Sensible Kampfmaschine trifft depressive Frau

Eine deutsch-türkische Ost-West-Liebes-Wende-Geschichte im Boxermilieu – das klingt sehr ambitioniert. David Pfeiffers Roman ist durchaus gelungen. Allerdings geht es bisweilen sehr pathetisch und emotional zu.
Der Boxer und die Leserin: Kann das gut gehen? Natürlich nicht! Aber David Pfeifer macht es seinen beiden Hauptfiguren wirklich nicht leicht. 16 Jahre lang arbeiten sie sich aneinander ab, bevor sie einsehen müssen, dass es keinen Sinn hat. Weder allein noch als Paar funktionieren die beiden; zu versehrt und beschädigt sind sie vom Leben. Mert Schulz ist nicht nur die eisenharte Kampfmaschine, die viele in ihm sehen. Der in Hamburg-Bahrenfeld aufgewachsene Deutschtürke ist auch ein sensibler, zutiefst verunsicherter Junge aus einfachen Verhältnissen, verzweifelt irgendeinen Halt im Leben suchend:

"Das Boxen war für Mert das entscheidende Zahnrad, das bald alles antrieb."

In diesem Milieu begegnet ihm Nadja: In der DDR in einer Boxerfamilie groß geworden, führt sie nach der Wende ein unspektakuläres, solides Leben im Westen. Aber hinter der aufgeräumten Fassade lauern tiefer Selbsthass und Depression.

Diese beiden verlorenen Seelen lässt Pfeifer in "Schlag weiter, Herz" aufeinander los. Erzählt wird nicht linear. Rückblenden in die Vergangenheit, als Mert und Nadja in Hamburg ein Leben zu zweit versuchen, zersplittern nach jedem Kapitel an Gegenwart. Dort schlägt sich der inzwischen leicht ergraute Krieger Mert, von sentimentalen Erinnerungen und Selbstzweifeln geplagt, als Thaiboxer mit gebrochenem Herzen auf der Touristeninsel Phuket durch.

David Pfeifers Sprache ist klar und direkt. Die Dialoge sind schnell. Besonders gut gelingen Pfeifer, der früher selbst geboxt hat, die Kampfszenen. Aber er beschreibt nicht nur wie ein Reporter, sondern kriecht immer wieder in die Köpfe seiner Helden hinein.

"Und dann, am untersten Punkt seiner Ruhe, trifft Mert ein bekanntes Gefühl. Er bekommt Angst … Und diese Angst steigt auf, durchflutet seinen Körper und dringt schließlich aus jeder Pore nach draußen, wo sie auf seinen Gegner überspringt."

Eine deutsch-türkische Ost-West-Liebes-Wende-Geschichte im Boxermilieu? Man könnte meinen, dass das ein viel zu ambitioniertes Projekt ist. Aber obwohl "Schlag weiter, Herz" ein paar dramaturgische Schwächen hat, funktioniert die Geschichte trotzdem. David Pfeifer schafft das, weil er auf Klischees verzichtet und sich die Mühe macht, seine literarischen Figuren nicht holzschnittartig anzulegen. Diese geheimnisvolle charakterliche Tiefe und Zerrissenheit zahlen sich aus. Auch wenn es manchmal sehr pathetisch und emotional wird: So schlägt das Herz eines Boxers nun mal!

Besprochen von Thomas Jaedicke

David Pfeifer: Schlag weiter, Herz
Heyne Verlag, München 2013
356 Seiten, 19,99 Euro
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