Guru und Pantomime
Als einer der ganz großen Pantomimen des 20. Jahrhunderts hat er ein Publikum in aller Welt begeistert. Nun erzählt Samy Molcho in der Biografie "…und ein Tropfen Ewigkeit" sein Leben - von den Anfängen in Israel, seiner unablässigen Arbeit an sich selbst, seinem kometenhaften Aufstieg und vom einsamen Leben eines Solo-Pantomimen auf Reisen.
Im September vergangenen Jahres starb im Alter von 84 Jahren Marcel Marceau - und damit der mit Abstand berühmteste Vertreter einer Form der darstellenden Kunst, die stets eine viel bewunderte Sonderrolle gespielt hat neben Musik-, Sprech- und Tanz-Theater: der Pantomime, die hochkomische, tieftraurige und immer äußerst dramatische Geschichten ganz ohne die Mittel und Zutaten erzählen kann, die die anderen Bühnenkünste brauchen. Der Pantomime, fast immer übrigens ein "Er", extrem selten eine "Sie", verfügt ausschließlich über den eigenen Körper und dessen Bewegung im Raum und im Licht.
Samy Molcho, 1936 in Tel Aviv geboren, ist mit und neben Marceau der prominenteste Virtuose dieser Kunst gewesen; mit Hilfe des Journalisten und Biografen Hans Neunzig hat er in Marceaus Todesjahr die eigenen Erinnerungen herausgebracht.
Zwei sehr grundsätzliche Fragen begleiten die Lektüre, eine am Anfang, eine am Schluss: Zum Einstieg beginnt das Kramen im eigenen Erinnerungs- und Aktualitäten-Fundus: Wann, um alles in der Welt, war denn zum letzten Mal ein halbwegs aufsehenerregendes Pantomimen-Gastspiel in der Stadt? Erzählt Molcho etwa schon von einer Kunst, deren Verschwinden nahe bevor steht? Ist seine Erinnerung womöglich eine Art vorgezogener Nachruf, erst recht nach Marceaus Tod?
Sicher gibt es noch viele Pantomimen, aber so richtig berühmt ist keiner mehr. Zum Ende dann richtet sich die Frage eher an den Autor selbst: Warum gerade jetzt dieses Buch, zwei Jahrzehnte nach Molchos Abschied von der Bühne? Und warum so? Denn Molchos Lebensgeschichte zeichnet sich zwar allemal durch Lebendigkeit aus, zugleich aber auch durch all die Defizite, die eine erzählte Biografie durchaus öfter an sich hat: Sie ist nicht nur unsystematisch, sondern geradezu unordentlich; sie nützt der sachlich-fachlichen, vielleicht sogar wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte der Pantomime eher wenig und verliert sich zugleich häufig im allzu Privaten.
Das mag seit Hildegard Knefs legendärem "Geschenkten Gaul" zwar der Kern derlei biografischen Schreibens sein, es verführt aber auch mit fortschreitender Lektüre eher zum Drüber-weg-Lesen. Wen etwa soll es interessieren, wie verzweifelt und fleißig zugleich sich das frisch verehelichte Paar Samy und Haya Molcho bemüht, endlich Kinder zu bekommen?
Zur Sache, zu wichtigeren Sachen: Molchos Geschichte ist vor allem eine des neuen, jungen, selbstbewussten Judentums im nach Unabhängigkeit strebenden britischen Mandatsgebiet "Palästina"; der junge Samy Molcho ist zudem das Kind einer Familie, deren Geschichte ihrerseits bis in die spanische Judenheit zurückreicht, in deren "Goldenes Zeitalter", das mit der Vertreibung Ende des 15. Jahrhunderts so schmerzlich endet. Wie "sephardisches", also spanischstämmiges, und "jemenitisches" Judentum im Siedlungsgebiet an der Ostküste des Mittelmeers zusammenfinden, das ist weit über die engere Familiengeschichte der Familie Molcho hinaus ein hoch spannendes Entree. Und auch die Erlebnisse des Jungen, der mit ziemlich halsbrecherischem Abenteurertum den anti-britischen Widerstand der konkurrierenden Bewegungen von David Ben Gurion und Menachem Begin für das neue Israel erlebt und begleitet, sind auch und gerade für Nicht-Historiker aufregendes Lesefutter.
Das geht halt über das Private weit hinaus; selbst Molchos Militärzeit, mit Strafversetzung zum Brieftaubenzüchten und zeitweiligem Gefängnisaufenthalt, gewinnt da das Kolorit der dramatischen politischen Auseinandersetzung im jüdisch-arabischen Konflikt, der die Welt bis heute in Atem hält.: Wobei der junge Molcho übrigens sehr offensiv über ethnische Grenzen hinaus denkt und lebt - und gelegentlich von den eigenen Leuten als einer bestaunt wird, der bei Freundschaften und Kollegenbeziehungen nie auf den Stammbaum schaut.
Das ist der vielleicht spannendste Teil des Buches, klug und anregend sind hier Privat- und Berufsbiografie eingebunden in den Lauf der Zeiten. Wie sich da im jungen Staat ein Talent entwickelt, Schritt für Schritt im wörtlichsten Sinne: vom -arabischen - Tanz am Lagerfeuer - manchmal auch in den Flammen - über die fundamentale Entdeckung des eigenen Körpers als künstlerisches Handwerkszeug hin zu den ersten Tanz-Ausbildungen; dann folgen schon die ersten Statisten- und Kleindarsteller-Jobs am Theater, etwa am, bis heute berühmten, Cameri-Theater in Tel Aviv und - unterbrochen vom Militärdienst, in dem es ein zarter Tänzer wie der junge Samy weiß Gott nicht leicht hat - die ersten eigenen Abende mit "Pantomimen". Molchos Weg dorthin ist der des Tänzers, der sicher ist, die Sprache nicht zu brauchen.
Die zweite wirklich aufregende Passage von Molchos Erinnerungen markiert der Weg, den er, gemeinsam mit dem offenbar begnadeten Impresario Yoram Harel, nach Europa und speziell nach Deutschland geht - ausgerechnet bei den "Weltfestspielen der Jugend" 1959, einer als kommunistische Propaganda-Show beleumundeten Großveranstaltung in Wien, findet Molchos Europa-Debüt statt.
Danach touren Molcho und Harel im geliehenen alten Borgward durch Deutschland und reden zuerst dem Frankfurter Schauspiel-Intendanten und Brecht-Freund, Harry Buckwitz, dann dem Berliner Schiller-Theater-Chef Boleslaw Barlog sowie ungezählten anderen ein Gastspiel auf. Der junge Harel, ausgestattet mit einem israelischen Journalisten-Pass, mimt bei derlei Akquisitionen den Rechercheur aus der Fremde, der das "neue Deutschland" besucht und sucht; und zufällig hat er dann immer einen "jungen israelischen Pantomimen" im Gepäck. Außerdem weiß Harel schon damals ganz genau, wie er auf der Klaviatur der Massenmedium spielen muss: Von der "Homestory" bis zur Proben-Reportage ist alles im Angebot; so geschickt beginnt die Karriere der beiden, so werden sie gemachte Leute.
Dann aber wird es schon ein bisschen mürbe in Molchos Buch, denn jetzt sind gut zwanzig Erfolgsjahre zu beschreiben, und hier beginnt auch das Durcheinander im Erzählen - zwischen klugen, knappen Analysen der eigenen Arbeit und flachen Zitaten aus Presse-Elogen nebst allerlei Privatismen dümpelt das Erzählen merklich vor sich hin. Immerhin wird Molcho ja auch noch Regisseur in Darmstadt, in Bremen, in Münster, in Wien, wo er auch zu unterrichten beginnt am Max-Reinhardt-Seminar, doch mit erstaunlich schmaler Reflexion dieses neuen Berufes.
Letztlich ist er wahrscheinlich immer der Körper- und Bewegungsregisseur geblieben, den in der Tat jede gute Inszenierung braucht; was aber seine Inszenierungen wirklich ureigen ausmachte, das erfährt das Lesepublikum nicht; dafür einiges über die späte, mit einer jüdischen Bremer Arzt-Tochter geschlossene Ehe und gegen Ende auch noch manches über die Seminare in Körperselbsterfahrung, die Molcho seit geraumer Zeit für Mitarbeiter des gehobenen Managements in der Wirtschaft gibt - das ist modern, und ein bisschen modisch ist es auch. Wenn sich Molcho schlussendlich fragt, ob er so zum "Guru" geworden ist, wirkt das nur noch eitel und ein bisschen albern.
Anders als Marceau, der bis kurz vor Schluss spielte, hat Samy Molcho die Bühnen früh verlassen, 1987, mit 51 Jahren, und noch im Zenith der eigenen Kunst; mag sein, dass dieses Buch heute, zwanzig Jahre danach, schon mit ein bisschen zuviel Abstand entstanden ist.
Rezensiert von Michael Laages
Samy Molcho: …und ein Tropfen Ewigkeit
Die Erinnerungen des Pantomimen Samy Molcho
Amalthea-Verlag , Wien 2007
280 Seiten, 22,90 Euro
Samy Molcho, 1936 in Tel Aviv geboren, ist mit und neben Marceau der prominenteste Virtuose dieser Kunst gewesen; mit Hilfe des Journalisten und Biografen Hans Neunzig hat er in Marceaus Todesjahr die eigenen Erinnerungen herausgebracht.
Zwei sehr grundsätzliche Fragen begleiten die Lektüre, eine am Anfang, eine am Schluss: Zum Einstieg beginnt das Kramen im eigenen Erinnerungs- und Aktualitäten-Fundus: Wann, um alles in der Welt, war denn zum letzten Mal ein halbwegs aufsehenerregendes Pantomimen-Gastspiel in der Stadt? Erzählt Molcho etwa schon von einer Kunst, deren Verschwinden nahe bevor steht? Ist seine Erinnerung womöglich eine Art vorgezogener Nachruf, erst recht nach Marceaus Tod?
Sicher gibt es noch viele Pantomimen, aber so richtig berühmt ist keiner mehr. Zum Ende dann richtet sich die Frage eher an den Autor selbst: Warum gerade jetzt dieses Buch, zwei Jahrzehnte nach Molchos Abschied von der Bühne? Und warum so? Denn Molchos Lebensgeschichte zeichnet sich zwar allemal durch Lebendigkeit aus, zugleich aber auch durch all die Defizite, die eine erzählte Biografie durchaus öfter an sich hat: Sie ist nicht nur unsystematisch, sondern geradezu unordentlich; sie nützt der sachlich-fachlichen, vielleicht sogar wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte der Pantomime eher wenig und verliert sich zugleich häufig im allzu Privaten.
Das mag seit Hildegard Knefs legendärem "Geschenkten Gaul" zwar der Kern derlei biografischen Schreibens sein, es verführt aber auch mit fortschreitender Lektüre eher zum Drüber-weg-Lesen. Wen etwa soll es interessieren, wie verzweifelt und fleißig zugleich sich das frisch verehelichte Paar Samy und Haya Molcho bemüht, endlich Kinder zu bekommen?
Zur Sache, zu wichtigeren Sachen: Molchos Geschichte ist vor allem eine des neuen, jungen, selbstbewussten Judentums im nach Unabhängigkeit strebenden britischen Mandatsgebiet "Palästina"; der junge Samy Molcho ist zudem das Kind einer Familie, deren Geschichte ihrerseits bis in die spanische Judenheit zurückreicht, in deren "Goldenes Zeitalter", das mit der Vertreibung Ende des 15. Jahrhunderts so schmerzlich endet. Wie "sephardisches", also spanischstämmiges, und "jemenitisches" Judentum im Siedlungsgebiet an der Ostküste des Mittelmeers zusammenfinden, das ist weit über die engere Familiengeschichte der Familie Molcho hinaus ein hoch spannendes Entree. Und auch die Erlebnisse des Jungen, der mit ziemlich halsbrecherischem Abenteurertum den anti-britischen Widerstand der konkurrierenden Bewegungen von David Ben Gurion und Menachem Begin für das neue Israel erlebt und begleitet, sind auch und gerade für Nicht-Historiker aufregendes Lesefutter.
Das geht halt über das Private weit hinaus; selbst Molchos Militärzeit, mit Strafversetzung zum Brieftaubenzüchten und zeitweiligem Gefängnisaufenthalt, gewinnt da das Kolorit der dramatischen politischen Auseinandersetzung im jüdisch-arabischen Konflikt, der die Welt bis heute in Atem hält.: Wobei der junge Molcho übrigens sehr offensiv über ethnische Grenzen hinaus denkt und lebt - und gelegentlich von den eigenen Leuten als einer bestaunt wird, der bei Freundschaften und Kollegenbeziehungen nie auf den Stammbaum schaut.
Das ist der vielleicht spannendste Teil des Buches, klug und anregend sind hier Privat- und Berufsbiografie eingebunden in den Lauf der Zeiten. Wie sich da im jungen Staat ein Talent entwickelt, Schritt für Schritt im wörtlichsten Sinne: vom -arabischen - Tanz am Lagerfeuer - manchmal auch in den Flammen - über die fundamentale Entdeckung des eigenen Körpers als künstlerisches Handwerkszeug hin zu den ersten Tanz-Ausbildungen; dann folgen schon die ersten Statisten- und Kleindarsteller-Jobs am Theater, etwa am, bis heute berühmten, Cameri-Theater in Tel Aviv und - unterbrochen vom Militärdienst, in dem es ein zarter Tänzer wie der junge Samy weiß Gott nicht leicht hat - die ersten eigenen Abende mit "Pantomimen". Molchos Weg dorthin ist der des Tänzers, der sicher ist, die Sprache nicht zu brauchen.
Die zweite wirklich aufregende Passage von Molchos Erinnerungen markiert der Weg, den er, gemeinsam mit dem offenbar begnadeten Impresario Yoram Harel, nach Europa und speziell nach Deutschland geht - ausgerechnet bei den "Weltfestspielen der Jugend" 1959, einer als kommunistische Propaganda-Show beleumundeten Großveranstaltung in Wien, findet Molchos Europa-Debüt statt.
Danach touren Molcho und Harel im geliehenen alten Borgward durch Deutschland und reden zuerst dem Frankfurter Schauspiel-Intendanten und Brecht-Freund, Harry Buckwitz, dann dem Berliner Schiller-Theater-Chef Boleslaw Barlog sowie ungezählten anderen ein Gastspiel auf. Der junge Harel, ausgestattet mit einem israelischen Journalisten-Pass, mimt bei derlei Akquisitionen den Rechercheur aus der Fremde, der das "neue Deutschland" besucht und sucht; und zufällig hat er dann immer einen "jungen israelischen Pantomimen" im Gepäck. Außerdem weiß Harel schon damals ganz genau, wie er auf der Klaviatur der Massenmedium spielen muss: Von der "Homestory" bis zur Proben-Reportage ist alles im Angebot; so geschickt beginnt die Karriere der beiden, so werden sie gemachte Leute.
Dann aber wird es schon ein bisschen mürbe in Molchos Buch, denn jetzt sind gut zwanzig Erfolgsjahre zu beschreiben, und hier beginnt auch das Durcheinander im Erzählen - zwischen klugen, knappen Analysen der eigenen Arbeit und flachen Zitaten aus Presse-Elogen nebst allerlei Privatismen dümpelt das Erzählen merklich vor sich hin. Immerhin wird Molcho ja auch noch Regisseur in Darmstadt, in Bremen, in Münster, in Wien, wo er auch zu unterrichten beginnt am Max-Reinhardt-Seminar, doch mit erstaunlich schmaler Reflexion dieses neuen Berufes.
Letztlich ist er wahrscheinlich immer der Körper- und Bewegungsregisseur geblieben, den in der Tat jede gute Inszenierung braucht; was aber seine Inszenierungen wirklich ureigen ausmachte, das erfährt das Lesepublikum nicht; dafür einiges über die späte, mit einer jüdischen Bremer Arzt-Tochter geschlossene Ehe und gegen Ende auch noch manches über die Seminare in Körperselbsterfahrung, die Molcho seit geraumer Zeit für Mitarbeiter des gehobenen Managements in der Wirtschaft gibt - das ist modern, und ein bisschen modisch ist es auch. Wenn sich Molcho schlussendlich fragt, ob er so zum "Guru" geworden ist, wirkt das nur noch eitel und ein bisschen albern.
Anders als Marceau, der bis kurz vor Schluss spielte, hat Samy Molcho die Bühnen früh verlassen, 1987, mit 51 Jahren, und noch im Zenith der eigenen Kunst; mag sein, dass dieses Buch heute, zwanzig Jahre danach, schon mit ein bisschen zuviel Abstand entstanden ist.
Rezensiert von Michael Laages
Samy Molcho: …und ein Tropfen Ewigkeit
Die Erinnerungen des Pantomimen Samy Molcho
Amalthea-Verlag , Wien 2007
280 Seiten, 22,90 Euro