Entnazifizierung unter der Haut
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Aussteiger aus der Nazi-Szene wollen ihre Tattoos von Hakenkreuzen oder Wehrmachtssoldaten oft loswerden. Diesen teils jahrelangen Prozess hat Jakob Ganslmeier in seinem Fotoprojekt "Haut, Stein" dokumentiert. Er versteht seine Fotos als Warnung.
Hakenkreuze, Kampfparolen in Runenschrift, Wehrmachtssoldaten: Solche Tattoos auf der Haut gehören für viele Rechtsextreme und Neonazis zum demonstrativen Einstehen für ihre Gesinnung.
Einen Blick darauf gewährt das Fotoprojekt "Haut, Stein" von Fotograf Jakob Ganslmeier. Er hat Aussteigerinnen und Aussteiger auf dem oft lange Jahre andauernden Prozess begleitet, diese Szene-Tattoos wieder loszuwerden. Der Kontakt zu den Porträtierten entstand durch die Aussteigerhilfsorganisation Exit.
Das Lasern sei der finale Schritt, sich von dieser Ideologie abzukehren, erklärte Ganslmeier im Deutschlandfunk Kultur. Die Betroffenen hätten sich die Tattoos ja einmal stechen lassen, weil sie ihr Leben lang in der Nazi-Ideologie versinken wollten.
Die Tattoo-Entfernung bedeute, "dass nicht nur die Haut betroffen ist, sondern auch die Ideologie aus dem Kopf verschwindet." Einer der Aussteiger habe ihm gesagt, das sei wie Gift, das verschwindet, sagte Ganslmeier.
Name der Kinder über die Nazi-Parole
Auf Ganslmeiers Porträts sind oft Männer zu sehen mit nacktem Oberkörper, die ihre Brust oder Arme tätowiert haben. Aber auch Details an Köpfen, Händen oder Waden, oder auch die Schulter einer Frau. Bei manchen sieht man, das Bild oder die Schrift ist verblasst, da verschwindet das Tattoo mit Hilfe eines Lasers. "So eine Ent-Tätowierung ist sehr langwierig und sehr kostspielig", so Ganslmeier. Um es vereinfacht zu sagen: Durch die Wärme, die der Laser in der Haut erzeuge, werde die Farbe in der Haut aufgelöst. Das dauere lange. "So ein ganzer Rücken kann schon mal drei bis vier Jahre dauern."
Andere Aussteiger wählen den Weg, ein altes Motiv durch ein neues zu überdecken. Manchmal werde der Name der Kinder über die schwarze Nazi-Parole tätowiert - oder eine Radiobox in fröhlichem Blau, Gelb und Lila. "So ein Rücken kann auch von einem Landser-Tattoo in ein ganzes Universum übertätowiert werden", so Ganslmeier.
"Da werden Motive gewählt, die größtenteils etwas mit einem selbst zu tun haben auf einer völlig unideologischen, privaten Seite." Es gehe darum, dass man zum einen sich noch immer im Prozess des Ausstiegs befinde und zugleich mit dem neuen Tattoo die Abkehr nochmal verdeutliche.
Die Motivation, bei dem Fotoprojekt mitzumachen, beschreibt Ganslmeier anhand des Beispiels eines Aussteigers, der gesagt habe: "Um Biografien wie seiner vorzubeugen. Darüber zu informieren, wie leicht es ist, in die rechte Szene zu ruschen und sich in ihr dann auch zu verfangen - und wie schwierig es ist, dort auszusteigen."
Zweiter Projektteil: architektonische Rückstände der NS-Zeit
Im zweiten Teil des Projekts geht es um Gebäude, an denen Spuren des Nationalsozialismus noch zu sehen sind: Weggemeißelte Runen, Hakenkreuze, Reichsadler und andere Symboliken, die noch immer in die Gebäude eingeschrieben sind. Ganslmeier stellt diese architektonischen Rückstände der NS-Zeit den tätowierten Körpern gegenüber.
Beide Teile seines Projekts zeigten, dass "wir gerne die NS-Zeit in die Vergangenheit schieben, ganz weit weg von uns selbst, dabei ist sie noch im öffentlichen und privaten Raum präsent."
(abr)