"Noch unverfestigt, liegt sie offen zum Hörer ..."

Gast: Steffen Schleiermacher / Moderation: Olaf Wilhelmer |
"Der Meister des kleinsten Übergangs" – so bezeichnete Theodor Adorno seinen Lehrer Alban Berg. In der Tat: Feinste Nuancen und gleitende Wechsel bestimmen auch Bergs Klaviersonate op. 1, die vor rund hundert Jahren entstand und die trotz ihrer "harmlosen" Anmutung manche Herausforderung in sich birgt.
Alban Bergs Klaviersonate op. 1 – mitnichten das erste Werk dieses Komponisten – gilt als leichtes Stück zum Einstieg in die Musik der Wiener Schule. Die einsätzige, nur rund zwölf Minuten dauernde Sonate steht in h-Moll, der Charakter ist unverkennbar spätromantisch, der Ausdruck zart und versonnen. Unter der Oberfläche aber brodelt es: Die Themen und Motive sind unauflöslich miteinander verbunden und analytisch kaum zu benennen, die vorgezeichnete Grundtonart sucht man in den meisten Takten vergeblich.

Bergs großes Vorbild war sein Lehrer Arnold Schönberg und dessen einige Jahre früher entstandene 1. Kammersinfonie (1906). Deren verschränkte Thematik und auf Quarten basierende Harmonik machte sich Berg in seiner Sonate grundlegend zu eigen – wie Adorno unnachahmlich formulierte: "Schönberg hat die Quartenakkorde utopisch erfunden; Berg, mit dem langen, verhüllten Blick der Erinnerung ins Vergangene eingesenkt, um das zu sorgen seine Musik noch im kühnsten Augenblick nicht vergißt."

In Bergs Sonate finden sich Pianisten aus verschiedenen Welten wieder. Für die Romantiker ist es ein Stück Moderne, das man mal "riskieren" kann, für die Modernen ist ein Stück Romantik, das man sich mal "gönnt". Unser Studiogast Steffen Schleiermacher, der als Pianist und Komponist aus der letzteren Fraktion stammt, beobachtet die Interpretationen dieser Sonate von den dokumentierten Anfängen bis heute – darunter so legendäre wie skurrile Konzertmitschnitte von Glenn Gould und Shura Cherkassky – und bis zu der Frage, ob man das Werk angesichts der historisierenden Aufführungspraxis nicht lieber auf einem alten Bösendorfer statt auf einem neuen Steinway spielen sollte.