Kinder und Smartphones

Sollten Handys an Schulen verboten werden?

Ein Hinweisschild zum Handyverbot klebt an einer Tür.
Bald auch in Deutschland? In mehreren europäischen Ländern bestehen in Schulen Handyverbote. © picture alliance / Florian Gaertner / photothek.de
Lieber spielen und auf dem Schulhof miteinander reden statt aufs Handy zu starren – die Bildungspolitik diskutiert über Einschränkungen von Handys an Schulen. Sind solche Verbote sinnvoll und wie sieht es mit ihrer Umsetzung aus?
In mehreren Ländern, etwa Frankreich, den Niederlanden und Australien, gibt es bereits Smartphoneverbote an Schulen, in Dänemark und Österreich soll sie bald kommen. In Deutschland plant Hessen als erstes Bundesland ein Handyverbot an Schulen ab dem Schuljahr 2025/2026. Auch andere Bundesländer erwägen verbindliche Leitplanken für die Nutzung von Mobiltelefonenen an Schulen. Eine bundeseinheitliche Regelung ist aber vorerst nicht geplant.
Zuletzt hatte eine Studie der DAK in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg Aufmerksamkeit erregt. Demnach haben mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland Probleme wegen ihres Medienkonsums – ein drastischer Anstieg binnen fünf Jahren.
Der Medienverband Bitkom hält ein Handyverbot allerdings für wenig praktikabel und auch für nicht zeitgemäß. Welche Rolle kommt Schulen in der Gemengelage zwischen Kinder- und Jugendschutz einerseits und der Vermittlung von Medienkompetenz andererseits zu?

Wie argumentieren die Befürworter eines Handyverbots?

Pädagogisch begleitete Smartphone-Verbote an Schulen führten dazu, dass Kinder lieber in die Schule gingen und ihr Wohlbefinden in der Schule sowie ihre Lernleistung steige, sagt der Pädagoge Klaus Zierer von der Universität Augsburg. Er verweist dabei auf die Ergebnisse von Studien.
Umgekehrt waren die Ergebnisse der letzten PISA-Studie desaströs - auch für jene Länder in Europa, die in vorangegangenen Jahren besser abgeschnitten hatten, beispielsweise Schweden: Bei schwedischen Schulkindern hat vor allem die Lesefähigkeit nachgelassen.
Bildungsexperten führen das auf ein Nachlassen der Konzentration zurück, ausgelöst durch die intensive Nutzung von digitalen Geräten wie Smartphones, Tablets und Smartwatches. Bei Tests in den Niederlanden schnitten Schülerinnen und Schüler mit hoher Bildschirmzeit in Sachen Leseverständnis und Sprachfertigkeiten einen bis anderthalb Punkte schlechter ab als Kinder, die weniger Zeit an Handy und Tablet verbrachten.
Entscheidend ist aus Sicht von Zierer der „richtige Zeitpunkt für das erste Smartphone“. Digitale und Medien-Kompetenz setzten Bildung voraus. Erst wenn Jugendliche über sichere Kompetenzen verfügten, etwa über Werte sprechen könnten, seien sie auch in der Lage, digitale Geräte sinnvoll zu nutzen und mit Fake News oder Cybermobbing umzugehen.

Gefährliche Challenges auf TikTok

Neben den vielen Problemen, die durch Cybermobbing oder Cybergrooming entstehen, sind auch TikTok-Challenges ein wachsendes Problem: Laut einer aktuellen Studie der Landesmedienanstalt NRW ist ein Drittel der digitalen Mutproben physisch und psychisch potenziell schädlich, ein Prozent sogar potenziell tödlich.
Die Befürworter flächendeckender Handyverbote an Schulen fordern einheitliche Regeln, und dass die Kinder ihre Geräte vor dem Unterricht abgeben. Das würde die Kontrolle wesentlich erleichtern, sagen sie. Dort, wo es schon länger Verbote gibt, wie an einigen niederländischen Schulen, sind die Ergebnisse positiv: Es herrscht deutlich mehr Ruhe im Unterricht. Und die Kinder haben sich deutlich schneller daran gewöhnt als gedacht.

Was sagen die Gegner eines Handyverbots?

Ein gesetzliches Handyverbot halten manche Lehrkräfte weder für zielführend noch für umsetzbar. Zum einen aus praktischen Gründen: Denn ein Verbot muss auch durchgesetzt werden. Das bedeutet einen höheren Aufwand für die Lehrkräfte – und potenziell auch Konflikte im Kollegium, wenn manche das Verbot durchsetzten, während andere über unerlaubte Handynutzung hinwegsehen, erzählt eine Lehrerin.
Schulleiter Henrik Jensen wundert sich über den Vorstoß seiner Regierung, die Handy- und Tabletnutzung in Schulen zu verbieten. In Dänemark gebe es in vielen Schulen bereits Handyregeln. Ein Handy sei ein praktisches Werkzeug mit vielen verschiedenen Funktionen, vom Taschenrechner bis zur Kamera. Eine dosierte Handynutzung im Unterricht, und nur dort, hält Jensen für sinnvoll.
Auch Schülervertreter kritisieren grundsätzliche Handyverbote: Wo wenn nicht in der Schule sollte Medienkompetenz vermittelt werden? Nicht alle Eltern seien dieser Erziehungsaufgabe gewachsen, gibt Caroline Helene Hermansen aus Dänemark zu bedenken. Ted Krämer von der Landesschülervertretung Hessen schlägt daher vor, Handys sinnvoll in den Unterricht einzubinden - um Kompetenzen zu vermitteln, aber auch, um auf Gefahren und Risiken des Internets aufmerksam zu machen.
Dass ein Handyverbot an Schulen dazu führt, dass Kinder und Jugendliche insgesamt weniger Zeit vor dem Bildschirm verbringen, wird von Experten angezweifelt. Vielmehr würde das Versäumte dann zuhause nachgeholt, meint etwa die Erziehungswissenschaftlerin Karen Wistoft.
Sonderfall Ukraine: Für Schülerinnen und Schüler in dem Kriegsland ist ein Schulalltag ohne Handy kein Thema, berichtet die ukrainische Lehrerin Karina Beigelzimer. Kinder und Jugendliche stünden über Netzwerke wie Telegram mit der Familie in Kontakt, auch mit Eltern an der Front. Handys im Klassenzimmer seien auch aus Sicherheitsgründen unerlässlich, etwa bei Luftalarm.
Nicht zuletzt ließen sich online Lernmaterialien aufrufen, die analog oft nicht vorhanden seien, etwa in Schulen in Frontnähe. Die Kehrseite: Die Kinder würden auch im Unterricht mit tragischen Nachrichten konfrontiert und seien ungefiltert grausamen Videos von Kampfhandlungen ausgesetzt, die in sozialen Netzwerken kursierten.

Gibt es einen Mittelweg?

Silke Müller ist Schulleiterin in Oldenburg und Autorin des Buchs „Wir verlieren unsere Kinder! Gewalt, Missbrauch, Rassismus – Der verstörende Alltag im Klassen-Chat“. Sie spricht sich für ein Handyverbot an Grundschulen aus. Müller sagte im Deutschlandfunk: "Das Netz kennt keine Altersbegrenzung. Das, was bei TikTok viral geht, macht keine Grenzen vor Acht- oder Neunjährigen. Sie sehen dasselbe wie wir Erwachsenen.“ Die Folge sei eine Verrohung, nicht nur der Sprache.

Gemeinsames Handeln von Eltern und Schule

Gleichzeitig warnt die Digitalbotschafterin des Landes Niedersachsen davor, dass ein Handyverbot die Probleme nur verlagere und die Eltern aus der Pflicht nehme. Müller fordert darum, dass „Eltern und Schule gemeinsam agieren“.
Kinder müssten lernen, Smartphones richtig und konstruktiv zu nutzen. Eltern und Lehrkräfte sollten sich gleichermaßen den sozialen Medien öffnen und den Kindern entsprechende Kompetenzen vermitteln. Es brauche eine „Begleitkultur“ statt Verbote. So finde etwa an ihrer Schule eine Social-Media-Sprechstunde für Schulkinder statt.

Gefahren von Cybergrooming besprechen

Müller schlägt vor, dass Eltern mit ihren Kindern klare Regeln für den Umgang mit dem Smartphone festlegen. Kinder bräuchten zudem Ansprechpartner bei Problemen. Auch die Gefahren von Cybergrooming sollten Eltern mit ihren Kindern besprechen, also die Gefahren durch pädophile Nutzer.
Müllers Kollege Timo Off, Schulleiter in der schleswig-holsteinischen Stadt Nortorf, wirbt dafür, stärker auf die tieferliegenden Bedürfnisse der Kinder zu schauen. Bei der Nutzung des Smartphones gehe es ihnen um Gemeinschaft, darum, Kompetenzen zu zeigen und um das Austesten von Grenzen. „Jedes Kind möchte gesehen werden.“ Das sollten Eltern wie Lehrer beachten.
Tatsächlich spricht vieles für die Ideen der beiden Schulleiter. In Schweden hat kürzlich eine Forscherin herausgefunden, dass die Lernergebnisse an den Schulen besser sind, die eine offene Einstellung gegenüber Smartphones pflegen, und an denen eine sinnvolle Nutzung digitaler Geräte im Vordergrund steht.

pj, tha

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