Moderne Industrie und wunderschöne Natur
Ontario, der Treffpunkt des G-20-Gipfels, hat einiges zu bieten: Die spektakuläre Landschaft bei den Niagarafällen, multikulturelle Städte wie Toronto und eine starke Automobil- und High-Tech-Industrie, die sie zu Kanadas Wirtschaftsmotor macht.
So klingt Toronto noch in 342 Meter Höhe. Der Fernsehturm, CN Tower genannt, hat eben hier eine offene, wenngleich vergitterte Aussichtsplattform. Noch vor gar nicht langer Zeit war er das höchste Gebäude, dann nur mehr der höchste Turm der Welt. In seinem dennoch langen Schatten wird sich nun der G-20-Gipfel versammeln.
Eine Etage höher und durch Glasfenster vor Zug geschützt sieht man noch besser die gewaltigen Dimensionen Torontos. Schier unendlich streckt sich Ontarios Hauptstadt mit ihren 5,5 Millionen Einwohnern nach Osten, Westen und Norden aus. Erstaunlich, ja erfreulich: Sehr viel Grün lässt sich bestaunen.
Jetzt am Nachmittag beginnt der Verkehr auf den bis zu fünfspurigen Stadtautobahnen schon wieder zu klumpen - eben noch floss die Blechlawine gleichmäßig dahin. Kanada ist vor allem eines – ein Autoland.
Lässt der Turmbesucher den Blick über den Highway hinweg schweifen, sieht er den Ontariosee - den kleinsten der fünf großen nordamerikanischen Seen. Unten vom Ufer aus erscheint selbst dieser kleine groß wie ein Meer. Aus luftiger Höhe aber geht der Blick viel weiter - bei guter Sicht kann man sogar die Gischtwolke über den Niagarafällen erkennen … so weit entfernt.
Der Plural im Namen ist berechtigt, denn es gibt tatsächlich zwei Fälle – einen kanadischen und einen amerikanischen. Der Niagarastrom bildet hier die Grenze zwischen beiden Staaten. Das alles ist aber unwichtig im Anblick dieser gewaltigen Wasserwand, die aus mehr als 50 Meter Höhe herabstürzt. Es ist die schiere Menge an Wasser - doppelt soviel wie der Rhein - die beeindruckt, die Gewalt des rasch fließenden und dann abstürzenden Stroms.
"Im Moment sehen sie die ganze Pracht, aber nachts werden 25 Prozent des Wassers nach Kanada abgeleitet und 25 Prozent zur amerikanischen Seite. Das also ist der Fluss in seiner vollen Schönheit. 90 Prozent des Wassers stürzen über die Hufeisenfälle, das sind eine Million Badewannen pro Minute.
Die restlichen zehn Prozent fließen um die Ziegeninsel herum und bilden dann die amerikanischen Fälle. Nachts wird das Wasser in riesigen Reservoirs gestaut und dann am Morgen zur Stromproduktion durch die Turbinen gejagt."
Edward Persaud, der aus der Karibik stammt, kann manch nette Geschichte erzählen. So etwa über jenen 29. März anno 1848, als über Nacht am Eriesee, wo der Niagarastrom austritt, etwas passierte, was im Angesicht der tobenden Wassermassen unvorstellbar ist – die Fälle waren trocken:
"Am Lake Erie hatte es einen Eisstau gegeben und das Wasser konnte nicht abfließen. Die Menschen dachten, sie hätten etwas verbrochen, beteten den ganzen Tag zu Gott, dass er das Wasser wieder schicken möge. Tatsächlich drehte sich nach 30 Stunden der Wind, trieb das Eis weg und das Wasser konnte wieder fließen."
Der Name der Wasserfälle ist wie so manches andere in Ontario indianischen Ursprungs:
"Die Indianer sprachen von Ongihara und das bedeutet soviel wie 'Land der donnernden Wasser'. Der Begriff Niagarafälle ist daneben vergleichsweise romantisch. Toronto steht für Versammlungsplatz und Ontario heißt glitzerndes Wasser."
Nordamerikas Geschichte ist voll von Kriegen – und sie beschreibt unter anderem den Niedergang des Roten Mannes, dem einst alles Land zwischen Atlantik und Pazifik gehört hatte. Im heutigen Ontario bekriegten sich Engländer und Franzosen zusammen mit ihren indianischen Verbündeten. James Fenimore Cooper hat das mit seinen Romanhelden Lederstrumpf und Unkas, dem letzten Mohikaner, für die Nachwelt festgehalten.
34 Millionen Menschen leben in Kanada, rund eine Million sind Ureinwohner, Inuit und First Nations. Eskimo oder Indianer sagt man nicht, das gilt als Beleidigung. Bei aller Höflichkeit im Umgang miteinander ist das Verhältnis zwischen Rotem und Weißem Mann nicht ungetrübt. Rhonda Doxtator, eine imposante Indianerin, verdeutlicht das, wenngleich sehr diplomatisch:
"Die Geschichte gleicht einem steinigen Weg, um es höflich auszudrücken. Ich denke, beide Seiten strengen sich an herauszufinden, wie man besser zusammenleben kann. Einen speziellen Eingeborenen-Tag auszurufen, ist da nur ein kleiner Schritt."
Am Niagarastrom zwischen Erie- und Ontariosee, wo das Klima relativ mild ist, wird seit bald 100 Jahren Wein angebaut. Staunend hört man Beth vom Weingut Pillitteri zu:
"Cabernet Franc ist der gängigste Wein in unserer Region, gefolgt von Chardonnay und Riesling. Dann wird viel Vidal angebaut für die Eisweinproduktion. In unserm Weingut haben wir auch Cabernet Sauvignon, Merlot und in kleinen Mengen Syrah, Semillon, Pinot Grigio und Gewürztraminer. Pilitteri ist außerdem der weltgrößte Produzent von Eiswein."
Die Kanadier haben allen Grund, mit einem Glas Eiswein anzustoßen – ihrem Staat geht es ungleich viel besser als den USA, als Euroland oder Großbritannien. Rainer Jänsch, ein deutscher Wirtschaftsexperte, lebt seit Jahren in Toronto.
Auch wenn 33 der 34 Millionen Kanadier Einwanderer oder Nachfahren von Immigranten sind, ein melting pot, ein Schmelztiegel wie Nachbar USA, will Kanada gar nicht sein. Vielmehr gilt die Devise: Man ist Kanadier, behält jedoch seine nationale Identität.
Teile von Toronto wurden mal Cabbagetown genannt, Kraut- oder Kohlstadt, denn die Iren dort waren so arm, dass sie in den Vorgärten nur Kohl anpflanzen konnten. An die Stelle eines Volkes ist längst eine beispiellose Vielfalt an Ethnien, Kulturen und Religionen getreten. Ray Lancashire wurde in Schottland geboren. In Toronto arbeitet er in der Pressestelle des Ontario-Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Handel:
"Unter den 27 Mitarbeitern in meinem Büro finden sich Leute aus Haiti, Sri Lanka, Indien, Polen, Estland und aus den USA. Das ist nur ein kleiner Mikrokosmos der Stadt. Ich hab übrigens ganz vergessen zu erwähnen, dass wir auch noch Chinesen, Koreaner und Portugiesen haben.
Wir sind also als Büro diese unglaublichen Vereinten Nationen und das wiederum ist typisch für alle Unternehmen. Ich glaube, hier kann man 170 verschiedene Sprachen hören und unsere U-Bahn gibt doch glatt in 50 Sprachen Auskunft.""
Frau Veith hat Erfolg, hat ihr Glück gemacht. Zurück ins Schwabenland wird sie nicht gehen – ihre Familie mit Kindern und Enkeln fühlt sich wohl in Ontario.
Wieso funktioniert in Kanada, was in Deutschland nicht so recht klappen mag – die Integration der Neuankömmlinge? Ray Lancashire aus dem Ministerium bemüht sich um Auskunft:
"Ich wünschte, es gäbe eine einfache Antwort. Ich bin mir aber sicher, es hat viel mit Kanada und seiner Gesellschaft zu tun. Wir sind sehr tolerant und wir empfangen alle mit offenen Armen. Viel hat aber auch damit zu tun, dass wir als Gesellschaft zwar konservativ, aber auch locker und großzügig sind. Und wenn sie täglich in einer solchen Büroumgebung arbeiten, dieser Vielfalt jeden Morgen in der U-Bahn begegnen oder am Abend im Restaurant, dann wird es selbstverständlich.
Auf der andern Seite sind sich die Immigranten durchaus dessen bewusst, was Kanada bietet – es ist sicher hier, das politische System funktioniert, unser Finanzsystem ist, wie die letzten Jahre gezeigt haben, unübertroffen und stabil. Alles zusammengenommen ist es also ein wunderbarer Platz zum Leben."
Uwe Schorpp hatte in London, Ontario, zunächst für die bekannte deutsche Keiper-Recaro-Unternehmensgruppe ein Werk aufgebaut, das Autositze für Chrysler anfertigt. Später kaufte der großgewachsene Mann die Firma Leicatex, die Verpackungshülsen und Schnallen herstellt. Schorpp weist auf einen weiteren Aspekt der Integration hin.
Die Provinz Ontario mit ihren mehr als 13 Millionen Menschen, gut einem Drittel der kanadischen Gesamtpopulation, ist stolz auf ihren Automobilsektor. Es hat Zeiten gegeben, da wurden in der Provinz mehr Pkw und Kleinlaster gebaut als im benachbarten US-Bundestaat Michigan rund um die Millionenstadt Detroit - und die gilt immerhin als Geburtsort der Automobilindustrie.
Sandra Pupatello, Politikerin in Toronto, ist eben dort häufig nicht zu finden. Als Ministerin für internationalen Handel und Investment wirbt sie weltweit für ihre Heimatprovinz:
""Wir haben die sechs Großen hier: Ford, GM, Chrysler, Honda, Toyota, Suzuki. Unsere Wirtschaft ist eng mit den USA verbunden, ganz besonders im Automobilbau. 85 Prozent der Wagen gehen nach Süden. Interessanterweise ist der Absatz in Kanada nicht eingebrochen. Wir glauben, die Produktion wird anziehen, denn die Menschen wollen Autofahren."
150.000 Menschen finden so Arbeit und Brot. Aber Ontario, der Wirtschaftsmotor Kanadas, ist dabei, sich umzuorientieren. Nochmals Wirtschaftsexperte Rainer Jänsch.
Diese Förderung vor allem grüner und innovativer Produkte lässt sich Ontario viel Geld kosten. Und die Vergabe erfolgt sehr unbürokratisch, was heißt - über die Maßen rasch.
Ontario nimmt nicht nur fast die Hälfte der jährlich 250.000 Neukanadier auf, es sendet selbst Experten nach Übersee, um dort gezielt Fachkräfte, Wissenschaftler und Unternehmer anzuwerben. Ontario soll beständig wachsen.
Sandra Pupatello: "Unsere Arbeiterschaft ist die bestausgebildete aller OECD-Staaten und so soll es weitergehen. Die Regierung hat einen 6,2 Milliarden Dollar-Investitionsplan aufgelegt, um mehr für Bildung zu tun – wir sind dazu einfach gezwungen: Wir sind 13,5 Millionen Menschen hier in Ontario, aber unser Konkurrent ist China mit mehr als einer Milliarde – das heißt, wir sind klein. Die erste Welt kann nur überleben, wenn sie ununterbrochen das Niveau ihrer bereits hoch entwickelten Produktionen steigert."
Viele Ausländer wissen oft gar nicht, dass jenes Smartphone, mit dem sie telefonieren und von überall E-Mails versenden, aus Kanada stammt, aus Waterloo in Ontario. Hier ist der Firmensitz von Blackberry. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich das Unternehmen eine Autostunde westlich von Toronto angesiedelt hat.
Die Region nennt sich das Kanadische Technologiedreieck, kurz CTT; hier existieren sehr gute Universitäten und Hochschulen. Blackberry-Gründer Mike Lazaridis hat selbst die Uni von Waterloo absolviert, die beste und größte Ingenieurschule Kanadas. Catharine Gerhard von CTT über die Ausbildung, zunächst aber kurz über Blackbery-Hersteller "Research in Motion":
"Alles wird hier gemacht, Design, Entwicklung und Produktion. Sie beschäftigen 8000 Leute. Hier dreht sich alles um Begabung. Die Uni von Waterloo ist nur 52 Jahre alt und wurde von einem deutschen Unternehmer ins Leben gerufen. Man brauchte Ingenieure und versuchte, auf damals einzigartige Weise, Talente anzulocken. Das heißt, die Studenten begannen, gleich auch in der Industrie zu arbeiten. Heute haben wir hier das größte gemeinschaftliche Ausbildungsprogramm mit Praxissemestern."
Jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten und wenn man diese hier herumdreht, kommt mit den Worten von Sabine Veith das zum Vorschein.
Eine Etage höher und durch Glasfenster vor Zug geschützt sieht man noch besser die gewaltigen Dimensionen Torontos. Schier unendlich streckt sich Ontarios Hauptstadt mit ihren 5,5 Millionen Einwohnern nach Osten, Westen und Norden aus. Erstaunlich, ja erfreulich: Sehr viel Grün lässt sich bestaunen.
Jetzt am Nachmittag beginnt der Verkehr auf den bis zu fünfspurigen Stadtautobahnen schon wieder zu klumpen - eben noch floss die Blechlawine gleichmäßig dahin. Kanada ist vor allem eines – ein Autoland.
Lässt der Turmbesucher den Blick über den Highway hinweg schweifen, sieht er den Ontariosee - den kleinsten der fünf großen nordamerikanischen Seen. Unten vom Ufer aus erscheint selbst dieser kleine groß wie ein Meer. Aus luftiger Höhe aber geht der Blick viel weiter - bei guter Sicht kann man sogar die Gischtwolke über den Niagarafällen erkennen … so weit entfernt.
Der Plural im Namen ist berechtigt, denn es gibt tatsächlich zwei Fälle – einen kanadischen und einen amerikanischen. Der Niagarastrom bildet hier die Grenze zwischen beiden Staaten. Das alles ist aber unwichtig im Anblick dieser gewaltigen Wasserwand, die aus mehr als 50 Meter Höhe herabstürzt. Es ist die schiere Menge an Wasser - doppelt soviel wie der Rhein - die beeindruckt, die Gewalt des rasch fließenden und dann abstürzenden Stroms.
"Im Moment sehen sie die ganze Pracht, aber nachts werden 25 Prozent des Wassers nach Kanada abgeleitet und 25 Prozent zur amerikanischen Seite. Das also ist der Fluss in seiner vollen Schönheit. 90 Prozent des Wassers stürzen über die Hufeisenfälle, das sind eine Million Badewannen pro Minute.
Die restlichen zehn Prozent fließen um die Ziegeninsel herum und bilden dann die amerikanischen Fälle. Nachts wird das Wasser in riesigen Reservoirs gestaut und dann am Morgen zur Stromproduktion durch die Turbinen gejagt."
Edward Persaud, der aus der Karibik stammt, kann manch nette Geschichte erzählen. So etwa über jenen 29. März anno 1848, als über Nacht am Eriesee, wo der Niagarastrom austritt, etwas passierte, was im Angesicht der tobenden Wassermassen unvorstellbar ist – die Fälle waren trocken:
"Am Lake Erie hatte es einen Eisstau gegeben und das Wasser konnte nicht abfließen. Die Menschen dachten, sie hätten etwas verbrochen, beteten den ganzen Tag zu Gott, dass er das Wasser wieder schicken möge. Tatsächlich drehte sich nach 30 Stunden der Wind, trieb das Eis weg und das Wasser konnte wieder fließen."
Der Name der Wasserfälle ist wie so manches andere in Ontario indianischen Ursprungs:
"Die Indianer sprachen von Ongihara und das bedeutet soviel wie 'Land der donnernden Wasser'. Der Begriff Niagarafälle ist daneben vergleichsweise romantisch. Toronto steht für Versammlungsplatz und Ontario heißt glitzerndes Wasser."
Nordamerikas Geschichte ist voll von Kriegen – und sie beschreibt unter anderem den Niedergang des Roten Mannes, dem einst alles Land zwischen Atlantik und Pazifik gehört hatte. Im heutigen Ontario bekriegten sich Engländer und Franzosen zusammen mit ihren indianischen Verbündeten. James Fenimore Cooper hat das mit seinen Romanhelden Lederstrumpf und Unkas, dem letzten Mohikaner, für die Nachwelt festgehalten.
34 Millionen Menschen leben in Kanada, rund eine Million sind Ureinwohner, Inuit und First Nations. Eskimo oder Indianer sagt man nicht, das gilt als Beleidigung. Bei aller Höflichkeit im Umgang miteinander ist das Verhältnis zwischen Rotem und Weißem Mann nicht ungetrübt. Rhonda Doxtator, eine imposante Indianerin, verdeutlicht das, wenngleich sehr diplomatisch:
"Die Geschichte gleicht einem steinigen Weg, um es höflich auszudrücken. Ich denke, beide Seiten strengen sich an herauszufinden, wie man besser zusammenleben kann. Einen speziellen Eingeborenen-Tag auszurufen, ist da nur ein kleiner Schritt."
Am Niagarastrom zwischen Erie- und Ontariosee, wo das Klima relativ mild ist, wird seit bald 100 Jahren Wein angebaut. Staunend hört man Beth vom Weingut Pillitteri zu:
"Cabernet Franc ist der gängigste Wein in unserer Region, gefolgt von Chardonnay und Riesling. Dann wird viel Vidal angebaut für die Eisweinproduktion. In unserm Weingut haben wir auch Cabernet Sauvignon, Merlot und in kleinen Mengen Syrah, Semillon, Pinot Grigio und Gewürztraminer. Pilitteri ist außerdem der weltgrößte Produzent von Eiswein."
Die Kanadier haben allen Grund, mit einem Glas Eiswein anzustoßen – ihrem Staat geht es ungleich viel besser als den USA, als Euroland oder Großbritannien. Rainer Jänsch, ein deutscher Wirtschaftsexperte, lebt seit Jahren in Toronto.
Auch wenn 33 der 34 Millionen Kanadier Einwanderer oder Nachfahren von Immigranten sind, ein melting pot, ein Schmelztiegel wie Nachbar USA, will Kanada gar nicht sein. Vielmehr gilt die Devise: Man ist Kanadier, behält jedoch seine nationale Identität.
Teile von Toronto wurden mal Cabbagetown genannt, Kraut- oder Kohlstadt, denn die Iren dort waren so arm, dass sie in den Vorgärten nur Kohl anpflanzen konnten. An die Stelle eines Volkes ist längst eine beispiellose Vielfalt an Ethnien, Kulturen und Religionen getreten. Ray Lancashire wurde in Schottland geboren. In Toronto arbeitet er in der Pressestelle des Ontario-Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Handel:
"Unter den 27 Mitarbeitern in meinem Büro finden sich Leute aus Haiti, Sri Lanka, Indien, Polen, Estland und aus den USA. Das ist nur ein kleiner Mikrokosmos der Stadt. Ich hab übrigens ganz vergessen zu erwähnen, dass wir auch noch Chinesen, Koreaner und Portugiesen haben.
Wir sind also als Büro diese unglaublichen Vereinten Nationen und das wiederum ist typisch für alle Unternehmen. Ich glaube, hier kann man 170 verschiedene Sprachen hören und unsere U-Bahn gibt doch glatt in 50 Sprachen Auskunft.""
Frau Veith hat Erfolg, hat ihr Glück gemacht. Zurück ins Schwabenland wird sie nicht gehen – ihre Familie mit Kindern und Enkeln fühlt sich wohl in Ontario.
Wieso funktioniert in Kanada, was in Deutschland nicht so recht klappen mag – die Integration der Neuankömmlinge? Ray Lancashire aus dem Ministerium bemüht sich um Auskunft:
"Ich wünschte, es gäbe eine einfache Antwort. Ich bin mir aber sicher, es hat viel mit Kanada und seiner Gesellschaft zu tun. Wir sind sehr tolerant und wir empfangen alle mit offenen Armen. Viel hat aber auch damit zu tun, dass wir als Gesellschaft zwar konservativ, aber auch locker und großzügig sind. Und wenn sie täglich in einer solchen Büroumgebung arbeiten, dieser Vielfalt jeden Morgen in der U-Bahn begegnen oder am Abend im Restaurant, dann wird es selbstverständlich.
Auf der andern Seite sind sich die Immigranten durchaus dessen bewusst, was Kanada bietet – es ist sicher hier, das politische System funktioniert, unser Finanzsystem ist, wie die letzten Jahre gezeigt haben, unübertroffen und stabil. Alles zusammengenommen ist es also ein wunderbarer Platz zum Leben."
Uwe Schorpp hatte in London, Ontario, zunächst für die bekannte deutsche Keiper-Recaro-Unternehmensgruppe ein Werk aufgebaut, das Autositze für Chrysler anfertigt. Später kaufte der großgewachsene Mann die Firma Leicatex, die Verpackungshülsen und Schnallen herstellt. Schorpp weist auf einen weiteren Aspekt der Integration hin.
Die Provinz Ontario mit ihren mehr als 13 Millionen Menschen, gut einem Drittel der kanadischen Gesamtpopulation, ist stolz auf ihren Automobilsektor. Es hat Zeiten gegeben, da wurden in der Provinz mehr Pkw und Kleinlaster gebaut als im benachbarten US-Bundestaat Michigan rund um die Millionenstadt Detroit - und die gilt immerhin als Geburtsort der Automobilindustrie.
Sandra Pupatello, Politikerin in Toronto, ist eben dort häufig nicht zu finden. Als Ministerin für internationalen Handel und Investment wirbt sie weltweit für ihre Heimatprovinz:
""Wir haben die sechs Großen hier: Ford, GM, Chrysler, Honda, Toyota, Suzuki. Unsere Wirtschaft ist eng mit den USA verbunden, ganz besonders im Automobilbau. 85 Prozent der Wagen gehen nach Süden. Interessanterweise ist der Absatz in Kanada nicht eingebrochen. Wir glauben, die Produktion wird anziehen, denn die Menschen wollen Autofahren."
150.000 Menschen finden so Arbeit und Brot. Aber Ontario, der Wirtschaftsmotor Kanadas, ist dabei, sich umzuorientieren. Nochmals Wirtschaftsexperte Rainer Jänsch.
Diese Förderung vor allem grüner und innovativer Produkte lässt sich Ontario viel Geld kosten. Und die Vergabe erfolgt sehr unbürokratisch, was heißt - über die Maßen rasch.
Ontario nimmt nicht nur fast die Hälfte der jährlich 250.000 Neukanadier auf, es sendet selbst Experten nach Übersee, um dort gezielt Fachkräfte, Wissenschaftler und Unternehmer anzuwerben. Ontario soll beständig wachsen.
Sandra Pupatello: "Unsere Arbeiterschaft ist die bestausgebildete aller OECD-Staaten und so soll es weitergehen. Die Regierung hat einen 6,2 Milliarden Dollar-Investitionsplan aufgelegt, um mehr für Bildung zu tun – wir sind dazu einfach gezwungen: Wir sind 13,5 Millionen Menschen hier in Ontario, aber unser Konkurrent ist China mit mehr als einer Milliarde – das heißt, wir sind klein. Die erste Welt kann nur überleben, wenn sie ununterbrochen das Niveau ihrer bereits hoch entwickelten Produktionen steigert."
Viele Ausländer wissen oft gar nicht, dass jenes Smartphone, mit dem sie telefonieren und von überall E-Mails versenden, aus Kanada stammt, aus Waterloo in Ontario. Hier ist der Firmensitz von Blackberry. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich das Unternehmen eine Autostunde westlich von Toronto angesiedelt hat.
Die Region nennt sich das Kanadische Technologiedreieck, kurz CTT; hier existieren sehr gute Universitäten und Hochschulen. Blackberry-Gründer Mike Lazaridis hat selbst die Uni von Waterloo absolviert, die beste und größte Ingenieurschule Kanadas. Catharine Gerhard von CTT über die Ausbildung, zunächst aber kurz über Blackbery-Hersteller "Research in Motion":
"Alles wird hier gemacht, Design, Entwicklung und Produktion. Sie beschäftigen 8000 Leute. Hier dreht sich alles um Begabung. Die Uni von Waterloo ist nur 52 Jahre alt und wurde von einem deutschen Unternehmer ins Leben gerufen. Man brauchte Ingenieure und versuchte, auf damals einzigartige Weise, Talente anzulocken. Das heißt, die Studenten begannen, gleich auch in der Industrie zu arbeiten. Heute haben wir hier das größte gemeinschaftliche Ausbildungsprogramm mit Praxissemestern."
Jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten und wenn man diese hier herumdreht, kommt mit den Worten von Sabine Veith das zum Vorschein.