"Ein bisschen im Weg sollte Kunst schon stehen"
Für den Künstler Andreas Ammer ist der Tag des Anschlags auf israelische Sportler während der Olympischen Spiele vor 36 Jahren ein Tag, an dem die deutschen Behörden absolut versagt hätten. "Man möchte gar nicht dran erinnert werden", sagt er. Das sei auch der Grund, warum sein akustisches Mahnmal für die Opfer des Attentats nicht genehmigt worden sei.
Jürgen König: Ein akustisches Mahnmal wollten sie schaffen, der Hörspielkünstler Andreas Ammer und der Musiker Martin Gretschmann, auch bekannt unter dem Namen "Console", Mitglied der Band "The Notwist", ein akustisches Mahnmal zum Andenken an die Opfer der palästinensischen Anschläge auf israelische Sportler im olympischen Dorf in München am 5. September 1972, heute vor 36 Jahren, bei den Olympischen Spielen. Eine Performance wollten die beiden Künstler in der Münchener U-Bahn am heutigen Tage inszenieren, aber dazu wird es nicht kommen. Guten Tag, Herr Ammer!
Andreas Ammer: Guten Tag!
König: Würden Sie sagen, dass seit diesem 5. September 1972 man nicht mehr von heiteren Spielen sprechen kann beziehungsweise, dass es von diesem Tag an keine heiteren Olympischen Spiele mehr geben konnte?
Ammer: Ja, seitdem haben die Olympische Spiele sich immer mehr zum Polizeistaat entwickelt, und nicht nur die Olympischen Spiele. Seitdem haben sich überall auf der Welt alle Arten von Personenkontrollen unendlich verschärft, weil das damalige Konzept, das es in München gab, freie Spiele, freier Zugang, man muss bloß über den Zaun steigen und kommt überall hin, ist damals gescheitert. Und es gab zum ersten Mal weltweit dieses Phänomen eines Terrorismus, der sich der Medien bediente. Die Terroristen sind da eingestiegen, wo die meisten Kameras waren, ein Ereignis, das dann erst am 11. September in seiner Tragweite noch einmal übertroffen wurde.
König: Elf israelische Sportler wurden damals als Geiseln genommen, 232 Palästinenser sollten freigepresst werden, auch Andreas Baader und Ulrike Meinhof und ein japanischer Terrorist sollten freigepresst werden. Israel hat das abgelehnt. Der Versuch einer Geiselbefreiung scheiterte damals, alle elf Geiseln kamen ums Leben, fünf Terroristen starben, ein Polizist, drei Terroristen überlebten, wurden aber nie vor Gericht gestellt. Sie haben Ihr Kunstprojekt "Massaker in unserer Stadt" genannt. Beschreiben Sie uns, was Sie vorhatten.
Ammer: Ganz einfach. Damals wurde in München die U-Bahn gebaut, und es gibt diese U-Bahn-Stammstrecke, die geht vom Sendlinger-Tor-Platz raus zum Olympiazentrum. Das sind genau elf Stationen damals gewesen. Und auf diesen elf Stationen wollten wir ursprünglich jede dieser Stationen für einen Tag einem getöteten israelischen Sportler widmen, sie vielleicht sogar umbenennen für einen Tag und auf der Fahrt zwischen diesen elf Stationen mit O-Tönen und Musik diesen Tag Revue passieren lassen.
Das Schöne an dem Tag ist ja, da die ganzen Medien da waren, wir haben irgendwie alles an Dokumenten, die ganze Aufregung, diese völlige Verblüffung der ganzen Welt, was da passiert ist, schwingt in den Stimmen der Reporter mit. Das ist alles da, alles aufgehoben und das wollten wir mit einem sanften musikalischen Werk verbunden in der U-Bahn den Leuten zu Gehör bringen, in wenigen U-Bahn-Wägen. Es hätte wahrscheinlich nicht mehr gestört als die unsägliche Vivaldi-Musik, die man da sonst manchmal zu hören bekommt, hätte aber vielleicht doch mal, was Kunst im besten Moment machen kann, so dieses Innehalten, huch, da war doch was.
Klar hätte es die Leute vielleicht etwas verstört, dass plötzlich hier Musik oder Kunst im U-Bahn-Wagen ist, aber Kunst ist, wir können auf jedem unserer Plätze sehen, unsere schönsten Plätze, da steht ein Denkmal davor, das ist auch Kunstwerk, und um dieses Kunstwerk müssen wir auch herumgehen. Ein bisschen im Weg sollte Kunst schon stehen. Es wurde uns schon zugetraut, das irgendwie nicht zu schlimm zu machen, der Stadtrat hat uns unterstützt.
König: Sie haben eine Fördersumme von 40.000 Euro bekommen, aber dann hat die Verkehrsgesellschaft gesagt, nein, aus betrieblichen sowie aus sicherheitstechnischen Gründen ginge das nicht.
Ammer: Ja, das waren natürlich …
König: Scheinargumente?
Ammer: Diese Gesetze gibt es schon überall, aber ich bin als Macher von solchen Events schon des Öfteren mit solchen Sachen konfrontiert worden. Wenn man da verhandeln will und irgendwie Wege finden will, gibt es immer Wege, Genehmigungen auch so auszustellen oder Konzepte so umzuschreiben, wir waren ja überarbeitungswillig. Als man uns gesagt hat, ja, die Eingänge dürfen nicht blockiert werden, und wir sagen, okay, dann machen wir alles nur mit Laptops, alles tragbar und keine Einbauten. Ja, dann machen wir das irgendwie so, was es gibt mit der U-Bahn, eben Laptops.
König: Kann es sein, dass es eine Angst gibt in München, an diesen Tag zu erinnern?
Ammer: Natürlich. Es ist ein Tag, wo die deutschen Behörden absolut versagt haben und die Polizei versagt hat. Man möchte natürlich mit diesem Ereignis auch nicht so richtig zu tun haben, man möchte gar nicht dran erinnert werden. Es gibt in der Stadt außer, glaube ich, uns heute keinen, der an so etwas erinnert. Es gibt einen kleinen Gedenkstein im Olympischen Dorf, aber ansonsten gar nichts.
König: Werden Sie noch anderes machen oder das Projekt in anderer Weise fortsetzen wollen, daran zu arbeiten?
Ammer: Daran basteln und überlegen wir gerade. Jetzt haben wir natürlich doch schon so viel gearbeitet, sodass wir es nicht ganz abstellen wollen. Aber jetzt nur ein Hörspiel draus zu machen oder es wie vorgestellt irgendwie ein paar Fotos aufzustellen und Kopfhörer hinzuhängen, das würde natürlich den Akt, dass wir irgendwie schon ein Kunstwerk machen wollten, den man sich erst mal aussetzen muss, wenn man U-Bahn fährt, man hätte ja auch in einen anderen Wagen steigen können, hätten wir vielleicht markiert, heute hier Kunst, Achtung, Ohren zu, oder so. Wir werden es irgendeiner Form natürlich machen.
König: Kein akustisches Mahnmal in München. Der Hörspielkünstler Andreas Ammer. Vielen Dank!
Ammer: Ich danke Ihnen!
Andreas Ammer: Guten Tag!
König: Würden Sie sagen, dass seit diesem 5. September 1972 man nicht mehr von heiteren Spielen sprechen kann beziehungsweise, dass es von diesem Tag an keine heiteren Olympischen Spiele mehr geben konnte?
Ammer: Ja, seitdem haben die Olympische Spiele sich immer mehr zum Polizeistaat entwickelt, und nicht nur die Olympischen Spiele. Seitdem haben sich überall auf der Welt alle Arten von Personenkontrollen unendlich verschärft, weil das damalige Konzept, das es in München gab, freie Spiele, freier Zugang, man muss bloß über den Zaun steigen und kommt überall hin, ist damals gescheitert. Und es gab zum ersten Mal weltweit dieses Phänomen eines Terrorismus, der sich der Medien bediente. Die Terroristen sind da eingestiegen, wo die meisten Kameras waren, ein Ereignis, das dann erst am 11. September in seiner Tragweite noch einmal übertroffen wurde.
König: Elf israelische Sportler wurden damals als Geiseln genommen, 232 Palästinenser sollten freigepresst werden, auch Andreas Baader und Ulrike Meinhof und ein japanischer Terrorist sollten freigepresst werden. Israel hat das abgelehnt. Der Versuch einer Geiselbefreiung scheiterte damals, alle elf Geiseln kamen ums Leben, fünf Terroristen starben, ein Polizist, drei Terroristen überlebten, wurden aber nie vor Gericht gestellt. Sie haben Ihr Kunstprojekt "Massaker in unserer Stadt" genannt. Beschreiben Sie uns, was Sie vorhatten.
Ammer: Ganz einfach. Damals wurde in München die U-Bahn gebaut, und es gibt diese U-Bahn-Stammstrecke, die geht vom Sendlinger-Tor-Platz raus zum Olympiazentrum. Das sind genau elf Stationen damals gewesen. Und auf diesen elf Stationen wollten wir ursprünglich jede dieser Stationen für einen Tag einem getöteten israelischen Sportler widmen, sie vielleicht sogar umbenennen für einen Tag und auf der Fahrt zwischen diesen elf Stationen mit O-Tönen und Musik diesen Tag Revue passieren lassen.
Das Schöne an dem Tag ist ja, da die ganzen Medien da waren, wir haben irgendwie alles an Dokumenten, die ganze Aufregung, diese völlige Verblüffung der ganzen Welt, was da passiert ist, schwingt in den Stimmen der Reporter mit. Das ist alles da, alles aufgehoben und das wollten wir mit einem sanften musikalischen Werk verbunden in der U-Bahn den Leuten zu Gehör bringen, in wenigen U-Bahn-Wägen. Es hätte wahrscheinlich nicht mehr gestört als die unsägliche Vivaldi-Musik, die man da sonst manchmal zu hören bekommt, hätte aber vielleicht doch mal, was Kunst im besten Moment machen kann, so dieses Innehalten, huch, da war doch was.
Klar hätte es die Leute vielleicht etwas verstört, dass plötzlich hier Musik oder Kunst im U-Bahn-Wagen ist, aber Kunst ist, wir können auf jedem unserer Plätze sehen, unsere schönsten Plätze, da steht ein Denkmal davor, das ist auch Kunstwerk, und um dieses Kunstwerk müssen wir auch herumgehen. Ein bisschen im Weg sollte Kunst schon stehen. Es wurde uns schon zugetraut, das irgendwie nicht zu schlimm zu machen, der Stadtrat hat uns unterstützt.
König: Sie haben eine Fördersumme von 40.000 Euro bekommen, aber dann hat die Verkehrsgesellschaft gesagt, nein, aus betrieblichen sowie aus sicherheitstechnischen Gründen ginge das nicht.
Ammer: Ja, das waren natürlich …
König: Scheinargumente?
Ammer: Diese Gesetze gibt es schon überall, aber ich bin als Macher von solchen Events schon des Öfteren mit solchen Sachen konfrontiert worden. Wenn man da verhandeln will und irgendwie Wege finden will, gibt es immer Wege, Genehmigungen auch so auszustellen oder Konzepte so umzuschreiben, wir waren ja überarbeitungswillig. Als man uns gesagt hat, ja, die Eingänge dürfen nicht blockiert werden, und wir sagen, okay, dann machen wir alles nur mit Laptops, alles tragbar und keine Einbauten. Ja, dann machen wir das irgendwie so, was es gibt mit der U-Bahn, eben Laptops.
König: Kann es sein, dass es eine Angst gibt in München, an diesen Tag zu erinnern?
Ammer: Natürlich. Es ist ein Tag, wo die deutschen Behörden absolut versagt haben und die Polizei versagt hat. Man möchte natürlich mit diesem Ereignis auch nicht so richtig zu tun haben, man möchte gar nicht dran erinnert werden. Es gibt in der Stadt außer, glaube ich, uns heute keinen, der an so etwas erinnert. Es gibt einen kleinen Gedenkstein im Olympischen Dorf, aber ansonsten gar nichts.
König: Werden Sie noch anderes machen oder das Projekt in anderer Weise fortsetzen wollen, daran zu arbeiten?
Ammer: Daran basteln und überlegen wir gerade. Jetzt haben wir natürlich doch schon so viel gearbeitet, sodass wir es nicht ganz abstellen wollen. Aber jetzt nur ein Hörspiel draus zu machen oder es wie vorgestellt irgendwie ein paar Fotos aufzustellen und Kopfhörer hinzuhängen, das würde natürlich den Akt, dass wir irgendwie schon ein Kunstwerk machen wollten, den man sich erst mal aussetzen muss, wenn man U-Bahn fährt, man hätte ja auch in einen anderen Wagen steigen können, hätten wir vielleicht markiert, heute hier Kunst, Achtung, Ohren zu, oder so. Wir werden es irgendeiner Form natürlich machen.
König: Kein akustisches Mahnmal in München. Der Hörspielkünstler Andreas Ammer. Vielen Dank!
Ammer: Ich danke Ihnen!