Der Verführer
Er hat mit den wichtigsten Regisseuren gearbeitet und von Richard III. bis Othello alle bedeutenden Theaterrollen gespielt: Gert Voss gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Schauspieler. Heute wird er 70 Jahre alt.
Es gibt Theaterkarrieren, die ganz ungewollt beginnen. Gert Voss zum Beispiel wollte eigentlich Filme drehen. Also dachte er sich:
"Naja, wenn ich Filme mache, dann muss ich ja ein bisschen von Schauspielerei verstehen, also ich muss ja den Schauspielern vor der Kamera ein bisschen erklären können, wie ich mir das vorstelle und hab dann gefragt, wie man das macht."
Dieses Machen lernt der Mann, der seine Kindheit in Shanghai verbrachte, so gut, dass er fortan von den Bühnen nicht mehr wegzudenken ist. Viele Lieben begleiten Gert Voss durch dieses Theaterleben. Eine große, die bis heute dauert, ist die private zu seiner Frau Ursula. Keine seiner Vorstellungen lässt sie aus.
Der Reigen der Arbeitslieben wird durch Claus Peymann eröffnet: Mit ihm zieht er von Stuttgart nach Bochum und später ans Burgtheater in Wien – entwickelt er sich zum großen Shakespeare-und Bernhard-Darsteller:
"Wie er Dich auf die Fährte setzt, in diesen Text hineinzuriechen oder zu schmecken, bis man wieder neue Entdeckungen macht für die Figur – das war sehr schön. Peymann ist ja einer von den Regisseuren die den Text sehr ernst nehmen und der Musikalität der Sprache sehr nachhört und einen Rhythmus sucht."
In Wien erlebt er mit Peymann Höhen und Tiefen, Skandale um Thomas-Bernhard-Stücke aber auch das Glück, dass ihm der von ihm verehrte Thomas Bernhard ein Stück widmete – ihm und den Kolleginnen Ilse Ritter und Kirsten Dene.
"Wir waren wahnsinnig geehrt – denn normalerweise hat Bernhard seine Stücke dem Minetti gewidmet – nun gehörten wir halt auch zu dem Kreis."
Und nicht nur das: Peter Zadek wird auf Voss aufmerksam und für den Schauspieler zu einem der wichtigsten Regisseure:
"Ja, das Wichtigste ist seine Verführungskunst, einen so aufzumachen als Schauspieler, dass man auf alle Tricks verzichtet und einfach nichts mehr macht. Er bringt es bei der Arbeit, dass man vollkommen nackt ist, vollkommen ungeschützt ist – dann erst fängt etwas an, das ist was, was mit der Wahrheit zu tun hat. Es gibt keine Theaterlügereien in seinen Aufführungen – da war er unbestechlich. Er ist nicht einer, der einem handwerklich hilft – das will er auch nicht. Zadek ist wirklich ein Regisseur gewesen, der in seine Schauspieler verliebt war – das konnte man an seinen Augen sehen – wie verliebt er war."
Der Härte und den Machtspielen von Peymann und Zadek setzt der Regisseur George Tabori eine Zartheit und Vorsicht entgegen, die dem Schauspieler jede Angst nimmt. Mit ihm konnte sich Gert Voss ausprobieren ohne durch Kritik verletzt zu werden.
"Mein Beruf ist ja schon so ein verrückter Beruf – also was ich tue, ist ja verrückt. Ich verrücke mich von mir weg in eine andere Figur. Je weiter man das hinaustreibt, je mehr man an die Grenze kommt, wo man abstürzen kann – desto gefährlicher, riskanter und gleichzeitig aufregender wird es."
Durch viele riskante Proben und Aufführungen haben die Regisseure seines Theaterlebens Gert Voss geführt – und jeder einzelne von ihnen hat ihn dabei weitergebracht – hatte die Fähigkeit seine Fantasie zu aktivieren:
"Durch die Art und Weise, wie sie mir zuschauen – ein Schauspieler braucht das und wird immer besser, wenn die Zuschauer gern zuschauen."
Wer Gert Voss einmal auf der Bühne erlebt hat, wird nicht vergessen, wie präzise er mit Sprache arbeitet. Die Präsenz seines Körpers, seine faszinierende Ausstrahlung sind ungewöhnlich und selten. Er ist ein Verführer, der die Leute mitreißt. Vielleicht hat er das von den Zauberern gelernt , die er liebt: Er führt einen Trick vor. Man weiß, dass es ein Trick ist – aber man weiß nicht, wie er das macht, das man ihm die Figur, die er spielt, so sehr glaubt.
"Der Zuschauer erhebt den Anspruch 'So sieht das Leben aus!' – und wenn er mir das nicht abnimmt, dann muss ich ihn noch besser verführen, mir zu glauben."
Und weil das schönste Spielen für Gert Voss vergleichbar ist mit dem Glücksgefühl beim Fliegen, wirft er sich bis heute unerschrocken in jede neue Rolle. Vertraut sich jüngeren Theatermachern wie Thomas Ostermeier von der Schaubühne an. Dort spielt er gerade in "Maß für Maß" einen Herzog, dem vor dem Sterben nicht bang ist:
Begegne dem Leben mit folgenden Argumenten: Wenn ich Dich verliere, verliere ich etwas, was nur Schwachköpfe behalten wollen. Du bist Nichts als ein Hampelmann des Todes. Rackerst Dich ab ihm zu entfliehen und rennst ihm doch entgegen. ... Du bist nicht Du selbst. Denn bestehen tust Du nur aus tausenden von Teilchen – die aus dem Staube stammen. Und glücklich bist du auch nicht. Denn was du nicht hast, das mühst du dich zu kriegen. Und was du hast, vergisst du.
Gert Voss hatte nie Ziele. Er hat sie einfach erreicht. Durch Zufall, wie er sagt. Seine Antriebskraft: die Spiellust. Das Leben ist immer am besten, wenn man nicht zuviel darüber nachdenkt, was kommen soll. Manchmal aber erinnert er sich an den Ausgangpunkt seiner Karriere. Dann wird selbst der große Gert Voss ein bisschen wehmütig.
"Meine alte verstorbene Agentin hat mir manchmal gesagt: 'Was wollen Sie am Theater, Sie haben alles erreicht, machen Sie doch lieber Film' und dann habe ich gesagt: Film würde ich schon gern machen – aber ich möchte auch so vom Film herausgefordert werden wie vom Theater – das ist das einzige, wo ich ein bisschen traurig bin."
"Naja, wenn ich Filme mache, dann muss ich ja ein bisschen von Schauspielerei verstehen, also ich muss ja den Schauspielern vor der Kamera ein bisschen erklären können, wie ich mir das vorstelle und hab dann gefragt, wie man das macht."
Dieses Machen lernt der Mann, der seine Kindheit in Shanghai verbrachte, so gut, dass er fortan von den Bühnen nicht mehr wegzudenken ist. Viele Lieben begleiten Gert Voss durch dieses Theaterleben. Eine große, die bis heute dauert, ist die private zu seiner Frau Ursula. Keine seiner Vorstellungen lässt sie aus.
Der Reigen der Arbeitslieben wird durch Claus Peymann eröffnet: Mit ihm zieht er von Stuttgart nach Bochum und später ans Burgtheater in Wien – entwickelt er sich zum großen Shakespeare-und Bernhard-Darsteller:
"Wie er Dich auf die Fährte setzt, in diesen Text hineinzuriechen oder zu schmecken, bis man wieder neue Entdeckungen macht für die Figur – das war sehr schön. Peymann ist ja einer von den Regisseuren die den Text sehr ernst nehmen und der Musikalität der Sprache sehr nachhört und einen Rhythmus sucht."
In Wien erlebt er mit Peymann Höhen und Tiefen, Skandale um Thomas-Bernhard-Stücke aber auch das Glück, dass ihm der von ihm verehrte Thomas Bernhard ein Stück widmete – ihm und den Kolleginnen Ilse Ritter und Kirsten Dene.
"Wir waren wahnsinnig geehrt – denn normalerweise hat Bernhard seine Stücke dem Minetti gewidmet – nun gehörten wir halt auch zu dem Kreis."
Und nicht nur das: Peter Zadek wird auf Voss aufmerksam und für den Schauspieler zu einem der wichtigsten Regisseure:
"Ja, das Wichtigste ist seine Verführungskunst, einen so aufzumachen als Schauspieler, dass man auf alle Tricks verzichtet und einfach nichts mehr macht. Er bringt es bei der Arbeit, dass man vollkommen nackt ist, vollkommen ungeschützt ist – dann erst fängt etwas an, das ist was, was mit der Wahrheit zu tun hat. Es gibt keine Theaterlügereien in seinen Aufführungen – da war er unbestechlich. Er ist nicht einer, der einem handwerklich hilft – das will er auch nicht. Zadek ist wirklich ein Regisseur gewesen, der in seine Schauspieler verliebt war – das konnte man an seinen Augen sehen – wie verliebt er war."
Der Härte und den Machtspielen von Peymann und Zadek setzt der Regisseur George Tabori eine Zartheit und Vorsicht entgegen, die dem Schauspieler jede Angst nimmt. Mit ihm konnte sich Gert Voss ausprobieren ohne durch Kritik verletzt zu werden.
"Mein Beruf ist ja schon so ein verrückter Beruf – also was ich tue, ist ja verrückt. Ich verrücke mich von mir weg in eine andere Figur. Je weiter man das hinaustreibt, je mehr man an die Grenze kommt, wo man abstürzen kann – desto gefährlicher, riskanter und gleichzeitig aufregender wird es."
Durch viele riskante Proben und Aufführungen haben die Regisseure seines Theaterlebens Gert Voss geführt – und jeder einzelne von ihnen hat ihn dabei weitergebracht – hatte die Fähigkeit seine Fantasie zu aktivieren:
"Durch die Art und Weise, wie sie mir zuschauen – ein Schauspieler braucht das und wird immer besser, wenn die Zuschauer gern zuschauen."
Wer Gert Voss einmal auf der Bühne erlebt hat, wird nicht vergessen, wie präzise er mit Sprache arbeitet. Die Präsenz seines Körpers, seine faszinierende Ausstrahlung sind ungewöhnlich und selten. Er ist ein Verführer, der die Leute mitreißt. Vielleicht hat er das von den Zauberern gelernt , die er liebt: Er führt einen Trick vor. Man weiß, dass es ein Trick ist – aber man weiß nicht, wie er das macht, das man ihm die Figur, die er spielt, so sehr glaubt.
"Der Zuschauer erhebt den Anspruch 'So sieht das Leben aus!' – und wenn er mir das nicht abnimmt, dann muss ich ihn noch besser verführen, mir zu glauben."
Und weil das schönste Spielen für Gert Voss vergleichbar ist mit dem Glücksgefühl beim Fliegen, wirft er sich bis heute unerschrocken in jede neue Rolle. Vertraut sich jüngeren Theatermachern wie Thomas Ostermeier von der Schaubühne an. Dort spielt er gerade in "Maß für Maß" einen Herzog, dem vor dem Sterben nicht bang ist:
Begegne dem Leben mit folgenden Argumenten: Wenn ich Dich verliere, verliere ich etwas, was nur Schwachköpfe behalten wollen. Du bist Nichts als ein Hampelmann des Todes. Rackerst Dich ab ihm zu entfliehen und rennst ihm doch entgegen. ... Du bist nicht Du selbst. Denn bestehen tust Du nur aus tausenden von Teilchen – die aus dem Staube stammen. Und glücklich bist du auch nicht. Denn was du nicht hast, das mühst du dich zu kriegen. Und was du hast, vergisst du.
Gert Voss hatte nie Ziele. Er hat sie einfach erreicht. Durch Zufall, wie er sagt. Seine Antriebskraft: die Spiellust. Das Leben ist immer am besten, wenn man nicht zuviel darüber nachdenkt, was kommen soll. Manchmal aber erinnert er sich an den Ausgangpunkt seiner Karriere. Dann wird selbst der große Gert Voss ein bisschen wehmütig.
"Meine alte verstorbene Agentin hat mir manchmal gesagt: 'Was wollen Sie am Theater, Sie haben alles erreicht, machen Sie doch lieber Film' und dann habe ich gesagt: Film würde ich schon gern machen – aber ich möchte auch so vom Film herausgefordert werden wie vom Theater – das ist das einzige, wo ich ein bisschen traurig bin."