Die Buchenwaldkinder

Die Geschichte einer Rettung – und eines Neuanfangs

Drei ausgemergelte jugendliche Häftlinge hinter einem Zaun, nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 13.04.1945 durch die 3. US-Armee.
Nach der Befreiung des KZs Buchenwald: Unter den befreiten Gefangenen waren etwa 900 Kinder und Jugendliche. © picture-alliance / dpa / dpa US Army
Von Leila Knüppel |
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bot die Schweiz an, Kinder aus dem KZ Buchenwald zur Erholung aufzunehmen. Doch dann mussten die Helferinnen feststellen: Nur wenige kleine Kinder hatten überlebt. Eine der Ausnahmen: der sechsjährige Isaak Goldblum.
Als ich Isaak Goldblum anrufe, sagt er, klar könne ich vorbeikommen. Aber eigentlich hätte er gar nichts zu erzählen. Er sei damals ja noch so klein gewesen. Jetzt, 80 Jahre nach der Befreiung des KZs Buchenwald, erinnere er sich doch gar nicht mehr so gut.
Trotzdem sitze ich ihm einige Tage später gegenüber. Wir essen Linzer Torte und er reicht mir die Kopie seiner Häftlings-Personal-Karte aus dem KZ Buchenwald. Eines der vielen Dokumente der systematischen, staatlich organisierten Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden.
Häftlingsnummer 115039. "Goldblum, Izak, Pole, Jude, geboren am 2.1.1936 in Piotrkow". Neun Jahre alt wäre er den Unterlagen nach gewesen, als er am 18. Januar 1945 mit seinem Vater ins KZ Buchenwald kam. In Wirklichkeit war er erst sechs.

Kinder im KZ Buchenwald

Ein Funktionshäftling, der bei der Registrierung half, sagte seinem Vater: Mach ihn drei Jahre älter, dann hat er eine Chance zu überleben. Zu kleine Kinder galten als nicht arbeitsfähig. Und wie bei den Erwachsenen hing auch bei den minderjährigen Häftlingen das Überleben davon ab, ob sie Zwangsarbeit leisten konnten. Isaaks Vater reagierte schnell – aus Isaaks Geburtsjahr 1939 wurde 1936. Er rettete seinem Sohn so das Leben. Zum zweiten Mal.
Das erste Mal: Das war damals im Ghetto, erzählt Isaak Goldblum. Als er und seine Mutter mit anderen Juden in einem Gebäude zusammengetrieben wurden. Dem Vater gelang es, einen Wächter zu bestechen und seinen Sohn in einem Sack hinauszuschmuggeln. Isaaks Mutter wurde erschossen.
Ein ausgemergelter ehemaliger Häftling sitzt Anfang April 1945 nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor einer Baracke und isst etwas aus einem Blechnapf.
Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald© picture-alliance / dpa
An was er sich erinnert aus dem KZ Buchenwald, möchte ich von Isaak Goldblum wissen. Der Mensch gewöhnt sich an alles, sagt er ausweichend. Und dann irgendwann erzählt er: beim Appell. Ein Junge habe sich gemeldet. Er müsse mal auf die Toilette. Der SS-Mann nahm den Jungen mit. Ein Schuss. „Möchte noch jemand auf Klo?“, fragte der SS-Mann danach.

Eine Hilfsaktion der Schweiz

Im April 1945 rücken die US-amerikanischen Truppen vor. Am 11. April fliehen die Angehörigen der SS-Kommandantur. Das KZ Buchenwald wird befreit.
Die US-amerikanischen Soldaten dokumentieren den Schrecken von Buchenwald, auch viele internationale Korrespondenten besuchen das Lager und berichten von den dortigen Verhältnissen. Es folgen Delegationen des Internationalen Roten Kreuzes, des amerikanischen Kongresses, des britischen Parlaments und anderer Institutionen.
Die Schweiz bietet  – wie andere Länder – an, ehemalige KZ-Häftlinge zur Erholung aufzunehmen: 2000 Kinder für sechs Monate. Nicht nur aus humanitären Gründen – sondern auch, um die Beziehungen zu den Alliierten zu verbessern, die der Schweiz ihre Neutralität während des Krieges vorwarfen.
Als der Zug für die Fahrt in die Schweiz kam, wollten alle mit, erinnert sich Isaak Goldblum. Die Schweiz: Das war das Paradies. Das einzige Land in Europa, das vom Krieg verschont geblieben war.

Vom Konzentrationslager in die Bergidylle

Doch die Kinder, die da schließlich aus Buchenwald in die Schweiz kommen, passen so gar nicht zu den Vorstellungen, die sich die Schweizerinnen und Schweizer von den Hilfsbedürftigen gemacht haben. Statt 2000 reisen offiziell nur etwa 370 an. Die meisten sind keine kleinen Kinder mehr, sondern Jugendliche. Und weil sie von den US-Soldaten in den vergangenen Wochen gut verpflegt wurden, sehen sie auch nicht mehr verhungert aus. Mit im Zug sitzen aber Isaak und sein Vater Jakob Goldblum als Begleitung.
„Die Reaktion auf die jungen Menschen, die grösstenteils aus Osteuropa in die Schweiz kamen, war sehr feindselig“, erklärt die Historikerin Madeleine Lerf, die ein Buch über die Buchenwaldkinder geschrieben hat, gegenüber dem Portal Swissinfo.
Die ersten Tage müssen die Jugendlichen in Quaratäne verbringen: Wieder in einem von Stacheldraht umzäunten Lager, wieder bewacht von Soldaten. Später werden sie in Gruppen aufgeteilt – in verschiedene Regionen des Landes zur Erholung geschickt. Einige werden im Jugendheim Felsenegg auf dem Zugerberg untergebracht. Inmitten von Wald und Wiesen – mit Blick auf den Zugersee. Vom Konzentrationslager in eine Bergidylle. Es gibt Fotos von ihnen beim Wandern, Musik machen oder im Essenssaal. Einige der Jugendlichen zeichnen und dokumentieren so die Schrecken des KZs.
Die meisten der sogenannten Buchenwaldkinder müssen die Schweiz nach dem Erholungsaufenthalt verlassen, wandern beispielsweise nach Israel aus. Isaak und seinem Vater gelingt es nach vielen Hin und Her zu bleiben. Jakob Goldblum macht eine Ausbildung als Koch, Isaak geht auf eine jüdische Schule.
Wie die Stimmung gegenüber Juden denn damals in der Schweiz gewesen sei, möchte ich wissen. Antisemitismus gebe es überall, sagt Goldblum und beginnt, Juden-Witze zu erzählen. Einen, noch einen, noch einen... Sedimentschicht um Sedimentschicht Antisemitismus. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll.
Wollen Sie noch einen Kaffee, fragt er mich irgendwann. Dann erzählt er mir von seinem Sohn und der Schwiegertochter.
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