Dilettantismus

Die Schneckenforscherin

Von Ruth Rach |
Die Britin Ruth Brooks kam dem Orientierungssinn von Schnecken auf die Spur. Die Hobbygärtnerin bekam für ihre Entdeckung sogar einen Preis. Und überraschte mit ihren Erkenntnissen einen Professor.
Sommerparty bei Michele. Sie hat den schönsten Garten. Aber wie schafft sie das nur, die Schnecken fernzuhalten? Schneckenkorn? Never. Schlieβlich gehört sie zu den Grünen. Andere Gäste haben weniger Skrupel.
Mann: "Ich werfe sie auf die Straβe und hoffe, dass sie kaputtgehen."
Frau: "Ich zerstampfe sie. Ich liebe das Knirschen."
Zweite Frau: "Ich werfe sie über den Gartenzaun, um den Nachbarn eins auszuwischen."
Barbarische Methoden, entsetzt sich David Dunstan, Professor für experimentelle Physik an der Queen Mary Universität London. David Dunstan wohnt in einem kleinen Cottage in Guildford. Normalerweise konzentriert sich der Wissenschaftler auf Nanotechnologisches. Aber als er vor 13 Jahren in das Häuschen einzog, warteten die Schnecken im Garten schon freudig auf seine Setzlinge:
"Erst wollte ich die Schnecken über die Mauer schleudern. Aber dann sagte jemand, dass die Viecher zurückkämen. Eine erstaunliche Behauptung. Daraufhin suchte ich den ganzen Garten nach Schnecken hab, und malte jeder einzelnen ein Tippex-Pünktchen aufs Gehäuse. Anschlieβend warf ich sie über meine Mauer auf das Feld. Und siehe da: Nach ein paar Wochen waren sie zurück. Sie bekamen prompt einen zweiten Punkt, und flogen wieder über die Mauer. Gegen Ende des Sommers fand ich immer mehr Schnecken mit immer mehr Punkten. Der Rekord lag bei 13 Markierungen."
Professor Dunstan, um die 40, greift zu einer Lucky Strike und bittet in den Garten. Barfuβ. Für den zweiten Versuch brauchte er zwei Kübel Schnecken und einen willigen Nachbarn.
"Ich habe dann die Schnecken mit geraden und ungeraden Zahlen markiert. Die mit den ungeraden Zahlen setzte ich in seinem Garten aus. Der ist etwa 20 Meter von meinem Garten entfernt. Die Schnecken mit den geraden Zahlen warf ich wie üblich über die gegenüberliegende Mauer ins Feld. Insgesamt kam ich auf 568 Rückkehrer. Nur drei stammten aus seinem Garten."
Roaming or Homing, das war die Frage. Waren die Schnecken ziellos herumgeirrt und per Zufall im Heimatgarten gelandet. Oder waren sie ganz gezielt ihrem Navigationsinstinkt gefolgt - der aber nach 20 Meter nicht mehr so richtig funktionierte? Professor Dunstan bediente sich aus dem Werkzeugkasten seiner Wissenschaft und erstellte diverse statistische Erklärungsmodelle. Keines ergab einen eindeutigen Schluss.
Der Durchbruch kam, als er mit der Hobbyforscherin Ruth Brooks zusammentraf. Ruth Brooks, 71, war es leid, ihre Salatblätter mit Weinbergschnecken zu teilen. Sie begab sich auf Augenhöhe mit den Schnecken, markierte sie ebenfalls, trug sie aus dem Garten, und sah ihnen dabei zu, wie sie schnurstracks zu ihren Salatblättern zurückkrochen. Eindeutig ein Navigations-Instinkt, war ihr Schluss. Daraufhin wurde sie mit dem BBC Preis für Bürgerwissenschaftler ausgezeichnet:
"Ruth hat als erste gute Hinweise auf den Navigations-Instinkt der Schnecken vorgelegt. Und unsere Arbeit fantastisch ergänzt, weil sie uns inspirierte, unsere Daten noch einmal neu zu ordnen und ihre Ergebnisse statistisch zu untermauern."
Ihr Fazit ist eine Mahnung an alle Schneckenmörder:
"Jeder Garten enthält zwei Kategorien von Schnecken: Anwohner und Besucher, die in der Nachbarschaft zuhause sind. Ein schneckenfreier Garten wäre also nur durch ein flächendeckendes Massaker zu erzielen, das sich über mehrere Gärten erstreckt."
Hobbyforscher wie Ruth Brooks machen die erstaunlichsten Entdeckungen, gerade, weil sie sich nur von ihrer Neugierde leiten lassen, sagt Professor Dunstan. Berufswissenschaftler hingegen verfolgten oft ein spezifisches Forschungsprogramm das ihr Blickfeld einenge, oder sie arbeiteten in einem Industrielabor, wo sie bestimmte Budgets und Vorgaben hätten. Eine gewisse Skepsis gegenüber Hobbyforschern bleibt trotzdem. Ob es etwa damit zu tun hat, dass eine Dilettantin den Schneckenprofessor - sozusagen im Schneckentempo - überholte?
"Ich hab zwar schon mit Grundschülern über meine Versuche diskutiert, Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie wir wirklich zuverlässig Daten sammeln würden. Vielleicht vergessen sie ja in ihrer Aufregung, wo sie eine Schnecke gefunden haben oder ändern ein Ergebnis, nur weil es ihnen nicht gefällt."
Den Kampf gegen die kriechenden Mitbewohner scheint Professor Dunstan schon lange aufgegeben zu haben. Sein Garten sieht merkwürdig kahl aus. Liebevoll nimmt der Professor eine Weinbergschnecke in die Hand. "Welch ein perfektes Versuchsobjekt."