Huhn, Frosch und Traktor
In diesem Jahr ist zum zehnten Mal der "Dorferneuerungspreis" ausgeschrieben, ein europaweiter Wettbewerb, in dem 30 Dörfer zwischen Griechenland und Schottland an den Start gehen. Für Deutschland tritt das 800-jährige Dechow an, einst ein Nicht-Dorf, ein eingezäuntes Gebiet an der innerdeutschen Grenze in Mecklenburg.
Der eine hat seinen Traktor mit gebracht, der andere sein Huhn, der dritte sein Pferd. Einer setzt sich einen grasgrünen Frosch auf die Nase, der nächste stülpt sich die Imkerhaube über, ein anderer verheddert sich im Feuerwehrschlauch. Alle blicken erwartungsvoll nach oben in die Kamera, der Fotograf oben auf dem Dach schießt sein Foto. Es ist ein fröhlich-schräges Bild, das die Dechower nach Brüssel schickten. Zwar 800 Jahre alt, aber nie über 300 Einwohner hinausgekommen.
An einem sonnigen Junisamstag ist es soweit. Die Kommission wird erwartet. Eine halbe Stunde treten die Dechower im Sonntagsstaat von einem Fuß auf den anderen. Warten. Dann der Ruf: Sie kommen! Alles schwirrt umher.
Der Bürgermeister, trotz 28 Grad im Schatten in Anzug und Weste, treibt seine Schäfchen ins Dorfgemeinschaftshaus. Dort ist alles vorbereitet für die drei Kommissionsmitglieder, die aus Tschechien, Luxemburg und Belgien kommen, um sich das Dorf anzusehen.
Wachtel: "Wir freuen uns auch noch einmal darauf, sage ich auch gerne wiederholend, Sie in Dechow hier begrüßen zu können ..."
Bürgermeister Udo Wachtel, von Beruf Lehrer, ist aufgeregt wie seine Schüler vor der Prüfung. Später, nach Einführung in die Dorfgeschichte, Filmvorführung und Fußtanzgruppe, legt sich die Aufregung.
Von den zehn Dechowern hinter dem Vorhang auf der Bühne sind nur die Waden und die Füße zu sehen. Sie bewegen sich im Takt der Musik. Die drei Herren von der Kommission amüsieren sich über die originelle Idee.
Wie soll man in drei Stunden ein Dorfleben präsentieren? Wie soll man drei Ausländern klar machen, warum man gern hier wohnt? Hier, im Sperrgebiet von einst, wo man nun mit vielen Wessis zusammen wohnt? Und sich auch noch prima verträgt? Zum Glück kann man sich beim Radio mehr Zeit nehmen als eine Europäische Kommission. Deshalb: Rückblende. Dechow vier Wochen vor dem großen Tag.
Ein Waldstück bei Dechow. Die Wege sind dick bemoost, man geht wie auf einer Matratze. Vogelstimmen. Und: Kinderstimmen.
Kind: "In diesem Karton liegen Punkt Punkt Punkt und Punkt Punkt Punkt. Lege alles nebeneinander und vergleiche! ..."
Kinderstimmen im Wald – nichts Besonderes, mag man denken. Kinder spielen eben im Wald. Aber für diesen Wald hier ist es etwas Besonderes, denn Jahrzehnte durfte ihn keiner betreten, ein paar hundert Meter weiter verlief die Grenze mitten durch Deutschland. Und heute wird hier, im Todesstreifen von einst, ein Waldkindergarten eröffnet.
"... sind die Tannenzapfen mehr oder sind die Steine mehr? – Tannenzapfen. –Nein! ..."
Auf einer Lichtung stehen ein Bauwagen und ein Klohäuschen aus Holz. Eine Frau mit blondem Zopf erklärt einer Dreijährigen, was eine Komposttoilette ist und warum man sie im Wald braucht. Es ist Kerstin Houdelet, die Kindergärtnerin. Die Initiative für einen Waldkindergarten kam von den Dechower Eltern, erzählt sie. Aber die Idee dann umzusetzen, war schwierig und dauerte zwei Jahre.
Houdelet: "Das Problem ist: In Mecklenburg-Vorpommern gibt es so gut wie keine Waldkindergärten. Einer hat in Selmsdorf aufgemacht. Aber deswegen war es schwer, hier die Behörden zu überzeugen. Erst mal das Jugendamt, so ungefähr: Huch, was ist das? Da musste man viel Überzeugungsarbeit leisten!"
1996 wurde der einstige Dorfkindergarten in Dechow geschlossen. Immer weniger Kinder gab es damals in dem Dorf an der ehemaligen Grenze, und wer Kinder hatte, musste in Nachbardörfer zum Kindergarten fahren. Eine Frau, in der einen Hand ein kleines Mädchen, in der anderen ein Schoko-Muffin, lächelt glücklich in die Runde.
Frau: "Das ist meine dritte Tochter, und ich wollte für die anderen auch immer schon gern einen Waldkindergarten haben. Hat nie hingehauen! Und jetzt bei der dritten klappt das jetzt endlich –lacht ... Passt super hierher, auch in den Biosphärenreservat-Gedanken. Ja, ist `ne tolle Sache. Muss man nicht mehr so viel fahren, sonst muss man immer so viel fahren. Es gibt ja auf dem Dorf keine Schule und keinen Kindergarten, ich habe sonst immer viel fahren müssen und jetzt mal mit dem Fahrrad fahren zu können, ist auch mal ganz schön!"
Immer mehr Kinder wurden in Dechow in den letzten Jahren geboren, immer mehr junge Familien zogen in das Dorf östlich von Ratzeburg und Lübeck. Dechow gehört heute mit einem Altersdurchschnitt von 30 Jahren zu den jüngsten Dörfern Mecklenburgs. Woanders hat man mit Abwanderung zu kämpfen, hier zieht man hin. So auch Familie Weitner mit ihren drei Mädchen.
Weitner: "Wir wollten uns selbständig machen mit einer Idee im sanften Tourismus. Eine kleine Teestube eröffnen und Ferienwohnungen anbieten – aber ganz viel selber sanieren. Wir sind jetzt bis zu einer Ferienwohnung gekommen und die zweite ist im Werden. Die gibt es dann ab Juni. Das ist auf alle Fälle für Touristen so aus Hamburg für ein Wochenende ein idealer Platz mit dem See und mit der Natur hier und – ja. Auf jeden Fall ist es ein gutes Dorf zum Leben."
Dechow wirkt wie ein Dorf aus einem Kinderbuch, wo alles noch an seinem Platz ist: Hühner, Enten, Frösche, Katzen, Hunde, Pferde, Wiesen, große, alte Bäume, Blumen, ein See. Rosen klettern die Straßenlaternen hinauf. Die alten Häuser mit Fachwerk und Reet sind restauriert, die Grundstücke sind riesig. Hier hat man Platz zum Leben. Und zum Fußballspielen.
Leon, Sascha und die anderen Jungs sind jeden Tag auf dem Platz. Die achtjährigen Dechower mögen ihr Dorf.
"Ja, hier können wir Fußball spielen, wir können gegen die Mädchen spielen, wir haben einen Pokal. –Wir bauen auch gerne! - Wir bauen, wir haben schon ein Baumhaus fast fertig, nur noch Dach bauen."
Sascha zeigt in die Richtung, wo das Baumhaus steht. Er freut sich, dass so viele Erwachsene geholfen haben mit Baumaterial. Doch das Wichtigste bleibt für ihn die Fußballmannschaft. Ohne Trainer, darauf ist er stolz.
Junge: "Ja, wir sind der Trainer! – lachen - Das ist ganz schön anstrengend!"
Doch heute wird das Training abgekürzt. Die Jungs laufen zum Dorfplatz.
Männer: "... los, gleich noch mal hoch! Warte mal, hinten noch einer, halt mal an ..."
Die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr hieven den Maibaum hoch. Eine Birke. Doch die Jungs interessiert eher die hohe Stange neben dem Baum: Dort können nachher die Kinder hochklettern und sich Süßigkeiten abpflücken, die in einiger Höhe baumeln. Die Blaskapelle spielt sich ein.
Fast das ganze Dorf ist zum Fest gekommen. 160 Einwohner hat Dechow, mit dem Ortsteil Röggelin sind es 220. Alle Generationen sind heute hier versammelt. Eine Mischung aus denen, die nach dem Krieg hierher zogen, zumeist in der Landwirtschaft arbeiteten und im Sperrgebiet lebten, und denen, die nach der Wende nach Dechow kamen, viele von ihnen aus dem Westen Deutschlands. Sie haben sich gut zusammengerauft, finden diese Dechowerinnen.
Frauen: "Wir haben die Wessis aufgenommen, freundlich!"
"Ihr wart so gut zu uns."
"Gerda, wenn ich dich nicht gehabt hätte, dann hätte ich mein Haus nie bauen können, du hast gleich mitgeholfen! Gerda stand gleich auf der Matte, wir hatten unser Haus gerade erst angefangen, da war Gerda da: Ich bin die Gerda, kann ich euch helfen? Also das stimmt schon, wir sind sehr herzlich aufgenommen worden. Aber ich glaub`, wir waren auch nicht ganz unnett. Auch alle Leute, die Junggesellen sind im Dorf, sind voll integriert und haben ihre Aufgabe und ihren Spaß mitzumachen."
Weiter links auf einer Bank sitzt eine Frau hoch in den Achtzigern. Sie gehörte zu den ersten, die 1945 in Dechow siedelten. Das Dorf war damals durch ein Abkommen von der amerikanischen in die russische Zone getauscht worden und fast alle Einwohner hatten das Dorf verlassen.
"Zweie waren noch hier. Die waren ja alle weg! Die sind ja 45 im November alle nach drüben gemacht, alle Bauern, das ganze Dorf war leer! Wir sind Sudetendeutsche. Und wir sind hierher gemacht, und was wollten wir machen? Wir haben 14 Jahre gesiedelt und nachher sind wir in die LPG. 1960 mussten wir in die LPG. Und bis zum Rentenalter habe ich dort gearbeitet."
Die Grenzgeschichte des Dorfes wirbelte zweimal alles durcheinander: 1945 beim Zonenwechsel und 1961 beim Bau der Grenzanlagen wurden Dechower vertrieben und jeweils neue kamen. Diese alten Geschichten hingen nach der Wende über dem Dorf wie eine dunkle Wolke. Der Trabi-Schwall, der sich gen Ratzeburg am Dorf vorbei wälzte und der Gegenbesuch aus dem Westen brachten Wünsche und Begehrlichkeiten mit. Wem gehörten nun die Häuser und Grundstücke? Den 1945 oder den 1961 Vertriebenen? Oder hatten jene, die dort die letzten Jahrzehnte wohnten, vielleicht auch ein Recht darauf? Zehn weitere Jahre gingen ins Land, 90 Prozent der Eigentumsverhältnisse waren ungeklärt, Unmut hing über dem Dorf. Es war die Zeit, als der Kindergarten geschlossen wurde. Nichts entwickelte sich – außer der Natur. Doch dies erwies sich als Glücksumstand, denn nachdem endlich die Eigentumsverhältnisse geklärt waren, zogen, angelockt von "Biosphärenreservat Schaalsee", zu dem Dechow mittlerweile gehörte, viele junge Familien ins Dorf.
"Das anstrengende Dorf" titelte einmal die Lokalzeitung und meinte damit, dass es manchmal anstrengend sein kann, hier zu leben. Vielleicht hat die neue Betriebsamkeit auch etwas mit der Geschichte zu tun: Das Grenzdorf von einst, das man nur mit einer Ausnahmegenehmigung betreten durfte und das selbst Menschen, die nur zehn Kilometer entfernt wohnten, nur vom Hörensagen kannten, weil sie nie dorthin durften, will jetzt besonders offen sein. Schon zweimal beteiligte es sich an Dorfwettbewerben. Brachte es bis zur Silbermedaille im Bundeswettbewerb. Arbeitslosigkeit gibt es hier fast nicht; die Nähe zu Lübeck, Ratzeburg, Hamburg und Schwerin sorgt für Arbeits- und Ausbildungsplätze. Es entstand ein Dorfgemeinschaftshaus mit Veranstaltungssaal und Gästezimmern, ein Anlaufpunkt für Radler und Wanderer, eine Natur-Ausstellung, im Sommer eine Kunstschau, ein Natur-Ferienlager für Kinder, Badestelle, Radwege, Dorfplatz und die Kulturtage Dechow. Das alles wäre nie zu schaffen gewesen von 160 Menschen, wenn man nicht eines hätte in diesem Dorf:
Mann: "Ich glaube das ist die Gemeinsamkeit im Ort. Das ist in vielen Orten nicht der Fall. Hier ziehen die Leute durch die Bank an einem Strick, und woanders ziehen sie gegeneinander. Und das ist, glaube ich, der Riesenvorteil."
Morgen steht eine Veranstaltung der Dechower Kulturtage im Dorfgemeinschaftshaus an. 100 Eintrittskarten werden gebraucht. Irmgard von Puttkamer steht am Schneidegerät und trennt die vorbereiteten Bogen in kleine Eintrittskarten.
Von Puttkammer: "... das habe ich jetzt falsch gemacht! Eigentlich hätte ich einmal die Mitte durchtrennen müssen – lacht – ich habe zehn Eintrittskarten auf einem Blatt gedruckt. Und zwar beidseitig! Das war eine große Herausforderung für einen, der nicht Grafik studiert hat!"
Herausforderungen sind etwas für Dechower, und also auch für Irmgard von Puttkamer. Vor fünf Jahren zog sie mit ihrem Mann nach Mecklenburg. Und organisiert nun die Dechower Kulturtage, fünf bis sechs Veranstaltungen im Jahr– Klassik, Kabarett, Lesungen, Theater- und Liederabende. Die Kulturtage haben sich herumgesprochen, ebenso die Ausstellungen im Sommer. Bis in den Westen, sagt Irmgard von Puttkamer, die selbst von dort kommt, und lächelt.
Von Puttkammer: "Das ist etwas, worüber ich auch ganz froh bin, dass es uns geglückt ist: Das Tor in den Westen zu öffnen. Das war eine Landesgrenze, die jetzt nach der Wende fast noch hermetischer – ja, zu war, kann man nicht sagen. Aber sie haben sich einfach nicht für die Ortschaften jenseits der ehemaligen Grenze interessiert! Und wenn ich in Ratzeburg war zum Einkaufen und von Dechow erzählte, dann fragten sie mich: Wo liegt denn Dechow? Und das ist wirklich der erste Ort in der DDR gewesen. Und jetzt durch diese Initiativen, die alle auf dem kulturellen Sektor sind, öffnen sich die Leute aber. Und sie kommen nach Dechow und sagen: Mensch, hier kann man ja toll spazieren gehen!"
Im Dorfgemeinschaftshaus muss heute Abend noch der Saal eingeräumt werden für das Konzert morgen. Irmgard von Puttkamer begrüßt die Frauen, die dabei helfen. Alle tragen Sportkleidung.
Von Puttkammer: "Es war auch Gymnastik, und jetzt müssen wir den Flügel rausholen und Lichter anmachen ..."
Auch Silke Schülke hilft mit. Die Musiklehrerin und stellvertretende Bürgermeisterin findet es ganz selbstverständlich, für das Vorbereiten des Saales noch eine halbe Stunde vom Abend zu opfern.
Schülke: "Also ich bin eigentlich jedes Mal dabei. Einerseits aus Solidarität, andererseits aus Interesse. Ich bin froh, dass das hier in Dechow angeboten wird, so dass man nicht so weit fahren muss. Sonst muss man zu jeder Möglichkeit kilometerweit fahren, egal ob es Einkaufen ist oder Schule. Da freuen wir uns, dass das in Dechow stattfindet und auch auf diesem Niveau!"
Silke Schülke hat es noch erlebt, das eingeschlossene Dechow. An Kulturveranstaltungen wie diese mit Gästen von außerhalb, gar aus Hamburg, war damals gar nicht zu denken. 1982 verließ Silke Schülke ihr Heimatdorf, studierte und arbeitete. 1992 kam sie wieder.
Schülke: "Die erste Zeit war es so, dass jeder für sich kämpfen musste, um seine Familie irgendwie auf Vordermann zu bringen und mit der neuen Situation klarzukommen. Und ab der Jahrtausendwende ist diese Dorfgemeinschaft so zusammengewachsen – durch den Saal, das ist unser Herzstück."
Der einst verfallene Dorfgasthof mit dem großen Saal, für den die Dechower zwei Jahre lang viele Urlaubstage opferten, wurde im Jahr 2000 zur Initialzündung für die neue Dorfgemeinschaft aus Ost und West.
Schülke: "Es war dann wieder an der Zeit, dass man mehr wollte. Nicht nur an sich selbst denken, sondern auch mit anderen Spaß haben. Nicht bloß ein Wohndorf sein, sondern ein Dorf, wo auch Leben stattfindet. Ich denke, zu DDR-Zeiten gab es auch einen guten Gemeinschaftssinn, das hat einfach nur pausiert und ist dann wieder aufgelebt. Auch mit neuen Personen, mit vielen Zugereisten, die auch sehr nett sind und mit denen wir viel Spaß haben."
Einer der "Zugereisten" ist der Lübecker Bernhard Hotz, der eben den Flügel mit schleppte. Er kam 1991 mit seiner Familie nach Dechow und war damit der erste "Wessi" im Dorf. Die geografische Lage im ehemaligen Grenzgebiet zog viele an – ein vorpommersches Dorf hat da eher weniger Zuzug aus Richtung Westen.
Hotz: "Grundsätzlich muss ich sagen, dass die Leute sehr, sehr offen waren. Beeindruckt war ich auch, als ich hier die ersten Male durch fuhr, dass man gegrüßt wurde von allen – ob man die nun kannte oder nicht. Zuerst wusste ich natürlich nicht, wer was gemacht hat. Es stellte sich erst später heraus: der war bei den Grenztruppen oder so beim Militär, einen ABV hatten wir ja auch, der dann plötzlich arbeitslos wurde. Und dann kriegt man viele, viele Geschichten zu hören – von den Betroffenen aus einem anderen Blickwinkel als von denen, die es getan haben."
Dass ABV "Abschnittsbevollmächtiger" heißt und so viel bedeutete wie Dorfpolizist, hatte der Lübecker schnell gelernt. Länger dauerte es, die feinen Unterschiede mitzubekommen, Nuancen im menschlichen Verhalten. Zu erkennen, dass auch ein Grenzoffizier nicht zwangsläufig ein Unmensch gewesen sein muss und das andererseits Verrat an kein Parteibuch gebunden war.
Hotz: "Ich kann ja immer nur auf die Leute reagieren, wie sie mir gegenübertreten. Und wenn mir einer nichts getan hat, dann werde ich ihm auch nichts tun. Also, natürlich ist es schwierig, wenn ich dann höre, was der ABV zu DDR-Zeiten alles so gemacht hat, wie er seine eigenen Nachbarn drangsaliert hat. Wie tritt man so einem Menschen gegenüber? Das ist schon oft gar nicht so einfach gewesen. Aber selbst die Leute, die damals betroffen gewesen sind, konnten mit diesem Menschen ja auch umgehen. Und mein alter Nachbar Rudi, der hier 25 Jahre LPG-Vorsitzender war, da sollte man ja auch meinen, dass er als Parteisoldat die Leute immer – nein, er war immer gut zu seinen Leuten. Er hat immer die menschliche Seite nicht vergessen. Und mit so einem kann man hinterher trotzdem noch ein Bier trinken, auch wenn er auf Parteilinie war und stolz war, was die Partei alles erreicht hat. Was soll ich mich da mit ihm anlegen?"
Das alles können die Dechower nicht einer Kommission im Schnelldurchlauf erzählen. Die drei Herren haben jetzt den Dorfrundgang hinter sich, einen Ausstellungsbesuch in der Naturausstellung, wo man einen lebendigen Bienestock erleben kann, sie machten einen Abstecher zum neuen Lehmbackofen und steigen nun aus den aufgestylten Trabis aus.
Auf dem Weg zum letzten Tagesordnungspunkt – geräucherte Forellen am See nebst Brot aus dem Lehmbackofen – wischt sich Jan Florian, das tschechische Kommissionsmitglied, mit einem großen Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
Florian: "Manche Bürgermeister orientieren nur für Infrastruktur und bauen und bauen und bauen. Am Anfang sie schon haben alles – nur Leute nicht. Darum ist meine Meinung, es ist wichtig, für Leute zu arbeiten. Das ist hier- mir scheint, dass hier es funktioniert."
Die Forellen sehen gut aus, doch Jan Florian bevorzugt die deutsche Bratwurst. Sein Kollege, Camille Gira aus Luxemburg, nimmt sich jedoch eines Fisches an – besser kann er ihn nicht bekommen als aus den sauberen Seen des Biosphärenreservats rund um Dechow. Er ist besonders beeindruckt von der Geschichte dieses Dorfes – und wie man hier damit fertig geworden ist.
Gira: "Also Dechow ist schon kein Dorf wie alle anderen. Wenn man in der Zeit eines Menschenlebens drei solcher Brüche erlebt hat wie hier 45, 62 und 89, und wenn man dann sieht, was die Menschen hier in diesen 10, 15 Jahren aus diesen Brüchen gemacht haben, das kann man nur bewundern. Das ist sicherlich ganz speziell. Ich glaube, dieses Dorf braucht keine Angst vor der Zukunft zu haben, so wie diese Dorfgemeinschaft zusammenhält, da kann kommen was will, die sind gewappnet für die Zukunft. Und das ist das Wichtigste."
Irgendwann an diesem heißen Junitag sind die Dechower wieder unter sich. Im September werden sie erfahren, ob es geklappt hat mit einem Preis im Europäischen Dorfwettbewerb. Der Bürgermeister legt das Jackett ab. Ihm rumort schon die nächste Idee im Kopf herum. Er hat sie aus China mitgebracht, ein Jahr war er dort als Austauschlehrer. Immer fragt er sich: Was können wir noch machen in Dechow, damit mehr Touristen zu uns kommen?
Wachtel: "Zum Beispiel habe ich eine wunderschöne Baumhaussiedlung gesehen – das war Klasse! Eine Baumhaussiedlung zu sehen mitten im Wald, mit allem Komfort, da ist ein Badezimmer drin und ein Fernseher. Also Tourismus muss nicht immer in großen Hotels oder kleinen Ferienwohnungen stattfinden, sondern kann auch auf dem Baum betrieben werden!"
Auch das ist den Dechowern noch zuzutrauen. Müssten nur noch ein paar Ämter überzeugt werden ...
An einem sonnigen Junisamstag ist es soweit. Die Kommission wird erwartet. Eine halbe Stunde treten die Dechower im Sonntagsstaat von einem Fuß auf den anderen. Warten. Dann der Ruf: Sie kommen! Alles schwirrt umher.
Der Bürgermeister, trotz 28 Grad im Schatten in Anzug und Weste, treibt seine Schäfchen ins Dorfgemeinschaftshaus. Dort ist alles vorbereitet für die drei Kommissionsmitglieder, die aus Tschechien, Luxemburg und Belgien kommen, um sich das Dorf anzusehen.
Wachtel: "Wir freuen uns auch noch einmal darauf, sage ich auch gerne wiederholend, Sie in Dechow hier begrüßen zu können ..."
Bürgermeister Udo Wachtel, von Beruf Lehrer, ist aufgeregt wie seine Schüler vor der Prüfung. Später, nach Einführung in die Dorfgeschichte, Filmvorführung und Fußtanzgruppe, legt sich die Aufregung.
Von den zehn Dechowern hinter dem Vorhang auf der Bühne sind nur die Waden und die Füße zu sehen. Sie bewegen sich im Takt der Musik. Die drei Herren von der Kommission amüsieren sich über die originelle Idee.
Wie soll man in drei Stunden ein Dorfleben präsentieren? Wie soll man drei Ausländern klar machen, warum man gern hier wohnt? Hier, im Sperrgebiet von einst, wo man nun mit vielen Wessis zusammen wohnt? Und sich auch noch prima verträgt? Zum Glück kann man sich beim Radio mehr Zeit nehmen als eine Europäische Kommission. Deshalb: Rückblende. Dechow vier Wochen vor dem großen Tag.
Ein Waldstück bei Dechow. Die Wege sind dick bemoost, man geht wie auf einer Matratze. Vogelstimmen. Und: Kinderstimmen.
Kind: "In diesem Karton liegen Punkt Punkt Punkt und Punkt Punkt Punkt. Lege alles nebeneinander und vergleiche! ..."
Kinderstimmen im Wald – nichts Besonderes, mag man denken. Kinder spielen eben im Wald. Aber für diesen Wald hier ist es etwas Besonderes, denn Jahrzehnte durfte ihn keiner betreten, ein paar hundert Meter weiter verlief die Grenze mitten durch Deutschland. Und heute wird hier, im Todesstreifen von einst, ein Waldkindergarten eröffnet.
"... sind die Tannenzapfen mehr oder sind die Steine mehr? – Tannenzapfen. –Nein! ..."
Auf einer Lichtung stehen ein Bauwagen und ein Klohäuschen aus Holz. Eine Frau mit blondem Zopf erklärt einer Dreijährigen, was eine Komposttoilette ist und warum man sie im Wald braucht. Es ist Kerstin Houdelet, die Kindergärtnerin. Die Initiative für einen Waldkindergarten kam von den Dechower Eltern, erzählt sie. Aber die Idee dann umzusetzen, war schwierig und dauerte zwei Jahre.
Houdelet: "Das Problem ist: In Mecklenburg-Vorpommern gibt es so gut wie keine Waldkindergärten. Einer hat in Selmsdorf aufgemacht. Aber deswegen war es schwer, hier die Behörden zu überzeugen. Erst mal das Jugendamt, so ungefähr: Huch, was ist das? Da musste man viel Überzeugungsarbeit leisten!"
1996 wurde der einstige Dorfkindergarten in Dechow geschlossen. Immer weniger Kinder gab es damals in dem Dorf an der ehemaligen Grenze, und wer Kinder hatte, musste in Nachbardörfer zum Kindergarten fahren. Eine Frau, in der einen Hand ein kleines Mädchen, in der anderen ein Schoko-Muffin, lächelt glücklich in die Runde.
Frau: "Das ist meine dritte Tochter, und ich wollte für die anderen auch immer schon gern einen Waldkindergarten haben. Hat nie hingehauen! Und jetzt bei der dritten klappt das jetzt endlich –lacht ... Passt super hierher, auch in den Biosphärenreservat-Gedanken. Ja, ist `ne tolle Sache. Muss man nicht mehr so viel fahren, sonst muss man immer so viel fahren. Es gibt ja auf dem Dorf keine Schule und keinen Kindergarten, ich habe sonst immer viel fahren müssen und jetzt mal mit dem Fahrrad fahren zu können, ist auch mal ganz schön!"
Immer mehr Kinder wurden in Dechow in den letzten Jahren geboren, immer mehr junge Familien zogen in das Dorf östlich von Ratzeburg und Lübeck. Dechow gehört heute mit einem Altersdurchschnitt von 30 Jahren zu den jüngsten Dörfern Mecklenburgs. Woanders hat man mit Abwanderung zu kämpfen, hier zieht man hin. So auch Familie Weitner mit ihren drei Mädchen.
Weitner: "Wir wollten uns selbständig machen mit einer Idee im sanften Tourismus. Eine kleine Teestube eröffnen und Ferienwohnungen anbieten – aber ganz viel selber sanieren. Wir sind jetzt bis zu einer Ferienwohnung gekommen und die zweite ist im Werden. Die gibt es dann ab Juni. Das ist auf alle Fälle für Touristen so aus Hamburg für ein Wochenende ein idealer Platz mit dem See und mit der Natur hier und – ja. Auf jeden Fall ist es ein gutes Dorf zum Leben."
Dechow wirkt wie ein Dorf aus einem Kinderbuch, wo alles noch an seinem Platz ist: Hühner, Enten, Frösche, Katzen, Hunde, Pferde, Wiesen, große, alte Bäume, Blumen, ein See. Rosen klettern die Straßenlaternen hinauf. Die alten Häuser mit Fachwerk und Reet sind restauriert, die Grundstücke sind riesig. Hier hat man Platz zum Leben. Und zum Fußballspielen.
Leon, Sascha und die anderen Jungs sind jeden Tag auf dem Platz. Die achtjährigen Dechower mögen ihr Dorf.
"Ja, hier können wir Fußball spielen, wir können gegen die Mädchen spielen, wir haben einen Pokal. –Wir bauen auch gerne! - Wir bauen, wir haben schon ein Baumhaus fast fertig, nur noch Dach bauen."
Sascha zeigt in die Richtung, wo das Baumhaus steht. Er freut sich, dass so viele Erwachsene geholfen haben mit Baumaterial. Doch das Wichtigste bleibt für ihn die Fußballmannschaft. Ohne Trainer, darauf ist er stolz.
Junge: "Ja, wir sind der Trainer! – lachen - Das ist ganz schön anstrengend!"
Doch heute wird das Training abgekürzt. Die Jungs laufen zum Dorfplatz.
Männer: "... los, gleich noch mal hoch! Warte mal, hinten noch einer, halt mal an ..."
Die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr hieven den Maibaum hoch. Eine Birke. Doch die Jungs interessiert eher die hohe Stange neben dem Baum: Dort können nachher die Kinder hochklettern und sich Süßigkeiten abpflücken, die in einiger Höhe baumeln. Die Blaskapelle spielt sich ein.
Fast das ganze Dorf ist zum Fest gekommen. 160 Einwohner hat Dechow, mit dem Ortsteil Röggelin sind es 220. Alle Generationen sind heute hier versammelt. Eine Mischung aus denen, die nach dem Krieg hierher zogen, zumeist in der Landwirtschaft arbeiteten und im Sperrgebiet lebten, und denen, die nach der Wende nach Dechow kamen, viele von ihnen aus dem Westen Deutschlands. Sie haben sich gut zusammengerauft, finden diese Dechowerinnen.
Frauen: "Wir haben die Wessis aufgenommen, freundlich!"
"Ihr wart so gut zu uns."
"Gerda, wenn ich dich nicht gehabt hätte, dann hätte ich mein Haus nie bauen können, du hast gleich mitgeholfen! Gerda stand gleich auf der Matte, wir hatten unser Haus gerade erst angefangen, da war Gerda da: Ich bin die Gerda, kann ich euch helfen? Also das stimmt schon, wir sind sehr herzlich aufgenommen worden. Aber ich glaub`, wir waren auch nicht ganz unnett. Auch alle Leute, die Junggesellen sind im Dorf, sind voll integriert und haben ihre Aufgabe und ihren Spaß mitzumachen."
Weiter links auf einer Bank sitzt eine Frau hoch in den Achtzigern. Sie gehörte zu den ersten, die 1945 in Dechow siedelten. Das Dorf war damals durch ein Abkommen von der amerikanischen in die russische Zone getauscht worden und fast alle Einwohner hatten das Dorf verlassen.
"Zweie waren noch hier. Die waren ja alle weg! Die sind ja 45 im November alle nach drüben gemacht, alle Bauern, das ganze Dorf war leer! Wir sind Sudetendeutsche. Und wir sind hierher gemacht, und was wollten wir machen? Wir haben 14 Jahre gesiedelt und nachher sind wir in die LPG. 1960 mussten wir in die LPG. Und bis zum Rentenalter habe ich dort gearbeitet."
Die Grenzgeschichte des Dorfes wirbelte zweimal alles durcheinander: 1945 beim Zonenwechsel und 1961 beim Bau der Grenzanlagen wurden Dechower vertrieben und jeweils neue kamen. Diese alten Geschichten hingen nach der Wende über dem Dorf wie eine dunkle Wolke. Der Trabi-Schwall, der sich gen Ratzeburg am Dorf vorbei wälzte und der Gegenbesuch aus dem Westen brachten Wünsche und Begehrlichkeiten mit. Wem gehörten nun die Häuser und Grundstücke? Den 1945 oder den 1961 Vertriebenen? Oder hatten jene, die dort die letzten Jahrzehnte wohnten, vielleicht auch ein Recht darauf? Zehn weitere Jahre gingen ins Land, 90 Prozent der Eigentumsverhältnisse waren ungeklärt, Unmut hing über dem Dorf. Es war die Zeit, als der Kindergarten geschlossen wurde. Nichts entwickelte sich – außer der Natur. Doch dies erwies sich als Glücksumstand, denn nachdem endlich die Eigentumsverhältnisse geklärt waren, zogen, angelockt von "Biosphärenreservat Schaalsee", zu dem Dechow mittlerweile gehörte, viele junge Familien ins Dorf.
"Das anstrengende Dorf" titelte einmal die Lokalzeitung und meinte damit, dass es manchmal anstrengend sein kann, hier zu leben. Vielleicht hat die neue Betriebsamkeit auch etwas mit der Geschichte zu tun: Das Grenzdorf von einst, das man nur mit einer Ausnahmegenehmigung betreten durfte und das selbst Menschen, die nur zehn Kilometer entfernt wohnten, nur vom Hörensagen kannten, weil sie nie dorthin durften, will jetzt besonders offen sein. Schon zweimal beteiligte es sich an Dorfwettbewerben. Brachte es bis zur Silbermedaille im Bundeswettbewerb. Arbeitslosigkeit gibt es hier fast nicht; die Nähe zu Lübeck, Ratzeburg, Hamburg und Schwerin sorgt für Arbeits- und Ausbildungsplätze. Es entstand ein Dorfgemeinschaftshaus mit Veranstaltungssaal und Gästezimmern, ein Anlaufpunkt für Radler und Wanderer, eine Natur-Ausstellung, im Sommer eine Kunstschau, ein Natur-Ferienlager für Kinder, Badestelle, Radwege, Dorfplatz und die Kulturtage Dechow. Das alles wäre nie zu schaffen gewesen von 160 Menschen, wenn man nicht eines hätte in diesem Dorf:
Mann: "Ich glaube das ist die Gemeinsamkeit im Ort. Das ist in vielen Orten nicht der Fall. Hier ziehen die Leute durch die Bank an einem Strick, und woanders ziehen sie gegeneinander. Und das ist, glaube ich, der Riesenvorteil."
Morgen steht eine Veranstaltung der Dechower Kulturtage im Dorfgemeinschaftshaus an. 100 Eintrittskarten werden gebraucht. Irmgard von Puttkamer steht am Schneidegerät und trennt die vorbereiteten Bogen in kleine Eintrittskarten.
Von Puttkammer: "... das habe ich jetzt falsch gemacht! Eigentlich hätte ich einmal die Mitte durchtrennen müssen – lacht – ich habe zehn Eintrittskarten auf einem Blatt gedruckt. Und zwar beidseitig! Das war eine große Herausforderung für einen, der nicht Grafik studiert hat!"
Herausforderungen sind etwas für Dechower, und also auch für Irmgard von Puttkamer. Vor fünf Jahren zog sie mit ihrem Mann nach Mecklenburg. Und organisiert nun die Dechower Kulturtage, fünf bis sechs Veranstaltungen im Jahr– Klassik, Kabarett, Lesungen, Theater- und Liederabende. Die Kulturtage haben sich herumgesprochen, ebenso die Ausstellungen im Sommer. Bis in den Westen, sagt Irmgard von Puttkamer, die selbst von dort kommt, und lächelt.
Von Puttkammer: "Das ist etwas, worüber ich auch ganz froh bin, dass es uns geglückt ist: Das Tor in den Westen zu öffnen. Das war eine Landesgrenze, die jetzt nach der Wende fast noch hermetischer – ja, zu war, kann man nicht sagen. Aber sie haben sich einfach nicht für die Ortschaften jenseits der ehemaligen Grenze interessiert! Und wenn ich in Ratzeburg war zum Einkaufen und von Dechow erzählte, dann fragten sie mich: Wo liegt denn Dechow? Und das ist wirklich der erste Ort in der DDR gewesen. Und jetzt durch diese Initiativen, die alle auf dem kulturellen Sektor sind, öffnen sich die Leute aber. Und sie kommen nach Dechow und sagen: Mensch, hier kann man ja toll spazieren gehen!"
Im Dorfgemeinschaftshaus muss heute Abend noch der Saal eingeräumt werden für das Konzert morgen. Irmgard von Puttkamer begrüßt die Frauen, die dabei helfen. Alle tragen Sportkleidung.
Von Puttkammer: "Es war auch Gymnastik, und jetzt müssen wir den Flügel rausholen und Lichter anmachen ..."
Auch Silke Schülke hilft mit. Die Musiklehrerin und stellvertretende Bürgermeisterin findet es ganz selbstverständlich, für das Vorbereiten des Saales noch eine halbe Stunde vom Abend zu opfern.
Schülke: "Also ich bin eigentlich jedes Mal dabei. Einerseits aus Solidarität, andererseits aus Interesse. Ich bin froh, dass das hier in Dechow angeboten wird, so dass man nicht so weit fahren muss. Sonst muss man zu jeder Möglichkeit kilometerweit fahren, egal ob es Einkaufen ist oder Schule. Da freuen wir uns, dass das in Dechow stattfindet und auch auf diesem Niveau!"
Silke Schülke hat es noch erlebt, das eingeschlossene Dechow. An Kulturveranstaltungen wie diese mit Gästen von außerhalb, gar aus Hamburg, war damals gar nicht zu denken. 1982 verließ Silke Schülke ihr Heimatdorf, studierte und arbeitete. 1992 kam sie wieder.
Schülke: "Die erste Zeit war es so, dass jeder für sich kämpfen musste, um seine Familie irgendwie auf Vordermann zu bringen und mit der neuen Situation klarzukommen. Und ab der Jahrtausendwende ist diese Dorfgemeinschaft so zusammengewachsen – durch den Saal, das ist unser Herzstück."
Der einst verfallene Dorfgasthof mit dem großen Saal, für den die Dechower zwei Jahre lang viele Urlaubstage opferten, wurde im Jahr 2000 zur Initialzündung für die neue Dorfgemeinschaft aus Ost und West.
Schülke: "Es war dann wieder an der Zeit, dass man mehr wollte. Nicht nur an sich selbst denken, sondern auch mit anderen Spaß haben. Nicht bloß ein Wohndorf sein, sondern ein Dorf, wo auch Leben stattfindet. Ich denke, zu DDR-Zeiten gab es auch einen guten Gemeinschaftssinn, das hat einfach nur pausiert und ist dann wieder aufgelebt. Auch mit neuen Personen, mit vielen Zugereisten, die auch sehr nett sind und mit denen wir viel Spaß haben."
Einer der "Zugereisten" ist der Lübecker Bernhard Hotz, der eben den Flügel mit schleppte. Er kam 1991 mit seiner Familie nach Dechow und war damit der erste "Wessi" im Dorf. Die geografische Lage im ehemaligen Grenzgebiet zog viele an – ein vorpommersches Dorf hat da eher weniger Zuzug aus Richtung Westen.
Hotz: "Grundsätzlich muss ich sagen, dass die Leute sehr, sehr offen waren. Beeindruckt war ich auch, als ich hier die ersten Male durch fuhr, dass man gegrüßt wurde von allen – ob man die nun kannte oder nicht. Zuerst wusste ich natürlich nicht, wer was gemacht hat. Es stellte sich erst später heraus: der war bei den Grenztruppen oder so beim Militär, einen ABV hatten wir ja auch, der dann plötzlich arbeitslos wurde. Und dann kriegt man viele, viele Geschichten zu hören – von den Betroffenen aus einem anderen Blickwinkel als von denen, die es getan haben."
Dass ABV "Abschnittsbevollmächtiger" heißt und so viel bedeutete wie Dorfpolizist, hatte der Lübecker schnell gelernt. Länger dauerte es, die feinen Unterschiede mitzubekommen, Nuancen im menschlichen Verhalten. Zu erkennen, dass auch ein Grenzoffizier nicht zwangsläufig ein Unmensch gewesen sein muss und das andererseits Verrat an kein Parteibuch gebunden war.
Hotz: "Ich kann ja immer nur auf die Leute reagieren, wie sie mir gegenübertreten. Und wenn mir einer nichts getan hat, dann werde ich ihm auch nichts tun. Also, natürlich ist es schwierig, wenn ich dann höre, was der ABV zu DDR-Zeiten alles so gemacht hat, wie er seine eigenen Nachbarn drangsaliert hat. Wie tritt man so einem Menschen gegenüber? Das ist schon oft gar nicht so einfach gewesen. Aber selbst die Leute, die damals betroffen gewesen sind, konnten mit diesem Menschen ja auch umgehen. Und mein alter Nachbar Rudi, der hier 25 Jahre LPG-Vorsitzender war, da sollte man ja auch meinen, dass er als Parteisoldat die Leute immer – nein, er war immer gut zu seinen Leuten. Er hat immer die menschliche Seite nicht vergessen. Und mit so einem kann man hinterher trotzdem noch ein Bier trinken, auch wenn er auf Parteilinie war und stolz war, was die Partei alles erreicht hat. Was soll ich mich da mit ihm anlegen?"
Das alles können die Dechower nicht einer Kommission im Schnelldurchlauf erzählen. Die drei Herren haben jetzt den Dorfrundgang hinter sich, einen Ausstellungsbesuch in der Naturausstellung, wo man einen lebendigen Bienestock erleben kann, sie machten einen Abstecher zum neuen Lehmbackofen und steigen nun aus den aufgestylten Trabis aus.
Auf dem Weg zum letzten Tagesordnungspunkt – geräucherte Forellen am See nebst Brot aus dem Lehmbackofen – wischt sich Jan Florian, das tschechische Kommissionsmitglied, mit einem großen Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
Florian: "Manche Bürgermeister orientieren nur für Infrastruktur und bauen und bauen und bauen. Am Anfang sie schon haben alles – nur Leute nicht. Darum ist meine Meinung, es ist wichtig, für Leute zu arbeiten. Das ist hier- mir scheint, dass hier es funktioniert."
Die Forellen sehen gut aus, doch Jan Florian bevorzugt die deutsche Bratwurst. Sein Kollege, Camille Gira aus Luxemburg, nimmt sich jedoch eines Fisches an – besser kann er ihn nicht bekommen als aus den sauberen Seen des Biosphärenreservats rund um Dechow. Er ist besonders beeindruckt von der Geschichte dieses Dorfes – und wie man hier damit fertig geworden ist.
Gira: "Also Dechow ist schon kein Dorf wie alle anderen. Wenn man in der Zeit eines Menschenlebens drei solcher Brüche erlebt hat wie hier 45, 62 und 89, und wenn man dann sieht, was die Menschen hier in diesen 10, 15 Jahren aus diesen Brüchen gemacht haben, das kann man nur bewundern. Das ist sicherlich ganz speziell. Ich glaube, dieses Dorf braucht keine Angst vor der Zukunft zu haben, so wie diese Dorfgemeinschaft zusammenhält, da kann kommen was will, die sind gewappnet für die Zukunft. Und das ist das Wichtigste."
Irgendwann an diesem heißen Junitag sind die Dechower wieder unter sich. Im September werden sie erfahren, ob es geklappt hat mit einem Preis im Europäischen Dorfwettbewerb. Der Bürgermeister legt das Jackett ab. Ihm rumort schon die nächste Idee im Kopf herum. Er hat sie aus China mitgebracht, ein Jahr war er dort als Austauschlehrer. Immer fragt er sich: Was können wir noch machen in Dechow, damit mehr Touristen zu uns kommen?
Wachtel: "Zum Beispiel habe ich eine wunderschöne Baumhaussiedlung gesehen – das war Klasse! Eine Baumhaussiedlung zu sehen mitten im Wald, mit allem Komfort, da ist ein Badezimmer drin und ein Fernseher. Also Tourismus muss nicht immer in großen Hotels oder kleinen Ferienwohnungen stattfinden, sondern kann auch auf dem Baum betrieben werden!"
Auch das ist den Dechowern noch zuzutrauen. Müssten nur noch ein paar Ämter überzeugt werden ...