Frankreichs Debatte um das koloniale Trauma

Von Siegfried Forster |
Die französische Regierung hat in diesem Jahr per Gesetz bestimmt, dass in der Schule die Kolonisierung "positiv" unterrichtet wird. Die Historiker laufen Sturm. Das Kolloquium im Pariser Centre Pompidou kommt nach den Ausschreitungen in den Banlieues genau zum richtigen Zeitpunkt.
Die schmerzhafte Erinnerung an die koloniale Vergangenheit, die nicht vergehen will, ist in Frankreich im wahrsten Sinne des Wortes brandaktuell. Für Jacques Pouchepadass, Wissenschaftler am CNRS, hängt der Gewaltausbruch in den französischen Vorstädten unmittelbar damit zusammen. Die Diskussion über das Erbe der Kolonialgeschichte sei in Frankreich seit Jahrzehnten an den Rand gedrängt worden und die Sichtweise der Einwanderer aus den früheren Kolonien komme zu kurz:

" Diese Sichtweise hat es schwer, sich durchzusetzen. Die Lehrpläne der Universitäten räumen der Kolonialgeschichte nur sehr wenig Platz ein. Das ändert sich langsam. Und natürlich spielen die Unruhen jetzt in den Banlieues, die sehr stark mit den Folgen der Kolonialzeit zusammenhängen, bei diesem beginnenden Bewusstseinsprozess eine große Rolle."

Lange bevor in Frankreichs Banlieues die Autos brannten, hatten Frankreichs Abgeordnete einen moralischen Flächenbrand entfacht. Am 23. Februar 2005 verabschiedete die französische Nationalversammlung - unter Führung der konservativen Präsidentenpartei UMP - ein Gesetz, in dem festgehalten wurde, dass die Schulbücher künftig die "positive Rolle Frankreichs in den Kolonien" erwähnen müssen. Die Empörung und der Aufschrei über diese Entscheidung halten bis heute an, erzählt Sandrine Lemaire, Historikerin und Lehrerin am Europäischen Universitätsinstitut:

" Die Reaktionen sind vollkommen einhellig – sowohl an den Universitäten, als auch in den Schulen. Wir können so etwas nicht akzeptieren. Das hat es seit dem Vichy-Regime nicht gegeben, ein solches Gesetz, mit dem versucht wird, den Schulunterricht einseitig zu beeinflussen."

Für den einflussreichen Historiker Benjamin Stora sind die stets radikaler werdenden Debatten vor allem ein Zeichen dafür, dass Frankreich in eine neue Phase seiner Vergangenheitsbewältigung eingetreten ist:

" Frankreich beschäftigt sich seit einigen Jahren mit seiner Kolonialgeschichte. Erst kam die Auseinandersetzung mit der Vichy-Vergangenheit, der Kollaboration mit dem Nazi-Deutschland – und das hat immerhin von 1970 bis in die 90er Jahre gedauert. Und nun sieht sich Frankreich mit einem anderen Abschnitt seiner Geschichte konfrontiert, eben mit der Kolonialzeit."

Stora betont, dass alle Länder bei der Entkolonialisierung und Wiederversöhnung ähnliche Phasen erleben: Schweigen, Erinnerung, Auseinandersetzung, Aufbäumen... Im Gegensatz zu Großbritannien habe Frankreich aber zumindest begonnen, sich mit der kolonialen Vergangenheit zu beschäftigen: Je tiefer sich Frankreich mit seinem kolonialen Erbe auseinander setzen werde, umso größer werden die Forderungen werden, so Benjamin Stora:

" Es geht um eine Schlacht, einen Krieg um die Vergangenheit. Auf jede Aktion folgt dabei eine Reaktion: 1999 beispielsweise akzeptierte die französische Nationalversammlung endlich, dass es sich bei den so genannten "Ereignissen" in Algerien um einen Krieg gehandelt hat. Ein paar Jahre später verabschiedete die gleiche Nationalversammlung dann ein Gesetz, das vorschreibt, dass die positiven Aspekte der Kolonialisierung erwähnt werden müssen."

Für den Afrikaspezialisten Issiaka Mande wird sich Frankreich angesichts der erwachenden afrikanischen Nationen auf eine ständig stärker werdende Gegenreaktion einstellen müssen. Frankreich muss seiner Meinung nach lernen, kulturelle Vielfalt und unterschiedliche Herkunft nicht nur bei Unesco-Konventionen, sondern auch im eigenen Land als etwas Positives anzuerkennen und zu verteidigen.

" Frankreich kann viel lernen – und das nicht nur von den USA. Sogar von Belgien, das seine Vergangenheit ganz einfach so anerkennt, wie sie war. Das ist etwas, was viele Entscheidungsträger in Frankreich noch immer nicht können. Selbst beim sehr aktuellen Fall Ruanda war Frankreich eines der wenigen Länder, die kein Bedauern ausgedrückt haben. Während Belgien die Verantwortung für seine Geschichte vollkommen übernommen hat."

Für Frankreich, mit seinem Konzept der einen und unteilbaren Republik und seinem universellen Anspruch, sei die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit dabei noch schwieriger, als mit der Vichy-Vergangenheit. Ganz einfach deshalb, weil es sich bei der Kolonialisierung in weiten Teilen um ein Unternehmen im Namen republikanischer Ideale handelte, betont Sandrine Lemaire:

" Die Kolonisierung wird mit den Idealen der Republik verknüpft. Die französische Republik ist ein kolonialistisches Unternehmen. Es war für Frankreich vergleichsweise viel einfacher, sich mit dem Vichy-Regime und der Judendeportation auseinander zu setzen. Warum? Weil Vichy und der Maréchall Pétain als einmaliger Sonderfall aus der Geschichte der Republik ausgeklammert werden."

Olivier Le Cour Grandmaison hatte mit seinen Veröffentlichungen für hitzige Debatten gesorgt. Er sieht Bestrebungen im Gange, die bis hin zu einem "Negationismus à la française" reichen und nicht nur eine Verachtung der Geschichte, sondern eine Verachtung der Opfer und ihrer Nachkommen bedeuten:

" Vom demokratischen Standpunkt aus gesehen, ist es absolut skandalös, dass der Staat eine mit Lügen gespickte Interpretation der Vergangenheit verordnet. Unter den demokratischen Staaten in Europa ist Frankreich das einzige Land, das per Gesetz eine offizielle, von Mythen getragene Lesart seiner kolonialen Vergangenheit erlassen hat."

Die aktuelle französische Regierung kann der kolonialen Vergangenheit aber offenbar weiterhin äußerst positive Seiten abgewinnen: der Ausnahmezustand, der nach den Unruhen in den Banlieues verhängt worden ist - und mittlerweile um drei Monate verlängert wurde -, beruht bekanntlich auf einem Gesetz aus der französischen Kolonialzeit. 1955 hatte die französische Regierung damit vergeblich versucht, den Aufstand der algerischen Kolonie niederzuschlagen. Heute bekämpft die französische Staatsgewalt damit in den französischen Vorstädten den Aufstand Jugendlicher aus Einwandererfamilien.

Service:

Das Kolloquium "Kolonialgeschichten" fand am 18. und 19.11.2005 im Pariser Centre Pompidou statt.