"Stalag Luft 1"

Von Sylvia Conradt |
"Stalag Luft" war im Nationalsozialismus die militärische Abkürzung für "Stammlager der Luftwaffe". Im Zweiten Weltkrieg wurden so die deutschen Gefangenenlager bezeichnet, in denen hauptsächlich Angehörige der Alliierten Luftstreitkräfte inhaftiert waren. Eine besondere Geschichte hat das "Stalag Luft 1" in Barth am Bodden, ein Ort an dem Kriegs- und Nachkriegsgeschichte bis heute eng verflochten sind.
DDR-Rundfunk, 1.5.1985:
"Dass die Schönheit der Menschheit erblühe, dass die Menschen ihren Glauben an das Leben wiedergewinnen, an dieses Leben, wo man Schulter an Schulter für den Frieden ist."
(Englisch): "”The planting of the trees in the name of peace. Die Schoolboys der Hans-Coppi-Oberschule...""

Eine Reportage des DDR-Rundfunks vom 1. Mai 1985.
"Heute Mittag in Barth am Bodden. Der ehemalige sowjetische Sergeant Kujowda, die Gattin des ehemaligen Kriegsgefangenen US Lieutenant Phil Gibbons im Gespräch mit dem Barther Bürgermeister Bernd Zeller. Am 1. Mai 1945 hatte eine sowjetische Einheit, der Kujowda angehörte, Barth, das dortige faschistische Konzentrationslager und auch Kriegsgefangenenlager Stalag Luft I, in dem Gibbons gefangen war, befreit."

Barth in Mecklenburg-Vorpommern, 30 Kilometer westlich von Stralsund: Hier hatten die Nationalsozialisten 1940 ein Kriegsgefangenenlager für gegnerische Luftstreitkräfte eingerichtet. Es war eines von mehr als 130 Kriegsgefangenenlagern, die sich auf das Reichsgebiet und das deutsch besetzte Westpolen verteilten. Ende April 1945 waren in dem so genannten Stammlager Barth, kurz Stalag Luft I, 10.000 Angehörige der alliierten Luftstreitkräfte inhaftiert. Tatsächlich hatten sich die Kriegsgefangenen de facto selbst befreit, und die Rote Armee hatte das Lager erst am 2. Mai 1945 erreicht.

Nach Kriegsende war dieser Teil der Vergangenheit schnell vergessen, bis sich im Spätsommer 1984 der US-Veteran und einstige Kriegsgefangene Philip Gibbons, nun Inhaber eines Reiseunternehmens in Florida, an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker wandte und ihn über den beabsichtigten Besuch einer Gruppe ehemaliger US-Kriegsgefangener informierte:

Philip Gibbons: "Werter Präsident Honecker! Der 1. Mai, der bei Ihnen ein Nationalfeiertag ist, ist zufällig auch der Tag, an dem wir 1945, vor 40 Jahren befreit wurden. Wäre es möglich, ein feierliches Programm zum Gedenken dieses Tages in Barth zu organisieren? Ich denke dabei an die Anwesenheit von ostdeutschen oder russischen Persönlichkeiten, vielleicht etwas Musik usw."

Im Januar 1985 genehmigte das Sekretariat des Zentralkomitees der SED den Besuch. Hinter den Kulissen arbeiteten das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer, Vertreter des Verbandes der Kriegsveteranen der UdSSR, Mitglieder des ZK der SED und das Reisebüro der DDR auf Hochtouren, um das Treffen vorzubereiten.

Mitte der Achtzigerjahre war die DDR international ein diplomatisch anerkannter Staat und darum bemüht, eine aktive Außenpolitik zu entwickeln. Der avisierte Besuch, sagt der Historiker Martin Albrecht, war wie ein Geschenk höherer Diplomatie.

Martin Albrecht: "Die kamen eigentlich mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit. Es kam hinzu, dass Erich Honecker als Staatsratsvorsitzender auch daran dachte, die Vereinigten Staaten in sein Reiseprogramm einzubeziehen. Das heißt also, er war lebhaft interessiert daran, hier alle möglichen und unmöglichen Kontakte zu intensivieren.

Sie kamen genau in dieser Situation mit dem richtigen Anliegen, was sich mit dem Selbstverständnis der SED und der DDR dann auch traf als antifaschistischer Staat auf deutschem Boden, 40. Jahrestag des Kriegsendes. Sie haben also sozusagen just in time vollkommen richtig geplant und konnten dann die Meriten für sich in Anspruch nehmen, die erste Touristendelegation aus den Vereinigten Staaten komplett nach 40 Jahren nach Kriegsende in die DDR gebracht zu haben, nach Barth."

Am 1. Mai 1985 traf die 113-köpfige US-amerikanische Besuchergruppe mit drei Reisebussen in Barth ein. Amerikanische Fernsehstationen hatten ihre Teams ebenso in die malerische Kleinstadt am Bodden entsandt wie der Deutsche Fernsehfunk und das ZDF.

Mehr als 60 ehemalige Kriegsgefangene waren mit ihren Ehefrauen und Kindern angereist, um das Kriegsgefangenenlager Stalag Luft I zu besuchen, in dem sie als "Kriegies", wie sie sich selbst nannten, inhaftiert waren. Auf dem Marktplatz hatten sich tausende Barther zu einer Kundgebung versammelt. Die Flaggen der USA, eigens aus Berlin herbeigeschafft, der UdSSR und der DDR waren gehisst, Ansprachen und Grußworte wurden gewechselt. Der damalige Bürgermeister Bernd Zeller.

Bernd Zeller, Bürgermeister a. D.: "Im Anschluss daran konnten die Amerikaner einen Stadtrundgang machen. Die Amerikaner waren begeistert von unseren kleinen Häusern und wunderten sich, dass da Menschen drin wohnen konnten. Es ging dann weiter zum sowjetischen Ehrenmal, dort wurde ein Kranz niedergelegt und im Anschluss daran zum Mittagessen. Das war eine ganz lustige Angelegenheit, dort kam die Mentalität der Amerikaner zum Tragen, denn nach dem Essen wurde lauthals gesungen und getanzt. Das war ein ganz wunderbarer Teil der Begegnung, so dass man sich auch menschlich sehr nahe kam."

Danach ging es weiter zum Gelände des einstigen Stalag Luft I, auf dem auf die Schnelle eine Gedenkstätte geschaffen worden war: Der Wald war gerodet, ein Erdwall aufgeschüttet worden.

Bernd Zeller, Bürgermeister a. D.: "Dort wurden noch Bäume gepflanzt, und die Amerikaner hatten Zeit, ihrer Zeit der Anwesenheit sich zu erinnern praktisch. Viele versuchten ihre Gedanken zurückzudelegieren, in die Zeit, in der sie hier waren und versuchten sich irgendwie wieder einzuordnen. Markant war, dass die meisten diese Stätte wiedererkannt haben an der Silhouette des Kirchturms in Barth. Es wurde ein Gedenkstein, Feldstein praktisch gesetzt mit einer Gedenktafel, die daran erinnerte, dass an dieser Stelle eben dieses Lager bestand."

Hier befreite die Sowjetarmee im Jahre 1945 Kriegsgefangene aus den USA und Großbritannien.

Der Reporter Bruno Funk in seinem Beitrag für die ZDF-Reihe "Kennzeichen D" im Mai 1985.

ZDF Kennzeichen D: "Meine Gefühle? Ich bin viel zu bewegt, darüber kann ich nicht sprechen. Dies ist ein aufwühlender Tag, ich empfinde auch Stress. Die Bilder kehren so schnell zurück. Die Freunde von früher wiederzusehen, das berührt mich sehr stark. – The meeting with the Russians? Wie war die Begegnung mit den Russen? Ich erinnere mich, als ob es erst gestern gewesen wäre. Wir sprangen vor Freude in die Luft, alle 10.000 hier sind fast verrückt geworden, als die Russen ins Lager eindrangen. Das hat uns sehr gepackt."

Nach Barth war auch der damalige Bataillonskommandeur Jakow Swinzow gekommen, der Befreier.

ZDF Kennzeichen D: "Also, eines war auf jeden Fall festzustellen, die waren alle unheimlich freudig erregt, egal, wer es auch war, und sie haben das auch alle zum Ausdruck gebracht, in allen Sprachen, die hier im Lager vertreten waren."

Von nun an organisierte Philip Gibbons regelmäßig Gedenkstättenfahrten nach Barth.
Nach der Wende allerdings erfuhr die bis dahin gepflegte Erinnerungs- und Gedenkstättenkultur einige Korrekturen, sagt Helga Radau von der Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth, kurz DOK.

Helga Radau: "Damals hat mir der Archivar Fotos gezeigt, die 1985 von den Amerikanern der Stadt übergeben wurden, Fotos vom Lagerleben, die man heute auch auf der Website sehen kann."

Auf der Website der DOK, dessen Vereinsmitglieder unter anderem zur Geschichte des Stalag Luft I forschen. Im Stadtarchiv entdeckte Helga Radau Erinnerungsberichte und Namen ehemaliger Kriegsgefangener. Sie ermittelte deren Aufenthaltsorte und baute ein privates "Korrespondentennetz" auf, erfuhr, dass nicht nur Amerikaner und Briten im Stalag inhaftiert waren, sondern Luftwaffenangehörige aus allen fünf Kontinenten.

Helga Radau: "1993 im April sind mein Mann und ich nach Sachsenhausen gefahren, um dort einen Holländer zu treffen, Jan Telling, den ich angeschrieben hatte, weil ich seine Adresse in dieser Akte gefunden habe. Und Jan stellte mir dann seinen Freund vor und sagte: Das ist Jimmy, Jimmy James, der war im Stalag in Barth und war im KZ.

Und da war ich total perplex, denn ich hatte nie angenommen, dass Kriegsgefangene aus dem Stalag Luft I auch in Konzentrationslager gekommen sind. Und Jimmy hat mir dann später sein Buch geschickt, "Moonless Night", und ich habe dann seine Geschichte erfahren aus dem Buch. Und aus den Büchern und Berichten habe ich dann mir ein Bild machen können von den wahren Ereignissen, oder jedenfalls so nah wie möglich der Wahrheit kommenden Ereignissen am Ende des Krieges."

Man wolle die nach Kriegsende verdrängte NS-Geschichte der Stadt in die Gegenwart holen, sagt Hannelore Rabe von der Dokumentations- und Begegnungsstätte.

Hannelore Rabe, Dokumentations- und Begegnungsstätte: "Barth ist eine Stadt, in der sich eigenartigerweise eine Konzentration vollzog: Einmal wurde das Kriegsgefangenenlager Stalag Luft I hier aufgebaut. Dann gab es ein Lager, ein Außenlager von Ravensbrück, Konzentrationslager. Da hatte sich Heinkel eine Produktionsstätte hier in Barth ausgesucht, nachdem in Rostock die Heinkelwerke bombardiert wurden, und hat beantragt, dass hier Häftlinge arbeiten in der Produktion. Es gab auch noch zwei so genannte Zwangsarbeiterlager, es gab Rüstungsindustrie in Barth.

Und das bedeutete, dass Barth in diesen 12 Jahren eigentlich, ja, es sehr viele Arbeitsplätze gab, dass Menschen hier in Lohn und Brot kamen und auch an diesen Lagern, an der Rüstung direkt oder indirekt verdienten. Die Barther Bevölkerung, so sagt man, hat sich in diesen zwölf Jahren verdoppelt. Es stellte sich heraus, dass es in Barth in dieser Hinsicht kaum eine Aufarbeitung gab.

Und nur wenige sind von sich aus interessiert, aber zunehmend jüngere Leute, die jetzt auch ihre Großeltern fragen: Was war damals und unterschiedliche Antworten bekommen. Also, es ist psychologisch schwer, hier mit dieser Vergangenheit so umzugehen und sie aufzuarbeiten."

Thomas Lutz, Gedenkstättenreferent Topographie d. Terrors: "Es gibt ja den schönen Satz: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen."

Thomas Lutz, Gedenkstättenreferent der Topographie des Terrors: "Und dadurch, dass man in der DDR von der Erinnerungspolitik her der Meinung war, man hat ein neues Gesellschaftssystem errichtet, hat also die Wurzeln des Faschismus beseitigt, war es auch nicht mehr notwendig, über die gesellschaftliche Funktion der Deutschen in der NS-Zeit, auch in dem Gebiet was später DDR geworden ist, nachzudenken.

Das heißt, man hat sich eigentlich nur auf die Opferseite gestellt. Man hat sich überhaupt nicht mit den Fragen, wie es eigentlich zu den Verbrechen kommen konnte, auseinandergesetzt. Und das hat manchmal, so wurde mir zumindest auch von angesehenen Professoren zum Beispiel berichtet, dazu geführt, dass die Kinder in der Schule die Geschichte so gelernt haben, dass sie gedacht haben, sie hätten den Zweiten Weltkrieg gewonnen."

Darüber hinaus gab es bis Ende der 1970er Jahre – übrigens in beiden deutschen Staaten – jeweils nur eine Gruppe von Opfern, der sehr gehuldigt wurde, sagt Thomas Lutz.

Thomas Lutz, Gedenkstättenreferent Topographie des Terrors: "Das waren im Osten die kommunistischen Widerstandskämpfer, und das waren im Westen die jüdischen Opfer, wobei das notwendig war, auch um sozusagen, wie es hieß, in die blühende Völkergemeinschaft wieder aufgenommen zu werden. Alle anderen Opfergruppen sind in beiden deutschen Staaten relativ marginal behandelt worden, auch unterschiedlich."

So wurde auch dem Schicksal der Kriegsgefangenen kaum Beachtung geschenkt. 1940 waren in Barth zunächst Angehörige der Royal Air Force inhaftiert, der britischen Luftwaffe. Der Berliner Historiker Martin Albrecht, der zum Stalag Luft I forscht.

Martin Albrecht: "Dazu kamen dann auch im Zuge der Zeit verschiedene Piloten anderer Länder, die von den Nazis schon erobert worden waren, deren Piloten aber bei der Royal Air Force mitgeflogen sind, auch Royal Air Force-Uniformen hatten, Dienstrang hatten, die aber Angehörige ihrer eigenen Streitkräfte noch waren, vor allen Dingen aus der Tschechoslowakei, aus Polen, aus Norwegen, aus Belgien, zum Teil auch von den frei-französischen Kräften.

Die wurden auch von der deutschen Seite anerkannt als englische Kriegsgefangene. Die saßen also in den Wiesen vor der Stadt, das heißt, es kam zunächst erst mal dazu, dass zwei Baracken angelegt worden sind. Und im Zuge der Verlängerung des Krieges und der Länge der militärischen Auseinandersetzung wurden es immer mehr Kriegsgefangene. Und ab 1943, ab der zweiten Jahreshälfte, war es dann ein Lager für Offiziere abgeschossener westalliierter Luftwaffen, dazu kamen dann ja auch verstärkt nachher amerikanische Luftwaffenpiloten."

Ein doppelter Stacheldrahtzaun und Wachtürme begrenzten den riesigen Lagerkomplex zwischen Barther Bodden und dem Fluss Barthe. Die Kriegsgefangenen hausten in einstöckigen Holzbaracken, im Winter der Kälte, im Sommer der Hitze ausgesetzt, erinnert sich der heute 84-jährige US-Veteran John Bryner. Er geriet 1944 in Kriegsgefangenschaft.

John Bryner: "”Ich kam mit der 2. Bombergruppe aus Foggia, Italien, und wir sollten die synthetische Ölproduktion in Deutschland zerstören, in Ruhland, südöstlich von Berlin. Unser Flugzeug wurde von einer deutschen ME-262 abgeschossen, und ich wurde gefangenen genommen und zunächst in das zentrale Vernehmungslager in Oberursel überstellt, nördlich von Frankfurt am Main. Ich war 20 Jahre alt. Die Kriegsgefangenen hatten nicht genug zu essen, vorher hatten sie Rotkreuz-Pakete von den Alliierten bekommen, aber die kamen dann nicht mehr zu uns durch. Wir "Kriegies" waren ziemlich ausgehungert und ausgemergelt. Kurz nachdem ich nach Barth, ins Stalag Luft I überstellt wurde, bekamen wir wieder Rotkreuz-Pakete. Es herrschte kein Überfluss, es reichte gerade so aus.”"

Das Stalag grenzte an die Flak-Schule – ein eindeutiger Verstoß gegen die Genfer Konvention, aber für die Nationalsozialisten waren die westalliierten Kriegsgefangenen ein unschätzbares Faustpfand, sagt der Berliner Historiker Martin Albrecht.

Martin Albrecht: "Die Bedeutung lag in erster Linie darin, dass es nach 1943 explizit ein Lager für gefangene Offiziere war. Es war ein riesiges militärisches Potential dort versammelt. Wir haben das mal durchgerechnet: Also, in Barth waren zum Schluss, im Mai 1945, um die 9000 fast alles Offiziere im Lager hinterm Stacheldraht. Das war ungefähr der Offiziersbesatz der fliegenden Verbände der stärksten US-Luftflotte, die in Europa eingesetzt worden ist, der 8. US-Luftflotte, der "Mighty Eight". Andersrum gesagt: Soviel Offiziere, wie da oben flogen, saßen in Barth noch mal hinter dem Stacheldraht nach sechs Jahren Krieg.

Also, es war für die Alliierten wichtig, ihre Söhne wiederzubekommen, das waren hoch qualifizierte Leute, die dann auch später in der amerikanischen Industrie und im Militär Riesenkarrieren gemacht haben. Das heißt, es ging um das menschliche Potential, was man sichern wollte. Deswegen ist das Lager nicht bombardiert worden, und Barth ist nicht bombardiert worden von alliierter Seite.

Das führte auf der anderen Seite natürlich dazu, dass die deutsche Seite das natürlich mitgekriegt hat und Rüstungsindustrieobjekte in Barth ausgebaut hat: Dazu gehört dann das KZ Außenlager von Ravensbrück, das also für Heinkel Flugzeugproduktion betrieben hat. Das ist also vorsätzlich dort hingesetzt worden. Und wir wissen, dass 1944 auch Teile der Produktion direkt neben dem Kriegsgefangenenlager gelagert worden sind, damit sie nicht angegriffen werden können."

Internationalen Gepflogenheiten folgend, organisierten auch im Stalag Luft I die kriegsgefangenen Offiziere ihren Lageralltag weitgehend eigenständig. Sie bauten eine einheitliche Kommandostruktur auf, ließen sich von der deutschen Lagerverwaltung nicht auseinanderdividieren, traten ihr gegenüber geschlossen auf. Sie hielten Verbindung zum Internationalen Roten Kreuz und zur YMCA, der Young Men's Christian Association, die die Gefangenen mit Sportgeräten, Lagerbibliothek, Musikinstrumenten und vielem anderen versorgten. Im Dezember 1944 strahlte die amerikanische Rundfunkstation CBS das Singspiel "Hit The Bottle" aus, geschrieben und komponiert von Jim Lashly, Kriegsgefangener im Stalag Luft I.

Hit the Bottle/CBS: "”That music you hear was made in Germany, but it's as American as the fourth of July. It's the song of a musical comedy "Hit the Bottle", written and produced at Barth, Germany, by American Air Force prisoners of war and given its first American performance today on "Report to the Nation".”"

New Yorker Musiker spielten es ein und die CBS sendete es in ihrer Reihe "Report to the Nation".

Hit the Bottle/CBS: "”A couple of airport officers stood outside a small base chapel at Stalag Luft I in Barth, Germany, when they are watching their maids walk in....”"

Mit Theaterabenden, Konzerten, Lektüre, Studien versuchten die "Kriegies", dem tristen und monotonen Lageralltag wenigstens zeitweise zu entrinnen.

Während die westalliierten Kriegsgefangenen ein relativ eigenverantwortetes Leben führten, sahen sich die schätzungsweise 1000 sowjetischen Kriegsgefangenen im Stalag Luft I menschenunwürdigen Haftbedingungen ausgesetzt. Der perversen Rassenideologie der Nationalsozialisten folgend, wurden sie als "bolschewistische Untermenschen" behandelt.

Martin Albrecht: "Die sowjetischen Kriegsgefangenen kamen ab 1942 wahrscheinlich zur Arbeitsdienstleistung. Sie wurden als Gefangene angestellt, um in der Küche zu arbeiten, im Toilettensektor zu arbeiten, um die Baracken für ihre alliierten Kameraden im Prinzip so ein bisschen auf Vordermann zu bringen.

Es sind also sowjetische Kriegsgefangene erschienen, die nicht in den Baracken drin waren, auch nicht in den Lager-Compounds, also den Abteilungen, sondern die in einem separaten Komplex waren, die auch nicht nur die Vergünstigungen nicht hatten, dass sie nicht hätten arbeiten müssen, so sie Offiziere waren, die auch eine ganz andere Verpflegung hatten, die also keine Rot-Kreuz-Pakete bekommen haben wie ihre englischen Kriegskameraden, und die natürlich auch insgesamt einem sehr rigideren System unterlagen. Das heißt, es gab zur selben Zeit im selben Lager mindestens zwei Klassen von Kriegsgefangenen."

Mit harten Strafen mussten westalliierte Kriegsgefangene rechnen, wenn sie versuchten, das Los der sowjetischen Gefangenen zu mildern.

Martin Albrecht: "Das war sicher möglich über ein aufmunterndes Wort oder eine Zigarette oder einen Teil der Lebensmittelversorgung des Rot-Kreuz-Paketes, was auch praktiziert worden ist. Was man sich dann zugeworfen hat, was aber nach Möglichkeit von der deutschen Lagerführung verhindert worden ist.

Also, es gab da ziemlich drakonische Strafen, die ausgesprochen worden sind, also Karzerhaft bzw. Nichtzuteilung von Rot-Kreuz-Paketen, die dann erfolgten, wenn man einem englischen oder amerikanischen Kriegsgefangenen so was nachweisen konnte, da ist man ziemlich massiv dagegen vorgegangen. Man wollte keine Solidarisierung von Ost- und Westkriegsgefangenen."

Helga Radau: "Ich bin 1996 in Kontakt gekommen mit dem Sohn eines ehemaligen deutschen Kommandanten, Oberst Scherer, der Tagebücher und Briefe seines Vaters im Nachlass eben gefunden hat und der mir Auszüge von Tagebuchaufzeichnungen und Briefen zur Verfügung gestellt hat."

Helga Radau von der Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth.

Helga Radau: "Und in einem der Briefe erwähnt der Oberst Scherer eben sowjetische Kriegsgefangene, dass sie immer frecher werden würden, seiner Meinung nach, und dass er angeordnet hat, dass Wachposten mit Schäferhunden in die Baracke gehen und die Hunde auf sie hetzen."

Seit dem Winter 1944/45 fürchteten auch jüdische Kriegsgefangene um ihr Leben. Der 86-jährige US-Veteran Milt Klarsfeld.

Milt Klarsfeld: "”Sie legten uns alle in eine Baracke. Und da habe ich wirklich Angst bekommen. Das ging auf einen Befehl Himmlers zurück, nach dem alle jüdischen Kriegsgefangenen getötet werden sollten. Wir waren so ungefähr 500 Mann, und ich glaube, das war das erste Mal, dass ich realisiert habe, was es heißt, Jude zu sein, denn eigentlich bin ich kein religiöser Mensch.

Colonel Zemke, das war der ranghöchste amerikanische Offizier, protestierte schärfstens gegen unsere Separierung und wies darauf hin, dass, nach einem Sieg der Alliierten, unsere Schlechterstellung oder sogar Tötung als Kriegsverbrechen geahndet werden würde.

Die Russen rückten von Osten her an, die Amerikaner von Westen, wir hörten die Geschütze von beiden Seiten, es war nur die Frage, wer zuerst durchbricht.""

Die Piloten wussten um die Existenz der Vernichtungslager und fürchteten bis zuletzt ihren Abtransport. Nach harten Verhandlungen mit der deutschen Lagerkommandantur Ende April 1945 weigerten sich die Kriegsgefangenen, ihre befohlene Verlegung vorzubereiten. In der Nacht zum 1. Mai setzten sich die Deutschen vor der anrückenden Roten Armee Richtung Westen ab. Die Kriegsgefangenen hatten sich de facto selbst befreit. Sie übernahmen das Lager, besetzten die Wachtürme, suchten Kontakt zur sowjetischen Armee. Helga Radau.

Helga Radau: "Es war schon am 1. Mai 1945, als eine Gruppe Kriegsgefangener aus dem Stalag Luft I zum Fliegerhorst gegangen ist, um zu sehen, ist eine Repatriierung über die Luftbrücke möglich vom Fliegerhorst aus. Und dabei sind sie eben zufällig auf diese Kasernen gestoßen, die ja das KZ dargestellt haben. Und waren entsetzt über die Zustände, über die Toten, über die vielen Todkranken und Schwachen und haben dafür gesorgt, dass sie medizinische Versorgung bekommen, dass sie in ihr Lazarett direkt Stalag Luft I Hospital gekommen sind.

Sie haben dann mit der Roten Armee, die am 2. Mai hier einmarschiert ist, haben sie dafür gesorgt, dass die Toten begraben worden sind, dass die KZ-Gebäude geräumt worden sind und haben dafür junge Männer aus Barth rekrutiert. Die dann entsetzt waren über die Zustände, über die Berge von Leichen, die sie in den Kellerräumen gefunden haben, und es wurden junge Frauen als Krankenschwestern rekrutiert, die sich um die Todkranken kümmern mussten."

Die westalliierten Kriegsgefangenen, die die Soldaten der Roten Armee als ihre Befreier freudig begrüßt hatten, warteten nun ungeduldig auf ihre Repatriierung, die schließlich am 12. Mai begann und am 14. Mai abgeschlossen war. John Bryner.

John Bryner: "Stalin wollte, dass alle Kriegsgefangenen aus dem Stalag Luft I nach Russland gebracht werden sollten, zum Schwarzen Meer, vielleicht wären einige in Sibirien gelandet oder sonst wo in Russland, aber das wollten wir nicht. Schließlich stimmten sie zu, dass Flugzeuge aus England kommen konnten, um uns aufzunehmen und zum Camp Lucky Strike zu bringen, in Le Havre, in Frankreich. So kamen wir raus.

Per Schiff ging es mit einem Dutzend anderer Kriegsgefangener dann zurück in die USA, und wir landeten an der Freiheitsstatue in New York City, am 4. Juli."

Für die sowjetischen Kriegsgefangenen hatte dagegen ein neues Martyrium begonnen. Noch einmal Helga Radau und Martin Albrecht.

Martin Albrecht: "Die Rote Armee hat aber in den ersten Tagen, als sie Barth besetzte, hat sie diese ihre Kriegsgefangenen übernommen, sie sind sehr schnell separiert worden durch ihre eigenen Leute von ihren englischen und amerikanischen Kameraden, sind dann offenbar in ein spezielles Lager gekommen, in Barth gab es auch zwei Filtrierungslager, und gingen dann den Weg vieler sowjetischer ehemaliger Kriegsgefangenen, die also ganz sicher nach Sibirien abtransportiert worden sind. Und manche haben die Kriegsgefangenschaft mit dem Leben büßen müssen. Für uns ist es schwierig, das nachzurecherchieren.

Wir haben keine Namenslisten, und wir wissen auch nur um den Sachverhalt. Wir haben aber begonnen, uns dieser Geschichte zu widmen, aber es wird eine Weile dauern. Wir haben auch Verbindung in die GUS-Staaten hinein, aber wir haben keine harten Angaben sozusagen, was mit diesen Leuten passiert ist."

Helga Radau: "Ich wusste dann aber, dass verschiedene Nationen dort vertreten waren, und ich habe dann Ende 1995 den Antrag gestellt, als Archivarin sozusagen, den Antrag an die Stadtverwaltung, diesen ersten Gedenkstein oder Gedenktafel zu entfernen und dafür einen neuen Gedenkstein einzuweihen, dessen Inschrift allen, die dort im Lager waren, gerecht wird. Auch den sowjetischen Kriegsgefangenen."

1996 wurde die Gedenktafel im Beisein ehemaliger Kriegsgefangener und von Mitarbeitern der US-amerikanischen, kanadischen, australischen und russischen diplomatischen Vertretungen eingeweiht. Seit 2004 ergänzt eine Informationsstele auf dem Gelände der Gedenkstätte die Geschichte des Stalag Luft I. Rund 60 Jahre nach dem Sieg der Anti-Hitler-Koalition hatte man ein Zeichen gegen die Geschichtsklitterung gesetzt.

Heute informiert auch eine Dauerausstellung in den Räumen der Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth über das KZ-Außenlager und das Stalag Luft I. Die 29jährige Audrey, deren Großvater wie Milt Klarsfeld und John Bryner als "Kriegie" im Stalag Luft I inhaftiert war.

Audrey: "”Ich glaube nicht, dass ich die Erfahrungen meines Großvaters jetzt besser verstehe, aber vieles ist mir nähergebracht worden. Ich ging durch das Gras, durch das er ging, blickte von der Gedenkstätte aus auf die Stadt, so wie er damals. Auch wenn es hier keine Baracken mehr gibt und keine Wachtürme, sondern nur noch ein paar Zäune, die gepflanzten Bäume und die Gedenktafeln, kann man sich doch zusammen mit der Ausstellung ein gutes Bild von dem damaligen Kriegsgefangenenlager machen.

Ich finde es gut, wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht, mit dem Krieg, gerade auch im Unterschied zu Amerika, wo niemand über die Sklaverei spricht oder über andere schlimme Sachen, die in der Vergangenheit passiert sind, man schiebt sie einfach weg. Es ist besser so, wie es hier gemacht wird, dass man sich dazu bekennt und sagt: Lasst uns daraus lernen und daran wachsen.""