Meinung

Feiern in Krisenzeiten: Leichtigkeit als politische Kraft

Sektgläser auf dem Tisch, dahinter halten Feiernde brennende Wunderkerzen in der Hand - Hintergrund ist verschwommen
Silvesterfeiern in globalen Krisenzeiten? Früher war diese Frage ein privates Händeringen um volle Teller an Weihnachten. Heute ist das anders, meint der Kulturwissenschaftler Steffen Greiner. © picture alliance / Zoonar / Dasha Petrenko
Ein Kommentar von Steffen Greiner |
Darf man Feste feiern, während es anderen schlecht geht? Die Frage nach persönlichem Glück in Zeiten globaler Krisen und sozialer Konflikte hat heute mehr denn je eine politische Dimension, findet Kulturwissenschaftler Steffen Greiner.
Darf ich glücklich sein, wenn andere leiden? Glücklich sein, während Biafra-Kinder verhungern, enthemmt feiern während des Golfkriegs, Leichtigkeit empfinden, während Uiguren ausgelöscht werden? Die Gemeinschaft von Taizé sagt ja, die Yoga-Kolumne nein.
Früher war diese Frage ein privates Händeringen um volle Teller an Weihnachten, ein Feelgood-Schauermärchen, das die Fragenden immer wieder darin bestätigte, dass eigene Leben sei durchaus moralisch gerechtfertigt – immerhin hat man der Armen ja gedacht. Die Krisen drängten sich hierzulande weniger auf, man musste sie eher aktiv hineinholen in den Alltag, als dass sie ihn prägten. Das ist heute anders. Und damit ist auch die Qualität der Frage eine ganz andere.

Leichtigkeit scheint fast als Verrat

In einem Modus beständigen Parteiergreifenmüssens an Sollbruchstellen in morastigen Diskursen, wird sie eine der sozialen Existenz. Ein falsches Lachen, eine falsch getimte Story über Plätzchenbacken, während anderswo die Erde bebt, schon steht nicht bloß die eigene Integrität in Frage, sondern ist gleich die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft des mitfühlend Menschlichen offen. Klar, ich übertreibe. Aber nur ein bisschen. In den aufgeheizten Diskussionen der letzten Wochen erscheint Leichtigkeit fast als Verrat.
Für einige Menschen ist die Gegenwart hingegen eine Zeit großer Leichtigkeit. Im Tonfall der Sozialen Medien ist es deutlich herauszuhören: Politikerinnen und und Anhänger populistischer Parteien scheint gerade alles zu gelingen, die globale Rechte wirkt unbesiegbar.
Und auch unter das Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung in Gaza mischen sich oft genug merkwürdig leichte Untertöne, eine Euphorie, dass sich Israel nun so verhält, wie man das von Jüdinnen und Juden ja immer gedacht hat. Die großen Vereinfacherinnen und Vereinfacher haben in dieser Zeit – wie in so vielen Krisenzeiten zuvor - ein Momentum, eine fast metaphysische soziale, politische Kraft, die aber aus der konkreten Physik abgeleitet ist, von einem Impuls, der das Rad ganz mühelos voranbringt und ohne Reibungswiderstand laufen lässt.

Hoffnung statt Optimismus

Auch darin erweist sich die Frage der Leichtigkeit als eine politische. Um selbst wieder in ein solches Momentum zu kommen, bedarf es eines Impulses. Und um das eigene Momentum am Laufen zu halten, bedarf es der Leichtigkeit. So gesehen täten wir gut daran, darauf vorbereitet zu sein, den Widerstand herabzusetzen, den die Impulse überwinden müssen, wenn sie denn kommen.

Die französische Philosophin Corine Pelluchon besteht in ihren Arbeiten zum Umgang mit der Klimakrise auf der Unterscheidung von Hoffnung und Optimismus. Nicht die fehlenden Überzeugungen der Mehrheit, sondern die fehlende Hoffnung sei das Problem, während ein Optimismus, der besagt, dass es sowieso gut ausgehen wird, die Tragik der Gegenwart verschleiert und Bewegung verhindert. Hoffnung bedeutet für sie die Akzeptanz der Dunkelheit. Hoffnung entsteht nur aus der Auseinandersetzung damit, ins Nichts zu schauen.

Leichtigkeit darf nicht ausblenden

Geht man da mit, liefe unsere Gegenwart auf einen solchen Aufschlag heraus, aus dem dann etwas entstehen könnte. Ob diese Hoffnung dann leichtgängig sein wird – wahrscheinlich nicht. Dass sie nicht verbissen ist, scheint aber selbstverständlich. Nicht verbissen also wie der toxic optimism, der Glück zu einer Frage des Leistungsprinzips macht, zum Wettbewerb, wer positiver denken kann.
Sie kommt nicht mit einem Lächeln als Muskelübung, auch wenn wieder einmal dessen positiver Effekt nachgewiesen wurde. Keine Leichtigkeit darf ausblenden, nie darf sie naiv sein. Dann kann sie auch wieder die sozialen, politischen Räume erobern, in die wir unser intimes Glück verwandelt haben, und dort auf das Momentum warten.

Steffen Greiner ist Autor, Dozent und Journalist. Er war Chefredakteur der Zeitschrift zur Gegenwartskultur „Die Epilog“ und Co-Autor des erzählenden Brief-Sachbuchs „Liebe, Körper, Wut & Nazis“ (Tropen 2020). Im Februar 2022 erschien seine Erkundung zur Geschichte der spirituellen Querfront in Deutschland zwischen Lebensreform, Weimar und Corona „Die Diktatur der Wahrheit. Eine Zeitreise zu den ersten Querdenkern“, ebenfalls bei Tropen.

Portrait des Kulturwissenschaftlers Steffen Greiner
© Julia Grüßing
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