Die geheimen Tagebücher des Hans Filbinger

Der Dramatiker Rolf Hochhuth bezeichnete ihn als "Hitlers Marinerichter": Hans Filbinger, der langjährige Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Nach seinem Tod 2007 fand dessen älteste Tochter Susanna eine Kiste mit 60 Tagebüchern - aus denen sie nun ein Buch gemacht hat.
Was kann es Besseres für ein Buch geben, als wenn es Schlagzeilen lange vor der Veröffentlichung macht? Und dann auch noch diese: Die Auflage darf nicht ausgeliefert, sie muss eingestampft werden - aus rechtlichen Gründen. Mit welcher Spannung stürzt sich der Leser dann auf die Fassung, die dann endlich - wenn auch nur bereinigt - ausgeliefert werden darf.

So ging es Susanna Filbinger-Riggert mit ihrem Band "Kein weißes Blatt. Eine Vater-Tochter-Biografie". Die älteste Tochter des ehemaligen Marinerichters in der NS-Zeit und christdemokratischen Spitzenpolitikers in der Bundesrepublik, Hans Filbinger, hatte im Nachlass ihres 2007 verstorbenen Vaters 60 Tagebücher gefunden – von 1940, als der 26-jährige Filbinger zur Kriegsmarine ging, bis in die Zeit nach seinem Rücktritt als baden-württembergischer Ministerpräsident 1978. Zwei ihrer vier Geschwister drohten mit juristischen Schritten. Und so erschien das Buch dann ohne Filbinger-Zitate, nur mit indirekten Wiedergaben von Tagebuch-Passagen durch die Autorin.

Nur indirekte Beschreibung von Filbingers Tagebucheinträgen
So folgt der Neugier die Ernüchterung: Wie gern hätten wir in seinen eigenen Worten gelesen, wie er damals über das nationalsozialistische Deutschland dachte, als er an Todesurteilen beteiligt, als er der "furchtbare Jurist" und "Hitlers Marinerichter" war – wie der Schriftsteller Rolf Hochhuth nach einem Gerichtsurteil Filbinger nennen durfte. So erfahren wir das alles durch die Brille und in den Worten der Tochter Susanna, die selber einräumt, dass "vieles" unleserlich ist: "die Tinte ist ausgebleicht", "kaum zu entziffern seine Schrift". Da fragt sich die Düsseldorfer Unternehmensberaterin, ob sie nicht besser "einen Fachmann für Handschriftenlesen engagieren sollte".

Doch "Susala", wie der Vater sie nannte, kämpft sich allein durch die 60 Schreibhefte. Eine Filbinger gibt nicht auf. Da wirkt wohl noch die Erziehung aus den 50er- und 60er-Jahren nach, als der aufstrebende Politiker am Sonntag die Schulkenntnisse seiner Sprösslinge abfragte und bei einer falschen Antwort eine Kopfnuss gab. Es war eine harte Jugend, die "Susala" uns da präsentiert: Die Kinder halfen beim Wahlkampf, klebten Plakate, mussten an Türen klingeln. Und am härtesten war für die Älteste der jahrelange Aufenthalt in einem strengen katholischen Nonnen-Internat.

Einblick in das Leben einer konservativen Politiker-Familie
Doch auch über der jungen Studentin schwebt dann noch der Vater, inzwischen Ministerpräsident: im Guten, wie im Bösen. Er zerstört ihre Männerbeziehungen, doch sein Name hilft bei einer weltläufigen Ausbildung, die ihresgleichen sucht, und bei ihrer Berufstätigkeit in der Wirtschaft, teilweise als Rüstungslobbyistin. Sie besucht im Gefolge des Vaters China, wo damals kaum ein Westler hinkam, sie lebt lange Zeit in Japan und Großbritannien, viele Jahre als alleinerziehende Mutter.

Und auch, wenn nach dem Rücktritt des Vaters nicht mehr jeder deutsche Diplomat im Ausland sofort springt, wenn der Name Filbinger fällt: Einen findet sie immer, der sie in wirtschaftlicher Not sogar bei sich aufnimmt. Das globale Unionsnetzwerk funktioniert. Das alles wird zwar geschildert mit dem gelegentlich nervenden Unterton einer Tochter aus gutem Hause. Das liest sich gleichwohl recht interessant: wie es damals so in konservativen Spitzenpolitiker-Familien zuging.

Umso enttäuschender aber sind dann ihre Antwortversuche auf die Frage aller Fragen: Wie stand Hans Filbinger zum Nationalsozialismus? War er nur der angepasste Jurist aus kleinen Verhältnissen, der um jeden Preis Karriere machen wollte - oder war er doch recht angebräunt? Was den Rücktritt angeht, so bleibt sie eine brave Tochter des Vaters und schildert gerne die unsinnigen Verschwörungstheorien, an die auch der alte Filbinger glaubte: dass letztlich doch die Stasi hinter den Medienberichten stand.

Verschwörungstheorien statt echter Aufklärung
Aber immerhin: Von dem noch unsinnigeren Satz des Filbinger-Nachfolgers Günther Oettinger, "Susalas" Vater sei ein "Gegner des NS-Regimes" gewesen, distanziert sie sich entschieden. Dafür hat sie in den Tagebüchern keinerlei Beleg gefunden - aber auch für das Gegenteil nicht: "Ich habe keinen Beleg gefunden für den Nazi, den Hitlerverehrer womöglich, für den Sadisten, den Rassisten. Nichts."

Nichts? Eine Seite vorher hatte sie aber aus dem Tagebuch in der indirekten Form "Ereignisse" wiedergegeben, die den Vater dazu gebracht hätten, "den Geschehnissen 'seit 1933' in Deutschland nachträglich uneingeschränkt zustimmen zu wollen". Ist das kein Beleg für eine Nazi-Nähe? Und zwei Seiten später zitiert sie den Schriftsteller Reinhold Schneider, den Mann der "Inneren Emigration", zu dessen Kreis sich Filbinger zählte und auf den er sich gerne berief, mit der Einschätzung, "dass mein Vater der NS-Ideologie nahe stand".

Besonders erhellend ist es nicht, was Hans Filbingers älteste Tochter über seine Rolle in der NS-Zeit schreibt. Aber er war - "kein weißes Blatt".

Besprochen von Klaus Pokatzky

Susanna Filbinger-Riggert: Kein weißes Blatt. Eine Vater-Tochter-Biografie
Campus, Frankfurt - New York 2013
283 Seiten, 19,99 Euro


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