Imogen Crimp: "Unser wirkliches Leben"
© Hanser Verlag
Die verführerische Sicherheit des Begehrens
04:25 Minuten
Imogen Crimp
Aus dem Englischen von Margarita Ruppel
Unser wirkliches LebenHanserblau, Berlin 2022464 Seiten
22,00 Euro
Imogen Crimp erzählt in ihrem Debüt „Unser wirkliches Leben“ von einer jungen Frau, die Operngesang studiert und sich mit einem älteren Mann einlässt. Dabei geht es nicht nur um diese Affäre, sondern auch um die Klassenfrage in England.
Die 24-jährige Anna studiert in London Operngesang und arbeitet in einer Hotelbar als Jazzsängerin, um Geld zu verdienen. Eines Abends lernt sie dort Max kennen – 14 Jahre älter als sie, noch nicht geschieden und wohlhabend.
Es passiert, was passieren muss: Er lädt sie in teure Restaurants ein, ist auf eigenwillige Weise charmant und sie beginnen eine Affäre. Von Anfang an stellt Max klar, dass sie nur Spaß miteinander haben. Anna ist einverstanden, doch ihre Gefühle verändern sich.
Unsicherheit und Geldgeschenke
Schon aufgrund des Unterschieds in Alter und Lebenserfahrung ist die Machtdynamik zwischen Anna und Max unausgeglichen, dazu kommt in Imogen Crimps fesselndem Debütroman das ökonomische Ungleichgewicht.
Anna kommt aus einfachen Verhältnissen und lebt in einem heruntergekommenen Zimmer. Max arbeitet im Finanzbereich, lebt unter der Woche in einem schicken Apartment und hat ein Haus in Oxfordshire, in das er sie nie einlädt. Bald fängt er an, ihr Geld zu geben, und sie will ihm unbedingt gefallen.
„A Very Nice Girl“ ist der Originaltitel. Doch Anna ist vor allem unsicher. Diese Unsicherheit aber wird in den Hintergrund gedrängt, wenn sie mit Max zusammen ist. Sie mag, wie er sie ansieht und beginnt, seinen Blick so zu verinnerlichen, dass sie zunehmend vergisst, wer sie ist, wenn er sie nicht ansieht.
Regieanweisung an Anna
Dieser Blick spiegelt sich in der Erzählhaltung wider. Obwohl Anna die Ich-Erzählerin ist, blickt sie in den verschiedensten Situationen fast von außen auf sich. Außer bei ihren Auftritten. Dann versinkt sie in der jeweiligen Rolle.
Dieses Versinken ist markiert im Text. Auf kursiv gesetzte Regieanweisungen, die vorgeben, wohin sich ihre Figur auf der Bühne begibt, folgen Abschnitte, in denen steht, was Anna und dadurch ihre Figur gerade empfinden. Sie weiß, dass sie nur durch ihre Interpretation diesen von Männern geschaffenen verführerischen und naiven Frauenfiguren auf der Bühne etwas entgegensetzen kann.
Die Geschichte einer jungen Frau, die sich mit einem älteren Mann einlässt und zunehmend sich selbst verliert, ist nicht neu und verläuft hier in den zu erwartenden Bahnen. Indem Crimp die Beziehung jedoch mit Annas Karriere verbindet, entsteht eine bestechende Dynamik zwischen diesen beiden Polen in Annas Leben.
Anna verfängt sich zusehends in einem vermeintlichen Widerspruch zwischen Selbstverwirklichung und Liebe. Die Aussicht, in der Beziehung zu Max eine Zukunft zu finden, ist verführerisch und sieht wie der einfachere Weg aus.
Sensorium für die sozialen Unterschiede
Jedoch weiß Anna, dass sie mehr wollen sollte. Aber Selbstverwirklichung ist schwierig, wenn man nicht aus einer wohlhabenden Familie kommt. Anna muss Miete zahlen, bei Castings ist oft eine Teilnahmegebühr fällig, für verschiedene Vorsingen braucht sie entsprechende Kleidung und Fahrgeld.
Ihre Lehrer, ihre Mitstudenten und sogar ihre Freundinnen tun so, als gebe es die Benachteiligung nicht, die Anna aufgrund ihrer Herkunft aus einer anderen Klasse hat. Geld spielt eine Rolle – in jeder Hinsicht. Aber das erkennen nur die, die kein Geld haben.
Ein feinfühliger und behutsamer Blick
Die Anlage der Geschichte, die Thematisierung der Klassenunterschiede, der feine trockene Humor, mit dem Anna und auch ihre Freundinnen dem Leben begegnen, erinnern bisweilen an Sally Rooney. Doch ist Crimps Blick weniger kalt, er ist feinfühliger und behutsamer.
Dazu gibt es betörend schöne Beschreibungen von der Wirkung, die die Musik auf Anna hat. Es ist zu hoffen, dass sie einen Weg findet, diese Leidenschaft, ihren Ehrgeiz, ihre Sehnsucht nach Macht und Liebe, ihr Begehren zu vereinbaren. Das Ende lässt das aber klugerweise offen.