Sinnsuche
Jenseits von seriösen und sinnvollen Angeboten auf dem Coachingmarkt gibt es eine Unmenge von vermeintlichen Coaches, denen es zumeist mehr um den eigenen Gewinn als um die Unterstützung der Klienten geht. © IMAGO / VectorFusionArt
Coaching: Zwischen Lebenshilfe und Guru-Kult

Seit Jahren boomt das Coaching-Geschäft, insbesondere seit der Corona-Pandemie. Viele Menschen in Lebenskrisen werden von digitalen Angeboten und überzogenen Versprechungen angezogen. Wie lassen sich seriöse von unseriösen Anbietern unterscheiden?
Egal, ob Life-Coaching, Business-Coaching oder spirituelles Coaching: Nahezu auf jedem Gebiet scheint es in Deutschland Bedarf zu geben. Oft nehmen Menschen in Krisensituationen ein Coaching in Anspruch anstatt eine Psychotherapie zu machen. Doch längst nicht alle Anbieter sind seriös - Beratungsstellen berichten von jährlich steigenden Beschwerdezahlen.
Neben zertifizierten Coaches mit Ausbildung oder Studium, gibt es auch eine Art „Wilden Westen“ von Anbietern, die angebliche Geheimnisse für Glück, Reichtum und Erfolg verkaufen und ihre Klienten damit teilweise in psychische Abhängigkeit und finanziellen Ruin treiben. Verbraucherorganisationen warnen davor, dass manche Coaching-Angebote zunehmend Sekten ähneln.
Größe des Coaching-Marktes unbekannt
Es liegen keine offiziellen Zahlen vor, wie groß der Coaching-Markt ist. Weder das zuständige Bundesverwaltungsamt noch das Bundesministerium für Umwelt und Verbraucher oder das Bundesministerium für Klima und Wirtschaft können mitteilen, wie viele Coaches es gibt oder welchen Umsatz sie machen. Es existieren auch kein Register und keine verpflichtende Anmeldung. Ein Problem: „Coach“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung, und jede und jeder darf sich ohne Ausbildung Coach nennen und Klienten annehmen. Durch diese Regulierungslücke drängen zahlreiche unseriöse Anbieter auf den Markt.
Der Deutsche Coaching Verband (DCV) schätzt, dass es in Deutschland etwa 14.000 zertifizierte Coaches gibt. Diese haben in der Regel eine Ausbildung oder einen Zertifizierungsprozess bei einem der über 30 Coachingverbände abgeschlossen. Dazu kommen laut DCV schätzungsweise noch rund 40.000 Coaches ohne Zertifikat – wie viele es genau sind, ist unklar.
Zielgruppe: Menschen in Lebenskrisen
Besonders seit der Corona-Pandemie hat das Angebot von digitalen Coachingberatungen zugenommen. Einer der Hauptwerbekanäle ist mittlerweile Social Media.
In aufwendig produzierten Videos posieren Coaches vor teuren Autos an exklusiven Orten wie Dubai oder meditieren vor harmonischer Musik an einem idyllischen Strand. Dabei sprechen sie gezielt Menschen in Lebenskrisen an und versprechen Lösungen für ihre Probleme. „In einer komplizierten Zeit mit zahlreichen Krisen erfüllt das ein Bedürfnis nach Halt und Orientierung“, erklärt Mirijam Wiedemann von der Geschäftsstelle für gefährliche religiöse weltanschauliche Angebote beim Kultusministerium in Baden-Württemberg.
Der Erfolg von Coaches lässt sich Wiedemann zufolge auch dadurch erklären, dass es zu wenig Psychotherapie-Plätze gibt. Zudem möchten sich immer mehr Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung weiterbilden und nehmen die Angebote von Coaches zu Hilfe.
Viele Coaches sind Marketingprofis
Bei vielen Coaching-Angeboten wird mit kostenlosen Erstgesprächen geworben. Das ist auch bei seriösen Anbietern nicht unüblich. Der Unterschied: Bei unseriösem Coaching ähneln diese Erstgespräche eher Verkaufsveranstaltungen. Potenzielle Kunden werden zu Vertragsabschlüssen gedrängt, indem suggeriert wird, dass Kurse fast ausgebucht seien oder bei sofortiger Unterzeichnung ein großer Rabatt gewährt werden kann. Die individuelle Zielsetzung und ein detaillierter Weg, diese zu erreichen spielen hingegen eine untergeordnete Rolle.
Unseriöse Coaches werben mit Kursen, die versprechen, in sieben Schritten eine Million zu verdienen. Andere verkaufen Fünf-Schritte-Pläne zum Glück. Was die Angebote eint, sind vermeintlich einfache Lösungen auf komplexe Probleme sowie unrealistische und verlockende Versprechungen.
Hinter unseriösen Coaches stecken oft Marketingprofis, die potenzielle Kunden locken, indem sie mit emotionalen Geschichten an die Gefühlslage der Betroffenen andocken. Ein gängiges Narrativ ist, dass der Coach selbst in einer schwierigen persönlichen Lage war, zum Beispiel nach einer Insolvenz, Trennung oder sogar einem Gefängnisaufenthalt. Weil er sich erfolgreich aus der Situation befreit habe, könne er das nun auch seinen Kunden beibringen. So wirbt ein Coach auf seinem YouTube-Kanal mit der Aussage: „Wie kann ich wissen, dass Sie mir helfen können? Weil ich weiß, was Sie durchmachen.“
Oft kommen dabei auch esoterische Elemente zum Einsatz, erläutert Matthias Pöhlmann, Weltanschauungsbeauftragter der evangelisch-lutherischen Landeskirche Bayerns. Dann werden zum Beispiel angebliche Energien freigesetzt, Traumata aus vergangenen Leben aufgearbeitet oder mantraartig Affirmationen heruntergebetet, die allein durch die Vorstellungskraft Reichtum erzeugen oder sogar Geburten schmerzfrei ablaufen lassen sollen.
Verbraucherschutzzentralen und Weltanschauungsbeauftragte sprechen davon, dass sich um manche Coaches sektenartige Gemeinschaften angesammelt haben – mit dem Coach als Guru, der den Weg weist und scheinbar unantastbar an der Spitze steht.
Mirjam Wiedemann von der Geschäftsstelle für gefährliche religiöse weltanschauliche Angebote beim Kultusministerium Baden-Württemberg betont, dass die Nachfragen zu Coaching immer weiter steigen und sie aus kaum einem anderen Gebiet derartig viele Anfragen erhalte. Seit 2020 haben sich die Anfragen laut dem Jahresbericht der zugehörigen Beratungsstelle "Zebra" zum Thema Coaching mehr als verdoppelt und machen mittlerweile ein Vielfaches der Anfragen zu Sekten aus.
Psychische und finanzielle Abhängigkeiten
In Extremfällen bringen unseriöse Coaches Betroffene dazu, sich von ihrem sozialen Umfeld zu trennen oder nehmen sie finanziell aus.
Uta Bange vom Verein SektenInfo NRW berichtet von einer Klientin, die nach einer Trennung während des Coronalockdowns einen Heilcoach aufsuchte. In einer sogenannten Reinkarnationstherapie hätten sie Reisen in angeblich vergangene Leben der Kundin gemacht. Dort hätten sie herausgefunden, dass die Kundin eine Prinzessin sei, die die Welt retten solle. Sie könne ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn sie sich von Familienmitgliedern und Freunden distanziere, so Bange. Die Frau erkrankte infolgedessen an einer Psychose.
„Und dann gibt es auch noch die Masche mit den Coachingausbildungen. Kunden wird suggeriert, sie sollten selbst auch Coaches werden. Unseriöse Coaches versuchen, ihre Kunden dadurch zu binden und bieten sehr teure Ausbildungen an. Im Prinzip funktioniert das wie ein Schneeballsystem“, erklärt Julia Zeller von der Verbraucherschutzzentrale. Sie berichtet von einem Fall, in dem die Ehefrau das gesamte Vermögen eines Paares in eine solche Ausbildung gesteckt habe. In einigen Fällen raten Coaches sogar dazu, Kredite aufzunehmen. Sie legen den Kunden nahe, die Coachingausbildung sei der Schlüssel zu finanzieller Freiheit und einem erfüllendem Beruf. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um wertlose Abschlüsse.
Unseriöses Coaching erkennen
Das Kultusministerium Baden-Württembergs hat eine Checkliste veröffentlicht. Darin ist aufgelistet, was ein Coaching bewirken kann – und was nicht. Aber auch, woran man merkt, dass ein Coach unseriös arbeitet.
Ein zentraler Punkt ist die zugrunde liegende Ausbildung. Fachhochschulen und Verbände bieten teils mehrjährige Coachingausbildungen an, in denen Kenntnisse von Psychologie über Ethik bis zum eigenen Rollenverständnis vermittelt werden. Auch eine Zertifizierung von einem Coachingverband kann anzeigen, dass es sich um einen seriösen Coach handelt. Außerdem ist es hilfreich, wenn Coaches Abschlüsse in den Bereichen aufweisen können, zu denen sie coachen, zum Beispiel wenn ein Ernährungscoach ein Studium in Ernährungswissenschaften oder eine Ausbildung zum Gesundheitsberater abgeschlossen hat.
Die zertifizierte Business-Coachin Sabine Engelhardt etwa orientiert sich an den Richtlinien ihres Verbandes, der International Coaching Federation. Dabei arbeitet sie mit klaren Absprachen zu Zielen, Dauer und Preis des Coachings. Als Coach sei es nicht ihre Aufgabe, dem Klienten den vermeintlichen Weg zu Glück und Erfolg aufzuzeigen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und auf individuelle Bedürfnisse einzugehen, sagt Engelhardt.
Um Coachingfallen zu vermeiden, können Betroffene Verträge von Verbraucherschutzzentralen vor der Unterschrift prüfen lassen. Das ist auch möglich, wenn Verträge bereits abgeschlossen wurden. Julia Zeller von der Verbraucherschutzzentrale Bayern rät außerdem dazu, im Vorhinein selbst zu Coaches zu recherchieren. Ist bereits Kritik öffentlich geworden, der Coach zum Beispiel bei Beratungsstellen aufgefallen? „Wenn man ein mulmiges Gefühl hat, sollte man vorsichtig werden,“ empfiehlt Zeller.
Coachingwelt ein rechtsfreier Raum?
Derzeit gibt es einige Beratungsstellen und Geschäftsstellen an Kultusministerien, die Opfern von unseriösen Coaches Hilfe anbieten und zum Teil gemeinsam mit Verbraucherschutzzentralen Gerichtsverfahren gegen Coaches führen. Die Urteile basieren dabei häufig auf dem Fernunterrichtsgesetz, mitunter gibt es einen Anspruch auf Schadensersatz.
Eine Möglichkeit unseriöses Coaching zu verhindern, wäre es, die Berufsbezeichnung „Coach“ zu schützen. Das fordert etwa Sabine Engelhardt, die befürchtet, dass ihr Berufsbild in Mitleidenschaft gezogen wird. Doch Coachingverbände und das Kultusministerium Baden-Württemberg sind sich einig, dass das vorerst nicht praktikabel ist.
Auf politischer Ebene werde über ein Siegel diskutiert, durch das Coaches klar erkennbar als seriös ausgewiesen werden können, sagt Mirijam Wiedemann vom Kultusministerium Baden-Württemberg. Dafür müsste man Richtlinien und Überprüfungszeiträume festlegen. Bis ein solches Siegel eingeführt wird, dürfte es aber noch dauern, schätzt Wiedemann.