Milena Michiko Flašar: „Oben Erde, unten Himmel“
© Verlag Klaus Wagenbach
Die Tatortreinigerin
06:34 Minuten
Milena Michiko Flašar
Oben Erde, unten HimmelKlaus Wagenbach, Berlin 2023304 Seiten
26,00 Euro
Eine junge Frau findet wieder Hoffnung – ausgerechnet dort, wo andere gestorben sind: Milena Michiko Flašar erzählt in „Oben Erde, unten Himmel“ von einer Reinigungskraft, die Leichenfundorte säubert. Ein optimistischer Roman über Tod und Einsamkeit.
Die Japanerin Suzu ist 25 Jahre alt und an einem Tiefpunkt angelangt. Eigentlich kam sie zum Studium in die Großstadt, aber das hat sie längst aufgegeben. Nun lebt sie in einer kleinen Wohnung, hat kaum Kontakt zu anderen Menschen und verdient als Aushilfskellnerin gerade genug Geld für sich und ihren Hamster Punsuke. Ihre gelegentlichen Versuche, über Datingseiten einen Partner zu finden, scheitern.
Als sie dann noch ihren Job verliert, weil es ihr, wie ihr Chef meint, an Liebreiz und Charme mangele, ist sie kurz davor, aufzugeben: „Wenn ich nichts äße und tränke, was ich zugegebenermaßen in Betracht zog, reichte das Angesparte noch für gute zwei Monatsmieten. Dann aber wäre ich ein Gerippe, das es zusammen mit dem Gerippe eines Hamsters in die Zeitung schaffte. Tot aufgefunden! Bei 9 Grad Celsius! Wie nannte man diese Fälle doch gleich?“
Kein einsamer Tod
„Kodokushi“, zu Deutsch „einsamer Tod“ lautet die japanische Bezeichnung für das Sterben, das niemand bemerkt, wenn Leichname mitunter jahrelang unentdeckt bleiben. Es ist ein düsteres und nicht rein japanisches Phänomen, das Milena Michiko Flašar behandelt, und leicht hätte daraus ein ebenso düsterer Roman werden können.
Aber tatsächlich ist Flašars Text genau das Gegenteil: Hell, leichtfüßig und voller Optimismus erzählt sie, wie sich Suzu ihrem Hamster zuliebe aufrafft, einen neuen Job zu suchen, und wie sie schließlich bei einem gewissen Mr. Sakai landet, der mit seinem „Leichenfundort-Reinigungsteam“ die Wohnungen von Kodokushi-Fällen gründlich säubert. Eine Arbeit, für die man nicht nur einen guten Magen, sondern auch viel Fingerspitzengefühl benötigt, denn Herr Sakai verlangt, dass man den Verblichenen und ihrem Umfeld mit Respekt und Achtsamkeit begegnet.
Liebenswürdige Charaktere
Ausgerechnet diese makabre Tätigkeit ist es, durch die Suzu ins Leben zurückfindet: Sie freundet sich nach und nach mit ihren Kollegen an, sie beginnt, sich mit ihren Nachbarn – die sie bislang kaum wahrgenommen hat – auszutauschen, und sie entdeckt den Wert von Mitgefühl und Empathie.
Ganz neu ist die Botschaft des Romans nicht, aber Milena Michiko Flašar vermittelt sie auf einzigartige Weise: Spritzig und humorvoll erzählt sie von Gesprächen über den Tod und das Danach, von skurril-liebenswerten Charakteren, denen Suzu begegnet, von einem Kirschblütenpicknick, an dem die junge Frau widerwillig teilnimmt, nur um zu entdecken, wie viel Spaß sie daran hat.
Zwischen Österreich und Japan
Mit viel Geschick verbindet Flašar, Tochter eines österreichischen Vaters und einer japanischen Mutter, die beiden Kulturen, die ihr Leben prägen: Ihre Erzählung spielt in Japan, aber sie könnte ebenso gut in Mitteleuropa angesiedelt sein.
So ist der Roman nicht nur ein gleichermaßen unterhaltendes wie tiefgründiges Werk über Leben und Tod, sondern auch eine Erinnerung daran, dass Menschen überall auf der Welt mit Problemen wie sozialer Isolation, Ausgrenzung und Einsamkeit kämpfen – und dass die Lösung mitunter dort liegt, wo man sie nicht erwartet hätte.