Engagierte, politische Kunst
In den 60er-Jahren wurde Siegfried Neuenhausen bekannt durch eindringliche Installationen zu Folter und Gewalt. Später arbeitete er mit Gefängnisinsassen und psychisch Kranken zusammen. Zu seinem 80. Geburtstag widmen das Sprengel-Museum in Hannover und der Kunstverein Hannover dem Künstler jeweils eine eigene Ausstellung.
Im Untergeschoss des Sprengel-Museums steht man plötzlich vor zwei Stühlen. Der eine ist leer. Auf dem anderen hockt, mit dem Oberkörper vornüber gesackt, eine lebensgroße männliche Figur, die Hände auf dem Rücken gefesselt, über den Kopf ein Sack gestülpt. 1971 schuf Siegfried Neuenhausen sein "Denkmal für Joao Borges de Souza", mit dem er an den linken, brasilianischen Studenten erinnert, der von Schergen der Militärdiktatur verhaftet, gefoltert und umgebracht wurde.
Die Arbeit ist charakteristisch für Neuenhausens damaliges Wirken. Und sie hat - wie auch die anderen im Sprengel-Museum ausgestellten - auch nach 40 Jahren nichts von ihrer Wucht verloren. Denn, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin Isabelle Schwarz:
"Da die Arbeiten sehr direkt sind, fühlt man sich sehr konfrontiert mit Fragestellungen, die auch heute noch in den Blickwinkel treten, wenn wir an politische Entwicklungen in politischen Ländern denken, wenn wir an Protesthaltungen von Bürgern sprechen. Das sind alles Dinge, die in seinen Arbeiten angelegt sind und die uns heute auf ganz besondere Weise berühren, weil die Arbeiten eine große Aktualität entwickeln."
Dabei hatte der 1931 geborene Neuenhausen erst abstrakte Malerei studiert. Doch angesichts der gesellschaftlichen Realität hier wie anderswo, entwickelte er in den 60er-Jahren neue Formen einer engagierten, politischen Kunst. Einer Kunst, die sich einmischte, unbequem war, und dem Betrachter so Einsichten und Erkenntnisse ermöglichte über das, was um ihn herum geschah - oder nicht geschah: Im Sprengel-Museum steht direkt neben dem Denkmal für den ermordeten de Souza eine Gruppe Männer: Lebensgroß, in graue Mäntel gehüllt, die Hände in den Taschen vergraben, die Köpfe leicht gesenkt - eine desinteressierte, schweigende Masse. Die "Bürger von B." entstanden 1967 in Braunschweig, wo Neuenhausen als junger Professor lehrte.
"Zu denken gab einem das natürlich schon: Auf der einen Seite die scheinbar heile gesellschaftliche Ordnung. Auf der anderen Seite Nazis, die bis im Bundeskanzleramt noch tätig waren. Und Unterdrückung jedweder Art in dieser Welt. Und dann eben auch das Verschweigen dieser Dinge, das nicht darüber Sprechen. Und das führt dann zu solch einer Gruppe wie die Bürger von B."
Kunst und Politik durchdringen einander in Neuhausens Werk bis heute. Nie wurde er dabei plakativ. Stets suchte er nach neuen Formen der Aufklärung. Bereits in den 70er- und 80er-Jahren entwickelte er Projekte mit psychisch Kranken, startete in der JVA Bremen mit Strafgefangenen ein großes Bildhauerprojekt.
"Dann habe ich das irgendwie hingekriegt, dass im Anschluss an das Projekt der Bremer Senat eine ständige Bildhauerwerkstatt im Gefängnis gebaut hat, sozusagen die erste Verbrecherakademie in Deutschland. 35 Jahre arbeiten die mittlerweile, und die haben nicht nur eine Werkstatt, die haben mittlerweile drei!"
Im Kunstverein Hannover herrscht Gewimmel: Seit den 90er-Jahren entwirft Neuenhausen kleinformatige Bronzen im Stile der "Bürger von B.". Jetzt okkupieren diese anonymen Einheitsfiguren drei Säle des Kunstvereins: Aus Fango gebrannt ordnete Neuenhausen dort tausende schwarzer Männer- und Frauenfiguren so in Gruppen an, dass sie vielerlei Assoziationen ermöglichen: Demonstrationen, militärische Aufmärsche, gesellschaftlicher Verfall, eine Lynchszene, Flüchtlinge vor der Festung Europa.
Seit einigen Jahren entwickelt der mittlerweile 80Jährige Künstler auch Projekte mit Arbeitslosen. Und zwar dort, wo er lebt: In Hannover-Hainholz, einem Viertel, das Politiker leichthin als "sozialen Brennpunkt" bezeichnen.
"Das hat aber alles nichts damit zu tun, dass ich nicht heute noch genau so ein gesellschaftliches Engagement habe, wie damals. Der Unterschied ist, dass das für mich heute alles viel konkreter ist. In diesem armen Stadtteil, wo ich wohne. Das interessiert mich. Der ist für mich exemplarisch für alles. Deswegen gebe ich mir bei den Projekten so viel Mühe. Weil die für mich Modelldinger sind: 'Hainholz ist überall'."
Gerade entsteht dort das dritte Projekt: Zwei vier Meter hohe Figuren aus Keramik. Und es ist sehr schade, dass der Besucher darüber - wie auch über die anderen beiden Projekte - in den Ausstellungen nichts erfährt. Überhaupt hat man den Eindruck, dass die Häuser - vor allem das Sprengel-Museum - eher lustlos bei der Sache waren, und so die Chance vertan haben, einen der wenigen politischen Künstler dieses Landes angemessen zu würdigen: Neuenhausens Initiativen in Gefängnissen und psychiatrischen Kliniken, oder seine zahlreichen Skulpturen für den öffentlichen Raum kommen ebenso wenig vor wie die kleinen Bronzeplastiken der letzten 20 Jahre, in denen er auf böse Art und Weise Spießermentalitäten auf's Korn nimmt.
Neuenhausen selbst, dem jegliche Künstlerallüren abgehen, scheint dies weit weniger wichtig als die weitere Arbeit in seinem Stadtteil, denn, so betont er:
"Diese Arbeit, die Zusammenarbeit mit den Leuten hier, die verändert in der Tat ein bisschen was. Sie verändert das Bewusstsein der Leute. Einmal machen die Leute etwas und gehen bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, und entdecken manchmal auch Dinge, von denen sie gar nicht wussten, dass sie so etwas können. Und objektiv wird in dem Stadtteil selbst auch etwas durch die Kunst verändert."
Die Arbeit ist charakteristisch für Neuenhausens damaliges Wirken. Und sie hat - wie auch die anderen im Sprengel-Museum ausgestellten - auch nach 40 Jahren nichts von ihrer Wucht verloren. Denn, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin Isabelle Schwarz:
"Da die Arbeiten sehr direkt sind, fühlt man sich sehr konfrontiert mit Fragestellungen, die auch heute noch in den Blickwinkel treten, wenn wir an politische Entwicklungen in politischen Ländern denken, wenn wir an Protesthaltungen von Bürgern sprechen. Das sind alles Dinge, die in seinen Arbeiten angelegt sind und die uns heute auf ganz besondere Weise berühren, weil die Arbeiten eine große Aktualität entwickeln."
Dabei hatte der 1931 geborene Neuenhausen erst abstrakte Malerei studiert. Doch angesichts der gesellschaftlichen Realität hier wie anderswo, entwickelte er in den 60er-Jahren neue Formen einer engagierten, politischen Kunst. Einer Kunst, die sich einmischte, unbequem war, und dem Betrachter so Einsichten und Erkenntnisse ermöglichte über das, was um ihn herum geschah - oder nicht geschah: Im Sprengel-Museum steht direkt neben dem Denkmal für den ermordeten de Souza eine Gruppe Männer: Lebensgroß, in graue Mäntel gehüllt, die Hände in den Taschen vergraben, die Köpfe leicht gesenkt - eine desinteressierte, schweigende Masse. Die "Bürger von B." entstanden 1967 in Braunschweig, wo Neuenhausen als junger Professor lehrte.
"Zu denken gab einem das natürlich schon: Auf der einen Seite die scheinbar heile gesellschaftliche Ordnung. Auf der anderen Seite Nazis, die bis im Bundeskanzleramt noch tätig waren. Und Unterdrückung jedweder Art in dieser Welt. Und dann eben auch das Verschweigen dieser Dinge, das nicht darüber Sprechen. Und das führt dann zu solch einer Gruppe wie die Bürger von B."
Kunst und Politik durchdringen einander in Neuhausens Werk bis heute. Nie wurde er dabei plakativ. Stets suchte er nach neuen Formen der Aufklärung. Bereits in den 70er- und 80er-Jahren entwickelte er Projekte mit psychisch Kranken, startete in der JVA Bremen mit Strafgefangenen ein großes Bildhauerprojekt.
"Dann habe ich das irgendwie hingekriegt, dass im Anschluss an das Projekt der Bremer Senat eine ständige Bildhauerwerkstatt im Gefängnis gebaut hat, sozusagen die erste Verbrecherakademie in Deutschland. 35 Jahre arbeiten die mittlerweile, und die haben nicht nur eine Werkstatt, die haben mittlerweile drei!"
Im Kunstverein Hannover herrscht Gewimmel: Seit den 90er-Jahren entwirft Neuenhausen kleinformatige Bronzen im Stile der "Bürger von B.". Jetzt okkupieren diese anonymen Einheitsfiguren drei Säle des Kunstvereins: Aus Fango gebrannt ordnete Neuenhausen dort tausende schwarzer Männer- und Frauenfiguren so in Gruppen an, dass sie vielerlei Assoziationen ermöglichen: Demonstrationen, militärische Aufmärsche, gesellschaftlicher Verfall, eine Lynchszene, Flüchtlinge vor der Festung Europa.
Seit einigen Jahren entwickelt der mittlerweile 80Jährige Künstler auch Projekte mit Arbeitslosen. Und zwar dort, wo er lebt: In Hannover-Hainholz, einem Viertel, das Politiker leichthin als "sozialen Brennpunkt" bezeichnen.
"Das hat aber alles nichts damit zu tun, dass ich nicht heute noch genau so ein gesellschaftliches Engagement habe, wie damals. Der Unterschied ist, dass das für mich heute alles viel konkreter ist. In diesem armen Stadtteil, wo ich wohne. Das interessiert mich. Der ist für mich exemplarisch für alles. Deswegen gebe ich mir bei den Projekten so viel Mühe. Weil die für mich Modelldinger sind: 'Hainholz ist überall'."
Gerade entsteht dort das dritte Projekt: Zwei vier Meter hohe Figuren aus Keramik. Und es ist sehr schade, dass der Besucher darüber - wie auch über die anderen beiden Projekte - in den Ausstellungen nichts erfährt. Überhaupt hat man den Eindruck, dass die Häuser - vor allem das Sprengel-Museum - eher lustlos bei der Sache waren, und so die Chance vertan haben, einen der wenigen politischen Künstler dieses Landes angemessen zu würdigen: Neuenhausens Initiativen in Gefängnissen und psychiatrischen Kliniken, oder seine zahlreichen Skulpturen für den öffentlichen Raum kommen ebenso wenig vor wie die kleinen Bronzeplastiken der letzten 20 Jahre, in denen er auf böse Art und Weise Spießermentalitäten auf's Korn nimmt.
Neuenhausen selbst, dem jegliche Künstlerallüren abgehen, scheint dies weit weniger wichtig als die weitere Arbeit in seinem Stadtteil, denn, so betont er:
"Diese Arbeit, die Zusammenarbeit mit den Leuten hier, die verändert in der Tat ein bisschen was. Sie verändert das Bewusstsein der Leute. Einmal machen die Leute etwas und gehen bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, und entdecken manchmal auch Dinge, von denen sie gar nicht wussten, dass sie so etwas können. Und objektiv wird in dem Stadtteil selbst auch etwas durch die Kunst verändert."