Mit Funktionskleidung zum Sieg
Einige Sportler verdanken ihre Medaillen bei Olympia zum Teil auch der richtigen Kleidung. So bietet ein bestimmter Schwimmanzug Vorteile, weil er nicht aus Fasern, sondern aus wasserabweisender Folie besteht, sagt der Textilwissenschaftler Jochen Tensfeldt. Auch beim Rudern können so Wettbewerbsvorteile entstehen dank verbesserter Durchlässigkeit für Schweiß.
Dieter Kassel: Wer kriegt bei den gerade stattfindenden Schwimmwettkämpfen in Peking die meisten Medaillen? Werden es die USA sein, oder China, vielleicht sogar, da gab es ja einzelne Erfolge, jetzt Länder wie Australien, Italien oder Japan? Wenn man ganz genau sein will, müsste man sagen "Ja, das kann noch niemand wissen".
Aber eines ist sicher: Die meisten Medaillen bekommt mit Sicherheit ein bestimmter Schwimmanzug, nämlich der LZR Racer. Dafür spricht die Statistik. Denn im ersten Halbjahr 2008 wurden 36 der insgesamt 40 Schwimmrekorde von Athletinnen und Athleten aufgestellt, die diesen Anzug trugen. Wie aber kann ein Stück Stoff über Sekunden entscheiden? Darüber wollen wir jetzt reden mit dem emeritierten Professor für Design, Jochen Tensfeldt. Er war bis vor zwei Jahren an der HAW in Hamburg und sitzt jetzt für uns in Kiel im Studio. Schönen guten Tag, Herr Tensfeldt.
Jochen Tensfeldt: Schönen guten Tag, Herr Kassel.
Kassel: Wie kann denn ein Schwimmanzug Athleten schneller machen?
Tensfeldt: Ja, das hängt einmal damit zusammen, dass man Materialien ausgewählt hat, die körperformende Eigenschaften besitzen. Man hat einen sehr großen Aufwand für dieses Unternehmen des neuen Anzuges gemacht. Man hat 400 Elite-Athleten in Bodyscanner gesteckt und hierbei versucht, die ideale Form, die ideale Körperform von Spitzenathleten nachzuahmen und hat dann auf der anderen Seite sich der Vielfalt der Materialien, die wir im Chemiefaserbereich besitzen, oder die dort angesiedelt sind, dann eingesetzt.
Und hierfür ist ganz besonders zu erwähnen Polyorethan, ein Material, das man für diesen LZR Racer auch eingesetzt hat, und zwar in Form einer Membran. Das heißt, keine Fasern, die hier, oder Fäden, die eingesetzt worden sind, also auch kein Gewebe oder Maschenware, sondern es sind Teile, die aus einer Breitdüse gewissermaßen wie eine Folie gesponnen werden und die man auch schon von Surfanzügen kennt. Und diese sind sehr elastisch, haben ein auch vor allen Dingen körperfreundliches Verhalten, sind, wie ich mir habe aus der amerikanischen Literatur herausgelesen, auch noch wasserabweisend ausgerüstet speziell.
Und dadurch bieten sie natürlich zunächst einmal die Möglichkeit, dass sie formgebend sein können, dass sie sehr elastisch sind und dass man hier von einer Sache Gebrauch macht, die man bislang in der klassischen Konfektionsindustrie gar nicht kennt, nämlich, oder weniger jedenfalls, dass man Materialien nicht vernäht oder genäht hat, sondern geschweißt hat.
Kassel: Ich finde, beim Schwimmen ist es für Laien noch durchaus nachvollziehbar, dass die optimale Kleidung da Millisekunden, die ja entscheidend sind bei richtigen Wettkämpfen, beeinflussen kann. Kommen wir vielleicht mal als zweites Beispiel auf eine Sportart, wo das für mich auf den ersten Blick nicht so logisch klingt, das Rudern nämlich, wo man ja sitzt und ich meine, da kommt es auf Technik und Kraft an. Was kann denn da Kleidung noch bewirken?
Tensfeldt: Ja, Kleidung kann auch hier leistungsfördernd und unterstützend wirken, insofern, dass natürlich im Kurzzeitbereich auch hier riesige Wärmemengen produziert werden durch die große Kraftwirkung, denn der menschliche Körper funktioniert wie ein Ottomotor. Die aufgenommene Energie wird nur zu einem Drittel in Organfunktion und in Muskeltätigkeit und zu zwei Drittel in Wärme umgewandelt. Das heißt, der Körper produziert bei jedem Kraftakt, und das ist das Rudern mit Sicherheit, Wärmeenergie.
Und diese Wärmeenergie, die muss nach außen abgegeben werden, damit der Körper immer seine klassische Körperkerntemperatur von 36, 37 Grad im Körperinneren besitzt. Das heißt also, der Körper produziert an der Hautoberfläche Wärmeenergie, die abgegeben werden muss, das gilt auch für das anschließende Schwitzen, eine zusätzliche Unterstützung eigentlich dieses Kühleffektes. Und dafür brauchen Sie Textilien, die diese Wärme schnell gut abgeben, oder auf der anderen Seite, wenn Sie zu schwitzen beginnen, auch die Feuchtigkeitsmengen abgeben. Denn der Schweiß dient zur Körperkühlung.
Diesen Kühleffekt haben Sie aber nicht, wenn nur das Wasser am Körper herunter rinnt, sondern er soll, nämlich der Schweiß, auf der Haupt verdampfen, verdunsten. Und dadurch entsteht natürlich dann, durch Verdunstung von Wasser, Kühlung. Und dieses kann man durch Textilien sehr gut steuern. Wir Menschen sind so strukturiert, dass wir etwas 2,5 Millionen Schweißdrüsen besitzen, die auf unserem Körper völlig unterschiedlich verteilt sind, etwa, sagt man, 100, das kommt auch von der Rechnung hin, bis 200 pro Quadratzentimeter. Die sind aber nicht geometrisch gleichartig verteilt, sondern wir haben Konzentrationsbereiche und solche, wo weniger Schweißdrüsen sitzen.
Das hat man sich hier auch für moderne Ruderanzüge zunutze gemacht, indem man dann hierbei die Ruderanzüge so konzipiert hat, dass dort, wo Schweißdrüsenkonzentrationen sitzen, das Material anders, nämlich durchlässiger, gestaltet hat für Wärme, für den Schweiß vergleichsweise an anderen Stellen.
Kassel: Es gibt ja, Herr Tensfeldt, sowohl bei diesem LZR Racer, über den wir am Anfang geredet haben, als auch bei vielen anderen modernen Sportbekleidungen, eine Diskussion darüber, in welchem Ausmaß die nachgewiesene Verbesserung der Leistung der Athleten unmittelbar auf die Textilien zurückzuführen ist, oder ob auch die Psychologie eine Rolle spielt. Einfach ausgedrückt: Wer als Sportler glaubt, er hat die ultimative Bekleidung, die seinen Körper bis ins letzte Detail maximal unterstützt, der ist auch motivierter. Wir kennen das von jedem Kleid: Wenn jemand sich schön fühlt, hat er eine ganz andere Ausstrahlung, ein anderes Selbstbewusstsein. Halten Sie das für möglich, dass es eine doppelte Wirkung gibt, dass ein Sportler auch schlichtweg daran glaubt: "Ich muss schnell sein mit dieser Bekleidung"?
Tensfeldt: Das glaube ich auf alle Fälle, dass die psychologische Wirkung dort eine große Rolle spielt und gleichzeitig, wie Sie das so schön schon gesagt haben, motivierend auch wirkt. Und ich glaube, dass die auch diese Leistungsergänzung, wenn ich das so sagen darf, auch selber spüren und dadurch eigentlich auch einen zusätzlichen Fortschritt eigentlich in ihrer Leistung dann haben.
Kassel: Sie haben ja gerade schon anhand des Schwimmanzugs, aber auch bei den Ruderern, beschrieben, dass es ja längst nicht nur darum geht, dass das ultimativ bequem und windschnittig ist. Das ist ja richtige Funktionskleidung und es wird auch über Stoffe diskutiert, die in der Lage sind, zum Beispiel Vitamine oder andere Dinge in den Körper über die Haut abzugeben. Gibt es das schon? Und wie kann man das machen?
Tensfeldt: Ja, das gibt es. Dafür werden beispielsweise sogenannte Cyclodextrine, das sind Zucker, eingesetzt, man nennt sie dann in ihrer Konstruktion Käfigmoleküle. Und in diese Käfigmoleküle können dann zum Beispiel, ja, Moleküle eingesetzt werden, die zum Beispiel den Körpergeruch günstig beeinflussen, die eine ölende Wirkung, sage ich mal, haben, aber die, das ist allerdings noch ein Problem, und dann kommen wir ja in den Arzneimittelbereich hinein, wenn zum Beispiel Medikamente, sage ich mal bewusst so, abgegeben werden. Also, die Tendenz ist ganz eindeutig dorthin. Man möchte auch Menschen, die nicht im Sport tätig sind, die Möglichkeit geben, über die Kleidung beispielsweise Medikamente aufnehmen zu können. Wann wir das endgültig haben, das wird die Zukunft zeigen, aber geforscht wird an diesen Sachen ganz intensiv.
Kassel: Das wäre natürlich im Normalbereich, sagen wir mal für Zuckerkranke oder Ähnliches, eine tolle Sache. Aber wenn ich mir das im Sport vorstelle, das ist doch irgendwie eventuell so was Ähnliches wie Textildoping.
Tensfeldt: Ja gut, also, ob sie sich nun an den Stellen des Marathons Wasser über den Kopf laufen lassen oder die Flasche greifen und das inhalieren und oral einnehmen, oder ob sie auf der anderen Seite Dinge über die Haut aufnehmen, sofern es überhaupt möglich ist. Viele Dinge gehen nur oral, also das muss man, darüber muss man sich im Klaren sein, Sie können nicht alles über die Haut aufnehmen. Das ist ganz klar, sonst würden wir unsere Haut mit Honig einreiben und hätten das Gefühl, wir würden Honigbrot essen. Also, das wird nicht funktionieren.
Aber wir werden auf diese Art und Weise über derartige Käfigmoleküle sehr wohl uns an diese Problematik herantasten. Und gerade im medizinischen Bereich, man nennt sie dann auch Biotextilien, Bio nicht im Sinne von Leben, also Bionahrungsmittel, sondern Biotextilien, die in der Lage sind, das Leben günstig zu beeinflussen.
Kassel: Also, Textildoping vielleicht auch nur bedingt möglich, aber ...
Tensfeldt: Ja, das denke ich.
Kassel: ... aber immer wichtiger werden sie, die Bekleidungsstücke der Sportler.
Tensfeldt: Ja, auf alle Fälle, weil sie ganz eindeutig eine, im guten Sinne des Wortes, funktionelle Wirkung haben. Und diese funktionelle Wirkung wirkt leistungsfördernd, das ist ganz klar, auch bei der Alltagskleidung. Wo es eine große Rolle spielt, ist in der Berufsbekleidung. Denken Sie an Menschen, die am Hochofen arbeiten müssen et cetera, oder auch in anderen extremen Situationen. Dort wird man heute mit solchen Überlegungen herangehen und solche Materialien einsetzen.
Kassel: Da haben wir den Bogen gekriegt vom Schwimmen in Peking bis zum Hochofen im Ruhrgebiet. Jochen Tensfeldt war das, bis 2006 Professor für Mode und Design an der HAW in Hamburg, und immer noch einer der Textilpäpste in Deutschland. Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Tensfeldt: Gerne, Herr Kassel.
Aber eines ist sicher: Die meisten Medaillen bekommt mit Sicherheit ein bestimmter Schwimmanzug, nämlich der LZR Racer. Dafür spricht die Statistik. Denn im ersten Halbjahr 2008 wurden 36 der insgesamt 40 Schwimmrekorde von Athletinnen und Athleten aufgestellt, die diesen Anzug trugen. Wie aber kann ein Stück Stoff über Sekunden entscheiden? Darüber wollen wir jetzt reden mit dem emeritierten Professor für Design, Jochen Tensfeldt. Er war bis vor zwei Jahren an der HAW in Hamburg und sitzt jetzt für uns in Kiel im Studio. Schönen guten Tag, Herr Tensfeldt.
Jochen Tensfeldt: Schönen guten Tag, Herr Kassel.
Kassel: Wie kann denn ein Schwimmanzug Athleten schneller machen?
Tensfeldt: Ja, das hängt einmal damit zusammen, dass man Materialien ausgewählt hat, die körperformende Eigenschaften besitzen. Man hat einen sehr großen Aufwand für dieses Unternehmen des neuen Anzuges gemacht. Man hat 400 Elite-Athleten in Bodyscanner gesteckt und hierbei versucht, die ideale Form, die ideale Körperform von Spitzenathleten nachzuahmen und hat dann auf der anderen Seite sich der Vielfalt der Materialien, die wir im Chemiefaserbereich besitzen, oder die dort angesiedelt sind, dann eingesetzt.
Und hierfür ist ganz besonders zu erwähnen Polyorethan, ein Material, das man für diesen LZR Racer auch eingesetzt hat, und zwar in Form einer Membran. Das heißt, keine Fasern, die hier, oder Fäden, die eingesetzt worden sind, also auch kein Gewebe oder Maschenware, sondern es sind Teile, die aus einer Breitdüse gewissermaßen wie eine Folie gesponnen werden und die man auch schon von Surfanzügen kennt. Und diese sind sehr elastisch, haben ein auch vor allen Dingen körperfreundliches Verhalten, sind, wie ich mir habe aus der amerikanischen Literatur herausgelesen, auch noch wasserabweisend ausgerüstet speziell.
Und dadurch bieten sie natürlich zunächst einmal die Möglichkeit, dass sie formgebend sein können, dass sie sehr elastisch sind und dass man hier von einer Sache Gebrauch macht, die man bislang in der klassischen Konfektionsindustrie gar nicht kennt, nämlich, oder weniger jedenfalls, dass man Materialien nicht vernäht oder genäht hat, sondern geschweißt hat.
Kassel: Ich finde, beim Schwimmen ist es für Laien noch durchaus nachvollziehbar, dass die optimale Kleidung da Millisekunden, die ja entscheidend sind bei richtigen Wettkämpfen, beeinflussen kann. Kommen wir vielleicht mal als zweites Beispiel auf eine Sportart, wo das für mich auf den ersten Blick nicht so logisch klingt, das Rudern nämlich, wo man ja sitzt und ich meine, da kommt es auf Technik und Kraft an. Was kann denn da Kleidung noch bewirken?
Tensfeldt: Ja, Kleidung kann auch hier leistungsfördernd und unterstützend wirken, insofern, dass natürlich im Kurzzeitbereich auch hier riesige Wärmemengen produziert werden durch die große Kraftwirkung, denn der menschliche Körper funktioniert wie ein Ottomotor. Die aufgenommene Energie wird nur zu einem Drittel in Organfunktion und in Muskeltätigkeit und zu zwei Drittel in Wärme umgewandelt. Das heißt, der Körper produziert bei jedem Kraftakt, und das ist das Rudern mit Sicherheit, Wärmeenergie.
Und diese Wärmeenergie, die muss nach außen abgegeben werden, damit der Körper immer seine klassische Körperkerntemperatur von 36, 37 Grad im Körperinneren besitzt. Das heißt also, der Körper produziert an der Hautoberfläche Wärmeenergie, die abgegeben werden muss, das gilt auch für das anschließende Schwitzen, eine zusätzliche Unterstützung eigentlich dieses Kühleffektes. Und dafür brauchen Sie Textilien, die diese Wärme schnell gut abgeben, oder auf der anderen Seite, wenn Sie zu schwitzen beginnen, auch die Feuchtigkeitsmengen abgeben. Denn der Schweiß dient zur Körperkühlung.
Diesen Kühleffekt haben Sie aber nicht, wenn nur das Wasser am Körper herunter rinnt, sondern er soll, nämlich der Schweiß, auf der Haupt verdampfen, verdunsten. Und dadurch entsteht natürlich dann, durch Verdunstung von Wasser, Kühlung. Und dieses kann man durch Textilien sehr gut steuern. Wir Menschen sind so strukturiert, dass wir etwas 2,5 Millionen Schweißdrüsen besitzen, die auf unserem Körper völlig unterschiedlich verteilt sind, etwa, sagt man, 100, das kommt auch von der Rechnung hin, bis 200 pro Quadratzentimeter. Die sind aber nicht geometrisch gleichartig verteilt, sondern wir haben Konzentrationsbereiche und solche, wo weniger Schweißdrüsen sitzen.
Das hat man sich hier auch für moderne Ruderanzüge zunutze gemacht, indem man dann hierbei die Ruderanzüge so konzipiert hat, dass dort, wo Schweißdrüsenkonzentrationen sitzen, das Material anders, nämlich durchlässiger, gestaltet hat für Wärme, für den Schweiß vergleichsweise an anderen Stellen.
Kassel: Es gibt ja, Herr Tensfeldt, sowohl bei diesem LZR Racer, über den wir am Anfang geredet haben, als auch bei vielen anderen modernen Sportbekleidungen, eine Diskussion darüber, in welchem Ausmaß die nachgewiesene Verbesserung der Leistung der Athleten unmittelbar auf die Textilien zurückzuführen ist, oder ob auch die Psychologie eine Rolle spielt. Einfach ausgedrückt: Wer als Sportler glaubt, er hat die ultimative Bekleidung, die seinen Körper bis ins letzte Detail maximal unterstützt, der ist auch motivierter. Wir kennen das von jedem Kleid: Wenn jemand sich schön fühlt, hat er eine ganz andere Ausstrahlung, ein anderes Selbstbewusstsein. Halten Sie das für möglich, dass es eine doppelte Wirkung gibt, dass ein Sportler auch schlichtweg daran glaubt: "Ich muss schnell sein mit dieser Bekleidung"?
Tensfeldt: Das glaube ich auf alle Fälle, dass die psychologische Wirkung dort eine große Rolle spielt und gleichzeitig, wie Sie das so schön schon gesagt haben, motivierend auch wirkt. Und ich glaube, dass die auch diese Leistungsergänzung, wenn ich das so sagen darf, auch selber spüren und dadurch eigentlich auch einen zusätzlichen Fortschritt eigentlich in ihrer Leistung dann haben.
Kassel: Sie haben ja gerade schon anhand des Schwimmanzugs, aber auch bei den Ruderern, beschrieben, dass es ja längst nicht nur darum geht, dass das ultimativ bequem und windschnittig ist. Das ist ja richtige Funktionskleidung und es wird auch über Stoffe diskutiert, die in der Lage sind, zum Beispiel Vitamine oder andere Dinge in den Körper über die Haut abzugeben. Gibt es das schon? Und wie kann man das machen?
Tensfeldt: Ja, das gibt es. Dafür werden beispielsweise sogenannte Cyclodextrine, das sind Zucker, eingesetzt, man nennt sie dann in ihrer Konstruktion Käfigmoleküle. Und in diese Käfigmoleküle können dann zum Beispiel, ja, Moleküle eingesetzt werden, die zum Beispiel den Körpergeruch günstig beeinflussen, die eine ölende Wirkung, sage ich mal, haben, aber die, das ist allerdings noch ein Problem, und dann kommen wir ja in den Arzneimittelbereich hinein, wenn zum Beispiel Medikamente, sage ich mal bewusst so, abgegeben werden. Also, die Tendenz ist ganz eindeutig dorthin. Man möchte auch Menschen, die nicht im Sport tätig sind, die Möglichkeit geben, über die Kleidung beispielsweise Medikamente aufnehmen zu können. Wann wir das endgültig haben, das wird die Zukunft zeigen, aber geforscht wird an diesen Sachen ganz intensiv.
Kassel: Das wäre natürlich im Normalbereich, sagen wir mal für Zuckerkranke oder Ähnliches, eine tolle Sache. Aber wenn ich mir das im Sport vorstelle, das ist doch irgendwie eventuell so was Ähnliches wie Textildoping.
Tensfeldt: Ja gut, also, ob sie sich nun an den Stellen des Marathons Wasser über den Kopf laufen lassen oder die Flasche greifen und das inhalieren und oral einnehmen, oder ob sie auf der anderen Seite Dinge über die Haut aufnehmen, sofern es überhaupt möglich ist. Viele Dinge gehen nur oral, also das muss man, darüber muss man sich im Klaren sein, Sie können nicht alles über die Haut aufnehmen. Das ist ganz klar, sonst würden wir unsere Haut mit Honig einreiben und hätten das Gefühl, wir würden Honigbrot essen. Also, das wird nicht funktionieren.
Aber wir werden auf diese Art und Weise über derartige Käfigmoleküle sehr wohl uns an diese Problematik herantasten. Und gerade im medizinischen Bereich, man nennt sie dann auch Biotextilien, Bio nicht im Sinne von Leben, also Bionahrungsmittel, sondern Biotextilien, die in der Lage sind, das Leben günstig zu beeinflussen.
Kassel: Also, Textildoping vielleicht auch nur bedingt möglich, aber ...
Tensfeldt: Ja, das denke ich.
Kassel: ... aber immer wichtiger werden sie, die Bekleidungsstücke der Sportler.
Tensfeldt: Ja, auf alle Fälle, weil sie ganz eindeutig eine, im guten Sinne des Wortes, funktionelle Wirkung haben. Und diese funktionelle Wirkung wirkt leistungsfördernd, das ist ganz klar, auch bei der Alltagskleidung. Wo es eine große Rolle spielt, ist in der Berufsbekleidung. Denken Sie an Menschen, die am Hochofen arbeiten müssen et cetera, oder auch in anderen extremen Situationen. Dort wird man heute mit solchen Überlegungen herangehen und solche Materialien einsetzen.
Kassel: Da haben wir den Bogen gekriegt vom Schwimmen in Peking bis zum Hochofen im Ruhrgebiet. Jochen Tensfeldt war das, bis 2006 Professor für Mode und Design an der HAW in Hamburg, und immer noch einer der Textilpäpste in Deutschland. Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Tensfeldt: Gerne, Herr Kassel.