Spektakulär unspektakulär
Eine alleinstehende Frau kommt abends in ihre Wohnung, isst zu Abend, geht zu Bett - und bringt sich mit einer Überdosis an Schlaftabletten um: Franz Xaver Kroetz' Einakter "Wunschkonzert" kommt ohne Worte aus. Das spektakulär unspektakuläre Stück wird von Katie Mitchell am Schauspiel Köln auf die Bühne gebracht: Einfallsreich und sensibel, bisweilen jedoch zu komplex und überfrachtet ist die Inszenierung der britischen Regisseurin.
"Wunschkonzert" ist ein Meisterwerk der Konzentration. Franz Xaver Kroetz kommt bei seinem 1973 uraufgeführten Monodram mit einem Akt aus, einem Bühnenbild - und ganz ohne Worte. Im Mittelpunkt steht ein spektakulär unspektakulärer Selbstmord: Eine alleinstehende Frau mittleren Alters kommt abends von ihrer Arbeit nach Haus in ihre bescheidene, aber gemütliche kleine Wohnung. Sie isst zu Abend, spült Geschirr, hört im Radio das "Wunschkonzert", kleidet sich aus und legt sich zu Bett. Etwas später steht sie wieder auf, geht zum Arzneischrank und nimmt eine Überdosis Schlaftabletten.
Katie Mitchell inszenierte in Kölns Schauspielhaus. In ihrer Heimat Großbritannien hat sie sich einen Namen als Avantgardistin gemacht, am Royal National Theatre in London, dem Flaggschiff der britischen Bühnen, ist sie fest engagiert. Die kleine Wohnung, die Kroetz in die Mitte seiner Szenen rückt, nimmt bei Katie Mitchell nur ein Fünftel der Bühne ein. Rechts sitzen Musiker, links ist ein Tisch für Hörspiel-Utensilien und vorn in der Mitte stehen zwei Kameras. Mit ihnen können Ausschnitte des Geschehens aufgezeichnet und auf eine Leinwand in der Mitte über der Bühne projiziert werden. In Katie Mitchells Inszenierung sieht das Publikum nicht einer Frau zu, die Selbstmord begeht, sondern einen Film über diese Frau, wie er entsteht, wie er gemacht wird.
Das ist sehr aufwendig. Nicht nur Julia Wieninger spielt die Heldin, sondern noch vier andere Schauspieler - aber nur Aspekte der Mittelpunktfigur. Therese Dürrenberger beispielsweise erzeugt fast nur Geräusche: Wenn sich die Heldin die Hände wäscht, sorgt die Dürrenberger dafür, dass Wasser am Mikrofon fließt und das Publikum das Plätschern hört. Das ist ein Jammer, weil Therese Dürrenberger, eine wunderbare Schauspielerin, hier schändlich unterfordert ist.
Auf der Leinwand erscheinen oft Details, zum Beispiel der Ausschnitt der sich waschenden Hände. Vergrößert bekommen sie eine neue Bedeutung. Am klarsten wird es bei Goldfischen, die in einem Glas umher schwimmen. Sie sind nicht nur Zimmerschmuck, sondern weisen auf das Leben der Heldin hin. Sie hat alles, was sie braucht - aber das ist nicht genug. Sie verhungert seelisch.
Ein Streichquartett spielt nicht nur - live - das Wunschkonzert, das im Radio erklingt, es driftet von den Harmonien zu Dissonanzen - das Publikum hört, was die empfindsame Heldin hört. Wir hören auch, was sie denkt - Katie Mitchell hat Verse von Anne Sexton eingefügt, Ausdruck der Depression, unter der die Heldin oder Antiheldin leidet.
Katie Mitchell versucht, die innere Realität ihrer Heldin sicht- und hörbar zu machen, eine psychologische Deutung. Kroetz schwebte etwas anderes vor. Er schrieb in einem knappen, provozierenden Vorwort: "So haben wir viele Fälle von kleinen, törichten Selbstmorden, die selbst wieder nur affirmativ funktionieren: die, die so weit sind, dass sie die Kraft und den Mut hätten, 'ihr eigenes Leben in die Waagschale zu werfen‘, liefern sich selbst der Gerichtsbarkeit ihrer natürlichen Feinde aus. Nur so ist es möglich, dass die unmenschliche Ordnung, in der wir leben, aufrechterhalten werden kann und wir weiter darin leben müssen." - Diese politische Dimension fehlt Katie Mitchells Inszenierung.
Kroetz' ästhetisches Mittel ist die radikale Reduktion - die Übersichtlichkeit führt zu dramatischer Dynamik - die fehlt Katie Mitchells Inszenierung. Sie ist schlicht überfrachtet. Der Zuschauer hat zuviel zu tun, wenn er entscheiden muss, wohin er schauen soll: auf die Leinwand, die Musiker, die Kameraleute oder die Tonerzeuger.
Mitchells Inszenierung ist einfallsreich, sensibel, der verfremdende Hinweis auf den Kunstcharakter des Werks berechtigt - aber die britische Regisseurin verliert in der Komplexität ihres Regieansatzes das Ziel des "Wunschkonzerts" aus den Augen. Mitchell erzeugt Mitleid, Kroetz intendiert Erkenntnis. Auch wenn Katie Mitchell daneben greift: Es wird doch deutlich, dass Kroetz' Meisterwerk in Zeiten der Krise noch an Aktualität gewinnt. Dem Kölner Schauspiel kann man gratulieren, dass es das rechte Stück zur rechten Zeit spielt. Schade, dass sie eine fehlgeleitete Regisseurin beauftragten.
Aufführungen am 6., 7., 16., 17., 18., 19., 20. und 31. Dezember 2008 sowie am 2., 9., 10., 11. Januar 2009
Kartentelefon: 0221 221 28400 - Internet: www.schauspielkoeln.de
Katie Mitchell inszenierte in Kölns Schauspielhaus. In ihrer Heimat Großbritannien hat sie sich einen Namen als Avantgardistin gemacht, am Royal National Theatre in London, dem Flaggschiff der britischen Bühnen, ist sie fest engagiert. Die kleine Wohnung, die Kroetz in die Mitte seiner Szenen rückt, nimmt bei Katie Mitchell nur ein Fünftel der Bühne ein. Rechts sitzen Musiker, links ist ein Tisch für Hörspiel-Utensilien und vorn in der Mitte stehen zwei Kameras. Mit ihnen können Ausschnitte des Geschehens aufgezeichnet und auf eine Leinwand in der Mitte über der Bühne projiziert werden. In Katie Mitchells Inszenierung sieht das Publikum nicht einer Frau zu, die Selbstmord begeht, sondern einen Film über diese Frau, wie er entsteht, wie er gemacht wird.
Das ist sehr aufwendig. Nicht nur Julia Wieninger spielt die Heldin, sondern noch vier andere Schauspieler - aber nur Aspekte der Mittelpunktfigur. Therese Dürrenberger beispielsweise erzeugt fast nur Geräusche: Wenn sich die Heldin die Hände wäscht, sorgt die Dürrenberger dafür, dass Wasser am Mikrofon fließt und das Publikum das Plätschern hört. Das ist ein Jammer, weil Therese Dürrenberger, eine wunderbare Schauspielerin, hier schändlich unterfordert ist.
Auf der Leinwand erscheinen oft Details, zum Beispiel der Ausschnitt der sich waschenden Hände. Vergrößert bekommen sie eine neue Bedeutung. Am klarsten wird es bei Goldfischen, die in einem Glas umher schwimmen. Sie sind nicht nur Zimmerschmuck, sondern weisen auf das Leben der Heldin hin. Sie hat alles, was sie braucht - aber das ist nicht genug. Sie verhungert seelisch.
Ein Streichquartett spielt nicht nur - live - das Wunschkonzert, das im Radio erklingt, es driftet von den Harmonien zu Dissonanzen - das Publikum hört, was die empfindsame Heldin hört. Wir hören auch, was sie denkt - Katie Mitchell hat Verse von Anne Sexton eingefügt, Ausdruck der Depression, unter der die Heldin oder Antiheldin leidet.
Katie Mitchell versucht, die innere Realität ihrer Heldin sicht- und hörbar zu machen, eine psychologische Deutung. Kroetz schwebte etwas anderes vor. Er schrieb in einem knappen, provozierenden Vorwort: "So haben wir viele Fälle von kleinen, törichten Selbstmorden, die selbst wieder nur affirmativ funktionieren: die, die so weit sind, dass sie die Kraft und den Mut hätten, 'ihr eigenes Leben in die Waagschale zu werfen‘, liefern sich selbst der Gerichtsbarkeit ihrer natürlichen Feinde aus. Nur so ist es möglich, dass die unmenschliche Ordnung, in der wir leben, aufrechterhalten werden kann und wir weiter darin leben müssen." - Diese politische Dimension fehlt Katie Mitchells Inszenierung.
Kroetz' ästhetisches Mittel ist die radikale Reduktion - die Übersichtlichkeit führt zu dramatischer Dynamik - die fehlt Katie Mitchells Inszenierung. Sie ist schlicht überfrachtet. Der Zuschauer hat zuviel zu tun, wenn er entscheiden muss, wohin er schauen soll: auf die Leinwand, die Musiker, die Kameraleute oder die Tonerzeuger.
Mitchells Inszenierung ist einfallsreich, sensibel, der verfremdende Hinweis auf den Kunstcharakter des Werks berechtigt - aber die britische Regisseurin verliert in der Komplexität ihres Regieansatzes das Ziel des "Wunschkonzerts" aus den Augen. Mitchell erzeugt Mitleid, Kroetz intendiert Erkenntnis. Auch wenn Katie Mitchell daneben greift: Es wird doch deutlich, dass Kroetz' Meisterwerk in Zeiten der Krise noch an Aktualität gewinnt. Dem Kölner Schauspiel kann man gratulieren, dass es das rechte Stück zur rechten Zeit spielt. Schade, dass sie eine fehlgeleitete Regisseurin beauftragten.
Aufführungen am 6., 7., 16., 17., 18., 19., 20. und 31. Dezember 2008 sowie am 2., 9., 10., 11. Januar 2009
Kartentelefon: 0221 221 28400 - Internet: www.schauspielkoeln.de