Kunst im Kellerlabyrinth

Von Hilde Weeg |
In Gera wurden im Laufe der letzten Jahrhunderte mehr als 230 Keller zu einem Labyrinth ausgebaut. Und wo sonst zum Beispiel Bierfässer lagern, zeigen nun 46 Künstler Installationen aus Klang und Licht.
Gera, Greizerstraße, ein zweigeschossiges Plattenbaumiethaus mitten im Zentrum. Hier ist der Eingang zu einem der Höhler.

Heil: "Also hier wohnt die Familie Müller, Schulze Krause …"

Der Weg führt an Briefkästen und Hausordnung vorbei in ein niedriges Felsenlabyrinth aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Kühl wird es, die Luftfeuchtigkeit steigt, es riecht modrig. Immerhin gibt es elektrisches Licht hier unten. Trotzdem muss man auf Kopf und Füße besonders aufpassen.

"Geh ich mit Ihnen hier noch mal durch diese enge Stelle, die hier wirklich ein wenig eng ist. Aber das ist schön, weil dieser Höhler hat eben dieses Ambiente in einer unverfälschten Art und Weise."

Gut, dass die Biennale-Projektleiterin Gitta Heil sich hier auskennt. In der ersten Nische baumeln glasige Fischgerippe von der Decke, darunter stehen wassergefüllte Glasboote. Unten wird oben.

"Diese Arbeit lebt vom Licht und von den verschiedenen Farben, die Wunderlich hier im Fusing-Guss und im Fusing-Verfahren praktisch zur Sprache gebracht hat."

Die Installation stammt vom Geraer Künstler Winfried Wunderlich. Er ist einer der Initiatoren dieser besonderen Schau. Vor sieben Jahren entstand die Idee, Besucher durch Kunst in diese einzigartige Unterwelt zu locken, der Sirenengesang – von Ralf Beck kreiert –– trägt ebenfalls dazu bei.

Von 20 Künstlern 2003 ist die Zahl der Teilnehmer auf 47 gestiegen, 120 hatten sich beworben. Elf Künstler aus Thüringen, 20 aus ganz Deutschland und 26 aus Europa stellen hier nun aus. Aus dem Versuchsstadium ist die Biennale nun heraus, aber den Charme von Spontaneität und Improvisation hat sie behalten. In der Nische neben Wunderlichs Booten harrt eine Invasion weißer Insekten in Hausschuhgröße auf einer Treppe aus, als sei sie gerade vom Licht überrascht. Eine Installation von Ilse Hilpert:

Heil: "Wenn man genau hinschaut: Man hat also Schuhspanner … und hat dazu Kabelbinder angebracht – sodass man hier insektenartige Formen bekommt – die Spanner unterwegs …"

"Unterwegs" – das Motto der Ausstellung in diesem Jahr ist vom Aufbruch der Bauhausbewegung inspiriert. Nur 250 Euro haben die Künstler pro Projekt erhalten – und so zeichnen sich die Arbeiten weniger durch kostbares Material, sondern vielmehr ausgefallene Kreationen aus, die auch den besonderen Bedingungen unter Tage geschuldet sind - eine hohe Luftfeuchtigkeit bis zu 90 Prozent zum Beispiel. Einige Objekte thematisieren die Feuchtigkeit explizit: die Wassereimer von Cornelia Schlothauer etwa oder Jan Thomas’ Fledermausdämonen aus Ton, deren Nasen vom Kondenswasser triefen. Gitta Heil:

"Die Installation hat ja auch einen gewissen Prozesscharakter. Sie ist nicht nur statisch, dass sie nur heute so aussieht, sondern sie entwickelt sich auch im Wirken einer langen Laufzeit. Und das große Plus ist, dass sie bei uns fünf Monate gezeigt werden kann."

Seit Ende Juni und noch bis Oktober sind fünf Höhlersysteme zu besichtigen. Klaustrophobisch sollte man nicht sein, und hochgewachsene Menschen sollten sich darauf einstellen, zum Teil in gebückter Haltung auszuharren, denn manche Gänge sind sehr niedrig. Alle anderen Besucher dürften das als Teil des Schnitzeljagdgefühls genießen, das einen hier beschleicht, ob beim Suchen nach den Gängen oberirdisch oder in den Gängen selbst.

"Das alles ist doch wirklich eine ganz andere, viel archaischere Situation. Und da hat die Kunst eine ganz große Bedeutung, um mit dem Künstler für den Raum hier eine Absicht zu verfolgen …"

Die Biennale mehrt Geras Ruf, eine Stadt zu werden, die sich zeitgenössischer Kunst öffnet. Im nächsten Jahr soll das Kunsthaus Gera eröffnet werden, der Umbau des 2008 erworbenen Gebäudes von Star-Architekt David Chipperfield.
Wer in diesem Sommer in Geras Unterwelt unterwegs ist, wünscht manchen Kunstwerken darin zukünftig einen dauerhaften Platz.

Service: Höhler-Biennale in Gera, noch bis Oktober. Jeweils von Mittwoch bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr kann man in die Unterwelten abtauchen. Weitere Informationen dazu unter www.hoehlerbiennale.de.