
Ein anderes Mal rutscht der Junge auf dem Glatteis aus und schneidet sich an einer Flasche, die dabei kaputtgeht. Das Blut, das dabei fließt, scheint sofort zu einem existenziellen Sinnbild zu werden. Vermutlich liegt in dieser spezifischen Form von Zeitlosigkeit, die Jon Fosse mit seinen norwegischen Verdichtungen erzeugt, die Suggestion, die ihn so erfolgreich macht.
Jon Fosse: „Kindheitsszenen“
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Mit Holzschnitten von Olav Christopher Jenssen
Verlag Josef Kleinheinrich, Münster 2019
182 Seiten, 40 Euro