Takis Würger: „Für Polina“
© Diogenes Verlag Für PolinaDiogenes Verlag, Zürich 2025
Stück für neun Finger

294 Seiten
25,00 Euro
Takis Würger erzählt in seinem neuen sentimentalen Roman von Polina und Hannes: Als Säuglinge haben sie gekuschelt, in der Pubertät bricht die große Liebe aus. Zumindest bei Hannes, der mit 17 seine erste Klaviersonate komponiert.
Fritzi Prager heißt eine der Hauptfiguren des neuen Romans von Takis Würger. Sie wirkt patent wie ein Backfisch aus den 1950er-Jahren – also lange vor ihrer Zeit. Wir erfahren wenig Konkretes von ihr, aber immerhin so viel, dass sie mit 18 Jahren als Reinigungskraft in einer Netto-Filiale arbeitet. Fritzi kommt aus einem gewalttätigen Elternhaus. Sie will Jura in München studieren. Am Anfang des Romans reist sie alleine von Hannover nach Italien – und ein verunglückter Roman nimmt seinen Lauf.
„In den Sommerferien vor ihrem Abitur reiste Fritzi Prager mithilfe mehrerer Regionalzüge, einer Lastwagenfahrerin und eines verliebten Paares, das sie über den Brenner mitnahm, in die toskanische Stadt Lucca. Dort bezog sie in einer günstigen Pension am Piazza San Michele ein Zimmer, das nach gebratenen Zwiebeln roch. Tagsüber lag sie im Schatten der alten Stadtmauer und las die wunderbar duftenden Bücher, die sie mitgebracht hatte.“
Prompt lernt sie einen älteren Mann aus Hamburg kennen. Und weil der Marmorhändler ihr rührend „unbeholfen“ erscheint, hört sie ihm nicht nur den ganzen Abend zu, sondern geht auch noch mit ihm ins Hotel.
Mit onkelhafter Umständlichkeit
„Als er sagte, in seiner Hotelbar gebe es einen Tresen, der aus einem einzigen Block grünem Silikatmarmor geschnitten war, den müsse sie gesehen haben, tat er ihr leid. Sie ging mit. Sie fand es interessant, die Nacht mit einem Mann zu verbringen, der graue Haare hatte. Sie wusste nicht, dass das Medikament, das sie eine Woche vorher nach dem Genuss eines verdorbenen Tiramisus eingenommen hatte, die Verhütungspille unwirksam machte.“
Der allwissende Erzähler schwankt zwischen umständlicher Überpräzision und seltsamer Vagheit hin und her. Zeithistorisch bleibt er unkonkret, während die Sprache altertümlich und onkelhaft daherkommt.
„Im folgenden April, als das Fruchtwasser den Teppich in ihrem Zimmer ruinierte und die Wehen in ihrem Unterleib wühlten, setzte Fritzi sich den für diesen Anlass gepackten Rucksack auf und ging zu Fuß ins Krankenhaus Siloah. Die Geburt dauerte eineinhalb Tage. Der Umstand, dass Fritzi schmal gebaut und wahrscheinlich noch im Wachstum war, machte irgendwann sogar der alten Hebamme Sorgen.“
Doch dann ist Hannes Prager da. Er ist der eigentliche Held des Romans. Takis Würger legt ihm gleich das Mädchen ins Nachbarbett, auf das fortan sein Sinnen und Trachten gerichtet sein wird. Es heißt Polina. Seine Mutter Güneş stammt aus der Türkei. Die Säuglinge kuscheln „wie zwei Maulwurfbabys“. Die beiden alleinerziehenden Mütter wollen Freundinnen bleiben.
Abziehbilder trivialer Männerfantasie
Die Frauenfiguren wirken wie Abziehbilder aus den dunklen Katakomben trivialer Männerfantasie. Das war schon in früheren Romanen Takis Würgers so, insbesondere in „Stella“, der auf unerträgliche Weise das moralische Problem einer jüdischen Nazi-Kollaborateurin als Liebesschmonzette verramschte, auf der Basis der realen Lebensgeschichte von Stella Goldschlag. Wenn Frauen etwas erreichen wollen, legen sie sich halbnackt in die Sonne. So macht es Güneş, um den 60-jährigen Heinrich Hildebrand zu betören, in dessen Hannover Villa im Moor die „elfenhafte“ Fritzi mit Hannes einziehen durfte.
Aus Hannes wird in Windeseile ein musikalisches Wunderkind. Mit 17 komponiert er seine erste Klaviersonate für Polina, „die vielleicht schönste Klaviersonate seit der ‚Pathétique‘“. Bedauerlicherweise interessiert sich Polina eher für sportliche Draufgänger, auch wenn sie Hannes wie einen Bruder liebt. Sex haben sie trotzdem das ein oder andere Mal. Er kann sich also weiter Hoffnungen machen, die er mit Musik und körperlicher Arbeit kompensiert. Als Möbelpacker für Klaviere ist er zwar eigentlich zu klein – nach dem Unfalltod seiner Mutter hat er das Wachstum eingestellt –, doch der schlaue Hamburger Unternehmer Sebastian Blau gibt ihm Bosch zur Seite, riesig wie ein „Industriekühlschrank“ und bald sein bester Freund.
Ein altes Strickmuster geht viral
Eine Zeitlang wohnt Hannes in der kalten Villa seines Vaters in Hamburg-Othmarschen, er will aus ihm den „nächsten Mozart“ machen. Aber seit er bei der Beerdigung seiner Mutter für Chopins „Nocturnes“ beklatscht wurde, schämt er sich in der Öffentlichkeit zu spielen. Bis er durch den viralen Clip einer Passantin zum Internet-Star wird, der bald in den größten Konzerthallen spielt. Dass ihm beim Transport eines Flügels der linke Ringfinger abgequetscht worden war, macht sein Spiel umso eindrucksvoller. Doch er will mit seinem Ruhm einzig und allein die verschwundene Polina erreichen.
„Eine Woche nachdem Mila Müller das Video ins Internet gestellt hatte, war es berühmt. Wohl auch, weil dieser namenlose und völlig unbekannte Möbelpacker mit der grauen Kapuze auf dem Kopf das Stück mit nur neun Fingern spielte und am Ringfinger links einen Verband trug, der sich im Lauf der Sonate rot färbte.“
Sentimentales Kaspertheater
Natürlich baut Takis Würger literarische Anspielungen ein, auf Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“ oder auf das Werk Dostojewskis. Doch mit dem Liebeswahn des Helden und seinem musikalischen Wunderkind-Status folgt „Für Polina“ eher dem Strickmuster von „Schlafes Bruder“, dem altertümlich raunenden Erfolgsroman des Österreichers Robert Schneider.
„MOVER PLAYS PIANO ON THE STREET AND MOVED MY HEART” hat Mila das Video untertitelt. Auf Teufel komm raus zielt dieser Roman auf unser Herz. Doch er lässt keinen Raum für Fantasie und Imagination. „Für Polina“ ist ein sentimentaler Roman, der die Trauer um die verstorbene Mutter in die Sehnsucht nach der verlorenen Geliebten überführt. Vom Leben der weiblichen Titelheldin in Istanbul erfahren wir so gut wie nichts. Sie dient vor allem als Projektionsfläche für die musikalische Sensibilität des Helden. „Für Polina“ erinnert an ein Kaspertheater. Vorne auf der Bühne ist viel los, doch jenseits ihres Auftritts fallen die Figuren wie leblose Puppen ins Nichts.