Das Fressen kommt vor der Moral

Von Natascha Pflaumbaum |
In der Inszenierung des schwedischen Regisseurs Staffan Valdemar Holm ist Molières "Tartuffe" ein Widerling. In der Komödie gibt es reichlich zu lachen. Holm wird demnächst Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses.
Tartuffe ist ein Widerling, dreckig, schmierig, verwahrlost: innerlich und äußerlich. Er kann den Leuten nicht in die Augen schauen, es sei denn, er will Sex von ihnen. Wolfgang Michael betont einmal wieder das Kreatürliche am Menschen, wenn er diesen Tartuffe wie ein Tier über die Bühne schleichen lässt. Tartuffe ist ein Sublimierer: Die Flucht in eine schleimige Frömmigkeit schützt ihn vor seinen widerlichen Gedanken, sie schützt ihn vor dem Trieb, vor seiner unreifen Gier nach Sex.

An diesem Punkt zeigt sich Michael Abendroth als Orgon seelenverwandt mit Tartuffe. Er gewährt dem Oberfrommen Gastfreundschaft und lebt fortan an ihm eine große Projektion aus. Weil Orgon selber nicht fromm sein kann, überträgt er den Wunsch, fromm zu sein, auf Tartuffe, er betrachtet ihn als ausgelagerten guten Teil seines eigenen Ichs. Wie gut und fromm er selber sein möchte, zeigt sich im unermesslichen Grad seiner Idealisierung Tartuffes, die Orgon schier blind macht.

Der schwedische Regisseur Staffan Valdemar Holm bringt am Schauspiel Frankfurt ein Psychodrama auf die Bühne, das zeigt, wie zwei Männer sich versteigen und wie die Frauen, die unweigerlich mit drinstecken, als einzige einen kühlen Kopf bewahren, und trotzdem Opfer dieser vertrackten Männerwelten werden. Orgon ist also blind vor Liebe zu Tartuffe, opfert ihm beinahe die Tochter, die Frau sowieso, kappt alle Beziehungen, um diesen Tartuffe immer in seiner Nähe zu haben. Und der nutzt das weidlich aus: Das Fressen kommt eben immer vor der Moral.

Der Salon einer Villa, in dem das Ganze anfangs spielt, der schwarze Flügel, einige Lounge-Hocker aus elfenbeinfarbenem Leder markieren das Wohl-Situierte, Arrivierte dieser Gesellschaft, die offensichtlich mehr an Äußerlichkeiten hängt als am eigenen Clan. Das Leben in diesem Salon scheint tiefgefroren, man bewegt sich im Zeitlupentempo ... immer kurz vorm Straucheln. Molières melodiöse Alexandriner werden monoton herausgestöhnt. Man hat den Eindruck, hier in dieser Familie muss etwas ganz Schlimmes passiert sein, weil alle wie traumatisiert wirken. Das Publikum lacht darüber.

Dann beginnt das Spiel vor einer riesigen, meterlangen und meterhohen weißen Gardine, die sich an der Bühnendecke entlangschlängelt und das erste Bühnendrittel abtrennt: Ein Kammerspiel beginnt, in dem Josefin Platt als Zofe Dorine die Fäden spinnt und zu retten versucht, was noch zu retten ist. Bis zum Auftritt von Wolfgang Michael müsste diese Frankfurter Inszenierung "Dorine" heißen, denn Frau Platt spielt mit changierenden Zwischentönen und konterkariert damit alle Klischees einer einfachen, wenn auch bauernschlauen Zofe. Sie ist diese Therapeutin dieser reichen Gesellschaft.

Molière schreibt mit "Tartuffe" eine Komödie. Staffan Valdemar Holm trägt dem auch Rechnung, indem er die Komik in Form von Übersprungshandlungen auf die Bühne bringt. Weil diese Leute so verzweifelt sind, tun sie Dinge, die unfreiwillig komisch sind. Wenn Christoph Pütthoff als Valère nach einem hysterischen Anfall halbblind über die Bühne kriecht und tastend seine verlorene Kontaktlinse sucht, ist das Situationskomik, die großes Gelächter auslöst. Wütende Menschen machen sich nun mal immer lächerlich.

Von solcher Situationskomik gibt es viel in Holms Inszenierung. Wer also bei "Tartuffe" auf Lachen programmiert ist, kommt allemal in Frankfurt auf seine Kosten. Wem Lachen im Theater nie ganz geheuer ist, der entdeckt in dieser Tartuffe-Inszenierung, wohin das Lachen uns gemeinhin führt: in dunkelste menschliche Abgründe.


"Tartuffe" am Schauspiel Frankfurt