Aus Scham entsteht kein Erinnern
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Gesellschaften sind stark, wenn sie eine Erinnerungskultur haben, sagt der Konfliktforscher Andreas Zick. Eine neue Studie der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" zeigt, dass die Angst vor Zivilisationsbrüchen größer ist als angenommen.
Eine neue Studie zur Erinnerungskultur der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) betont die hohe Bedeutung von Erinnerungsorten, Schulen, Zeitzeugen und Internet. Die wichtigste Quelle für das Begreifen von Geschichte seien über alle Generationen hinweg Augenzeugenberichte gewesen, sagte Studienleiter Andreas Zick im Deutschlandfunk Kultur. Doch diese Quellen verschwänden nun, betonte der Konfliktforscher. Medien und das Internet lösten sie ab.
Für das Internet müsse man neue Formate finden, die vor allem junge Menschen ansprächen, sagte Zick. Dazu müsse man aber noch mehr wissen, was und wie im Netz gesucht werde. Auch die Rolle der Familien beleuchtete Zick: Dort wurde und wird nach wie vor weitgehend geschwiegen, sagte er. Deswegen seien auch Gedenkstätten ungeheuer wichtig. Die Besucherzahlen dort sind laut dem Konfliktforscher stark angestiegen.
Sensibel für die Probleme der Gegenwartsgesellschaft
"Wir brauchen die Erinnerungskultur bei jedem einzelnen Bürger", sagte Zick. "Wer wir sind, dazu gehört auch eine Antwort auf die Frage, wo wir herkommen." Gesellschaften seien stark, "wenn sie eine Kultur der Erinnerung haben", betonte er: "Auch an Verbrechen, auch an Vernichtung und Vertreibung". Das mache sensibel für die Probleme der Gegenwartsgesellschaft. Aus der Scham heraus entstehe allerdings kein Erinnern, so Zick. Scham erzeuge vielmehr Verdrängen.
Was ihn und die anderen Forscher überrascht habe, sei die große Sorge, die Verbrechen der Nationalsozialisten könnten sich wiederholen, berichtete Zick. Bei einer repräsentativen Untersuchung hätten knapp die Hälfte der Befragten Angst geäußert, dass es ein Ereignis wie den Holocaust noch einmal geben könnte.
(ahe)