Schweiß, Leder und Literatur
Wie der US-amerikanische Schriftsteller Norman Mailer geht auch David Pfeifer zwei ungleichen Tätigkeiten nach: Er schreibt und boxt. Im Ring findet er eine Klarheit, die er in seinem Berufsleben als Journalist häufig vermisst. In seinen Büchern kriecht er tief in die Köpfe seiner Boxhelden hinein.
"Wechsel, das ist die letzte Runde! ...Locker, locker, locker!“ (Box-Atmo)
Weiß gekalkte Wände, grauer Bodenbelag und ein paar freiliegende Heizungsrohre: Ein Boxgym in Berlin-Mitte. Während sich oben die kreative Medienhauptstadt auf den Feierabend einstimmt, wirft hier unten Neon hartes Licht auf fleckige Sandsäcke. Draußen parken SUV´s und dezent gestylte Damen stöckeln vom Shopping heim. Im stickigen Keller sind die Gesichter gequält. 20 Männer, deren durchgeschwitzte Shirts faltig am Körper kleben, arbeiten sich an Sandsäcken und Maisbirnen ab. Ein strenger Geruch von Schweiß und Leder würzt die Luft. David Pfeifer gibt hier Boxunterricht.
"Boxen hat ja insofern eine verhältnismäßig angenehme Hierarchie, im Vergleich beispielsweise zur Arbeitswelt, weil man ja mit Rumlabern und Wichtigtun nicht sehr weit kommt.“
David Pfeifer kennt sich in beiden Welten aus. 44 ist er jetzt, arbeitet schon lange in den Medien, hat Verlagskaufmann gelernt, hauptsächlich journalistisch geschrieben, für Zeitungen und Zeitschriften – mal fest, oft frei. Als er mit Anfang 20 nach Hamburg ging, entdeckte der ehemalige Waldorf-Schüler das Boxen und fand in dieser schnörkellosen Gegenwelt eine verlässliche Nebenstabilität zum neurotisch aufgeladenen Redaktionsalltag, wo er auf viele Bluffer und Blender traf.
"Es ist eben eine Welt, in der ein paar Sachen verhältnismäßig klar zu verorten sind. Zum Beispiel. das Peterprinzip, wie man es aus dem Arbeitsleben kennt. Dass jeder also bis zur Stufe seiner Unfähigkeit befördert wird; das gibt´s in ´nem Boxverein nicht, wäre nicht denkbar; und deswegen mag ich diese Welt sehr gerne.“
"Ey!! Locker mit der Führhand arbeiten …“
Liebesgeschichte im Boxermilieu
Inzwischen schreibt David Pfeifer auch Bücher über die Welt des Boxens. Nach einer Biografie über Max Schmeling geht es in seinem zweiten Roman "Schlag weiter, Herz“ um eine Liebesgeschichte im Boxermilieu. Seine Sprache ist klar und direkt. Besonders gut gelingen ihm die Kampfszenen, die er nicht nur wie ein Reporter schildert. Immer wieder kriecht er tief in die Köpfe seiner Helden hinein.
Rezensent: "Ich dachte beim Lesen: Okay, der Schreiber versteht was davon, der hat selber ähnliche Situationen im Ring auch erlebt. Auch der letzte Kampf, wo es eigentlich so aussieht, dass er verliert. Und dann noch mal am Boden dieser …“
David Pfeifer: "…am Boden seiner Verzweiflung und seiner Angst dann so ´ne alte Ruhe wiederfindet, ne? Beziehungsweise die Angst, die er nutzt. Er stülpt sie seinem Gegner ja über.“
Zitat aus "Schlag weiter, Herz": "Er bekommt Angst. Angst vor der Niederlage, Angst vor Ross Gordon. Angst vor dem Ende. Angst, dass er sich selbst der größte Feind ist. Und diese Angst steigt auf, durchflutet seinen Körper und dringt schließlich aus jeder Pore nach draußen, wo sie auf seinen Gegner überspringt. Ross Gordon ist jung, er kann die Angst nicht einordnen. Er riecht die Angst, atmet sie ein, zieht sie in seine Lungen. Und dann ist sie in ihm, plötzlich und überwältigend.“
"Locker halten … und einmal runter, halten … Und einmal hoch. Wir machen noch mal eine Runde Führhand. Und die kann ganz locker geschlagen werden …"
Boxen ist ein harter Sport, entsprechend intensiv ist die Vorbereitung. Wer kämpfen will, braucht eine gute Physis, starken Willen und eiserne Disziplin. Zum Abschluss des zweistündigen Trainings bittet David Pfeifer, der fast alle Übungen des Zirkeltrainings scheinbar mühelos selbst mitgemacht hat, seine Männer zu einer Extrarunde Liegestütze. Die Gesichter gerötet und vor Schmerz verzerrt, können die meisten nur noch mit großer Mühe ihre Arme durchdrücken.
Boxen als Stabilitätsfaktor
Für David Pfeifer ist Boxen Entspannung – eine Art Lot, um von der Arbeit abschalten und eine gewisse Stabilität im Leben halten zu können. An seinem Roman "Schlag weiter, Herz“ hat er mit Unterbrechungen fast drei Jahre gearbeitet.
"Ich hab´ recht lange dran gesessen, bis ich die Struktur hatte. Also, diese Zeitebenen. Ich habe zwei Mal angefangen und merkte: Oh, Gott! Das werden wenigstens 1200 Seiten, wenn ich so weiter mach. Und dann musste ich´s auch mal wieder weglegen und gucken.“
Am Ende wurden es 356 Seiten. Erzählt wird die Geschichte einer großen Liebe, die letztlich scheitert, weil der Boxer Mert und seine Freundin Nadja nicht miteinander reden können. Beide kommen aus einfachen Verhältnissen, finden kaum Worte für ihre Zustände und Gefühle.
"Ich bin dann – beziehungstechnisch – doch eher ein Vielredner. Bei mir ist das so eine komische Mischung aus einerseits Boxen, was als relativ männlich wahrgenommen wird und andererseits habe ich kein Problem, mit meiner Freundin mich zwei Stunden darüber auszutauschen, warum mich was nervt.“
Dass extreme Abgründe dumpfer Sprachlosigkeit aber nicht nur in durchschnittlichen Milieus lauern sondern auch in den besten Familien vorkommen, das hat David Pfeifer, der in einer Münchner Schauspielerfamilie aufwuchs, oft beobachtet.
"Das ist – sozusagen – die eine Form der Kommunikationslosigkeit. Die andere, die man natürlich kennt bei Menschen allgemein, aber bei Männern im Speziellen, ist agieren, statt sich erklären. Das findet natürlich ´ne Zuspitzung bei ´nem Sportler, im Speziellen bei ´nem Boxer, weil ich ja Boxen auch als eine Art von Sprache wahrnehme, als Austausch, fast was Dialogisches.“