Ich bin bereit!

Von Christian Gampert |
Das Freiburger Theater gibt sich schwer kapitalismuskritisch - und verbindet Wilhelm Hauffs "Das kalte Herz" mit einem Manager-Seminar. Märchen plus Kabarett: eine Mischung, die nicht unbedingt aufgeht.
Ein bisschen Heimatkunde kann nicht schaden: "Das kalte Herz" spielt bei den Freiburgern vor der Haustür, im Schwarzwald. Und Kapitalismuskritik ist im Haus der Intendantin Barbara Mundel auch sehr beliebt: Mit der Figur des verarmten Köhlers Peter Munk, der sein Herz an den bösen Holländer-Michel verpfändet, kann man flugs den Bogen schlagen zu heutigen Hartz-IV-Empfängern, die naiver Weise von Wohlstand und Luxus träumen. Mit einem steinernen Herzen in der Brust ist Hauffs Peter Munk dann reich, aber natürlich unglücklich – und rudert zurück.

Das Hauff-Märchen von 1827 schien nach Aktualisierung also quasi zu rufen – zumal es in einer Zeit entstanden ist, als Europa durch einen englischen Aktienbetrug in eine Finanzkrise (ach!) gestürzt und Deutschland erstmals von Massenprodukten der englischen Industrie überschwemmt wurde. Brav-Sein und Untertänigkeit gegenüber dem Feudalherrn waren da nicht mehr die angezeigten Verhaltensformen; erstmals gewann die Geldwirtschaft an Einfluss – und somit die Verführung des Geldes.

Die Freiburger Schauspieler und ihre Regisseurin Meret Matter haben nun eine zweite Spielebene dazuerfunden, die sich im Lauf des Abends als die dominante erweist: fünf unterschiedlich erfolgreiche Kräfte aus der Wirtschaft sitzen in einem Manager-Seminar und lassen sich von einem impertinenten Coach (gespielt von der großspurig herumstöckelnden Anna Böger) fit machen für ihren Arbeitsalltag, also fürs Cool-Sein im Kampf aller gegen alle. Zur Selbstfindung spielen sie Szenen aus dem Hauff-Märchen nach. Bisweilen bricht auch das liebliche Schwarzwälder Volkslied ("unten im Tale läuft’s Wasser so trüb") in diese klinische Wirtschaftswelt ein, als hätte Christoph Marthaler im Hintergrund den Taktstock geführt (und in der Tat hat Meret Matter bei ihm in Zürich ja gearbeitet).

In der Hauptsache aber werden Klischees aus der Managersprache breitgetreten und Übungen der entsprechenden Schulungs-Seminare serviert. Welches Auto darf man wann fahren? Welche Kleidung ist wann angemessen? Es gibt Vorträge über Hormonpräparate und gentechnisch veränderte Pflanzen, die man verscherbeln will; man ruft auch bis zur Selbstverleugnung "Ich bin bereit", wenn die Übungsleiterin dies wünscht. Diese seltsame Mischung aus Kabarett und Schauspiel-Workshop (die Übungen für Manager sind in Wahrheit natürlich Übungen für Schauspieler) ist eine Zeitlang bizarr und unterhaltsam, vor allem in Kombination mit Hauffs Märchen-Szenen; bald aber erweist sich, dass dramaturgisch der lange Atem fehlt und das Stück nur Übungs-Einheiten addiert.

Der Holländer-Michel, eine Art kapitalismus-geschulter Waldgeist, verschiebt in Hauffs Märchen massenweise Baumstämme den Rhein herunter nach Holland; er hat schon Anfang des 19.Jahrhunderts kapiert, wie der Markt funktioniert. In Freiburg ist aus ihm ein aasiger Manager geworden, den Thomas Mehlhorn als schrägen Leningrad Cowboy spielt. Und der bewegliche André Benndorf hampelt, buckelt und schlackert sich den armen Peter Munk als sehr heutigen Loser zurecht.

In Freiburg kommt dem Hauff-Märchen also der "fabelhafte Zauber", das Geheimnis völlig abhanden; dafür gibt es (in den besten Momenten: absurdes) Gegenwarts-Kabarett aus der Welt der Wirtschaft. "Gib mir mein Herz zurück" schmalzte schon Herbert Grönemeyer – dem Freiburger Ensemble-Projekt fehlt das Zentrum.

"Das kalte Herz" nach Wilhelm Hauff
Theater Freiburg
Regie: Meret Matter