Der lange Schatten von Tschernobyl

Rezensiert von Florian Hildebrand |
Antje Hilliges erzählt in ihrem Buch "Der Tag, an dem die Wolke kam" exemplarisch die Geschichte der Familie Wachidowa, die nur wenige Kilometer vom Unglücksreaktor in Tschernobyl entfernt lebte. Die Autorin verfolgt die Wege der Familie bis heute und zeigt, wie sich der Super-Gau wie ein Schatten auf das Leben der Wachidowas legte.
Als die radioaktive Wolke aus Tschernobyl sich über den Westen senkte, hatten deutsche staatliche Stellen ihre Probleme, das gesundheitliche Risiko der Strahlendosen einzuschätzen. Sie beruhigten und hielten im Zweifelsfall kritische Daten zurück. Teile der Öffentlichkeit entzogen daraufhin den zuständigen Ämtern die Deutungshoheit über die erhöhten Werte von Cäsium und Jod und organisierten alles Lebenswichtige in jenen Tagen der unsichtbaren Gefahr selbst.

Die Erinnerung an die Aufregung damals in Deutschland beschämt angesichts dessen, was Zehn-, ja Hunderttausenden rund um Tschernobyl vor zwanzig Jahren zugemutet wurde. Antje Hilliges, Angestellte des Auswärtigen Amts in Kiew erzählt nun in ihrem Buch "Der Tag, an dem die Wolke kam" exemplarisch die Geschichte der vierköpfigen Familie Wachidowa, die im Städtchen Pripjat wenige Kilometer von Tschernobyl lebte und von der Explosion des Reaktors genau so unmerklich heimgesucht wurde wie die anderen 20.000 Einwohner des Ortes. Über diese Zone, in der bis heute niemand leben darf, ergoss die Explosion mehr Radioaktivität als über alle weiteren Regionen.

Zunächst wird der ganze Ort evakuiert. Bald muss Vladimir Wachidowa, der den Reaktor mit errichtet hatte, zurückkehren, um mit einem Sarkophag die überbordende Radioaktivität zu begraben. Mit Tausenden anderer so genannter Liquidatoren ist er über Monate abenteuerlich hohen Strahlendosen ausgesetzt. Die Autorin verfolgt die Wege der Familie Wachidowa bis heute, notiert Krankheiten, Niedergeschlagenheit, Desillusionierung, die Sorgen der Eheleute um die eigene und die Gesundheit ihrer beiden Kinder.

Antje Hilliges gelingt es, dieses Familienschicksal eng geführt zu erzählen, unterbrochen nur von knappen Szenen, in denen sie beschreibt, wie intensiv sie gemeinsam mit Ehefrau Irina Wachidowa am Text arbeitet. So entsteht ein schnörkelloser Dokumentationsroman aus einer Zeit, die zwei Mal kurz hintereinander aus den Fugen geraten ist, einmal durch den GAU, den größten anzunehmenden Unfall und nur wenige Jahre später durch den Zerfall eines Riesenreiches, der bis heute die Mentalität der darin lebenden Menschen tief berührt.

Durch die enge Mitarbeit von Irina Wachidowa verliert Antje Hilliges jede schriftstellerische Distanz, sodass die Familienmitglieder dem Leser mit einer gewissen Idealisierung begegnen. Dafür gewinnt die Autorin jedoch eine erzählerische Intimität, in der Nöte, Sorgen, Hoffnungen und der offenbar nicht zu brechende Lebensoptimismus deutlich werden.

Eine alles andere als außergewöhnliche Familie erlebt den so unerwarteten wie vollständigen Zerfall all dessen, was junge, ehrgeizige und aktive Menschen als Lebensperspektive in der Sowjetunion erwarten durften. So werden die Wachidowas mit ihrer Leidensgeschichte zum Lackmuspapier für ein politisches System, in dem Menschenwürde, das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit, auf Information, ja das Recht auf eigenes Leben nicht viel galt.

Versagen und Unzulänglichkeit der Verantwortlichen angesichts des nicht zu Bewältigenden bekommen die Betroffenen als Menschenverachtung, Zynismus und Demütigung zu spüren. Für die Wachidowas ist die Fallhöhe der Ernüchterung beträchtlich, denn Ehemann Vladimir gehörte zu jenen aufstiegswilligen jungen Männern, die aus dem fernen Usbekistan kommend gemäß den Parteiparolen mit der Zukunftstechnologie Atomkraftwerk glaubten, die Vision des Sozialismus in die Realität umzusetzen.

Die neuen politischen Verhältnisse in der Ukraine, so wird am Ende des Buchs nüchtern von Anja Hilliges bilanziert, haben den Wachidowas nicht wirklich ein besseres Leben beschert. Frau Wachidowas, die Mitautorin ist Frührentnerin, Vladimir ist Dachdecker und leidet unter Schwindelanfällen. Die Tochter Julia zieht es als frisch gebackene Touristikfachfrau hinaus in die westliche Welt, die andere, Anna wollte aus gutem Grund Ärztin werden, verkauft aber jetzt aus Enttäuschung über ein kontinuierlich marodes Gesundheitswesen nur noch Pillen. Überlebt haben sie alle vier, das war keine Selbstverständlichkeit, aber gesund sind sie nicht und werden es auch nicht mehr.

Das Buch sticht aus den Veröffentlichungen zum 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl heraus. Es werden nicht zum soundsovielten Mal der Hergang der Havarie, die Radioaktivitätsemissionen und die weitreichenden Folgeschäden aufgezählt und bilanziert, es wird nicht gefragt, ob Atomenergie sinnvoll ist oder nicht. Vielmehr wird auf eine undramatische bis lakonische, aber immer einfühlsame und menschlich bewegende Weise erzählt, wie sich der lange Schatten von Tschernobyl in die Geschichte einer vierköpfigen Familie eingegraben hat, die bis zum April 1986 voller Zukunftshoffnung war. Plötzlich war alles anders, und sie musste um Leben und Gesundheit kämpfen, Krankheit, Not und andere Entbehrungen aushalten. Die vier leiden noch heute an Tschernobyl, aber sie fühlen sich heute nicht als tschernobylzy, Katastrophen-Sigmatisierte. Die Wachidowas haben es geschafft, das macht das Buch so besonders, trotz aller Erlebnisse nicht mehr Opfer zu sein.

Antje Hilliges, Irina Wachidowa: Der Tag, an dem die Wolke kam. Wie wir Tschernobyl überlebten
Wilhelm Heyne Verlag
München 2006, 7,95 Euro