Theater-Irrfahrt durch das Ruhrgebiet
Sechs europäische Dramatiker bringen die "Odyssee" im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres RUHR 2010 auf die Bühne. Um die sechsteilige Inszenierungsreihe komplett zu sehen, muss sich das Publikum an zwei Tagen auf eine Reise zu den Spielstätten in Dortmund, Bochum, Essen, Moers, Mülheim und Oberhausen begeben.
"Odysseus!" Sanft säuselt der Ruf in hoher Frauenstimmlage durch das Essener Grillo-Theater. Der listenreiche Held und gewissenlose Städtezerstörer liegt am Boden. Über ihm steht ein seltsames Wesen, das mit seinen glatten, pechschwarzen Haaren und eckigen Augenbrauen wie ein Vulkanier aus dem Star-Trek-Universum aussieht.
Mit dem Stück "Areteia" des polnischen Theatermachers Grzegorz Jarzyna beginnt die "Odyssee Europa", eine Reise durch das Ruhrgebiet mit Halt an den sechs dort ansässigen Schauspielhäusern. Die Theater haben bekannte Autoren aus verschiedenen Ländern beauftragt, den antiken Mythos neu zu erzählen. Es ist das bedeutendste Theaterprojekt zur Kulturhauptstadt RUHR 2010. Sehr unterschiedliche Aufführungen sind dabei heraus gekommen.
Die Bühnenirrfahrt beginnt mit dem Ende des Epos. Odysseus kommt nach Hause. Wie ein Geist durchwandert er sein Reich, schaut den Freiern seiner Frau Penelope (Katarzyna Herman) beim Feiern zu, greift erst langsam ins Geschehen ein. Ein Gitarrist spielt auf der Party wummernde, basslastige Stücke. Grzegorz Jarzyna schafft eine surreale Atmosphäre, die an einen Film David Lynchs erinnert. Polnische Schauspieler verkörpern die Götter, die mit verfremdeten Stimmen ihrem Leiden Ausdruck geben, dass die Menschen sie nicht mehr ernst nehmen. Penelope ist eine ihrer Töchter und damit neben Odysseus die einzige, die sich in beiden Welten bewegt.
Andreas Grothgar zeigt einen nachdenklichen, gefährlich ruhigen Kämpfer, in dessen Inneren Gefühlsstürme toben. Geradezu selbstverständlich tötet er, es ist Alltag für ihn. Odysseus will es nicht, aber er tut es automatisch. Seinen Sohn Telemach (KrUNOslav Sebrek) zieht er in sein Morden mit hinein. "Areteia" ist kein starker Text, aber eine faszinierende Inszenierung, voller Spannung in den Dialogen, mit albtraumhaften Bildern. Und weil auch Odysseus' Vater (Dietrich Mattausch) eine große Rolle spielt, geht es gleich zweimal um Sehnsüchte und Konflikte zwischen Vater und Sohn.
Die Reisen zwischen den Aufführungen sollen Erlebnisse für sich sein, Irrfahrten durch eine Zwischenwelt. "Wegbegleiter" führen kleine Gruppen an verschiedene Orte, in die Hattinger Innenstadt, zum Musiktheater im Revier, durchs Bochumer Bermudadreieck. Meine Gruppe marschierte in die langsamste Baguetterie des Ruhrgebietes, wo muffelige Menschen über eine Stunde brauchten, um zwölf belegte Brote zuzubereiten. Dann ging es per Taxi über die dauerüberfüllte A 40 ins Bochumer Schauspielhaus, wo "Der elfte Gesang" von Roland Schimmelpfennig auf dem Plan stand.
Odysseus begegnet den vielen Toten, die er auf seinen Wegen zurück gelassen hat. Viele Texte stammen aus Homers "Odyssee" in der deutschen Übersetzung von Johann Heinrich Voß. Schimmelpfennig legt sie heutigen Alltagsmenschen in die Münder und ermöglicht Überblendungen, Kontraste, Reibungen. Diese Angebote nimmt die Regisseurin Lisa Nielebock nicht an. Sie lässt die Texte in einem Holzkasten aufsagen und die Regieanweisungen Schimmelpfennigs auf die Wand projizieren.
Vielleicht wollte sie die Arbeitsweise ihrer hervor ragenden "Penthesilea"-Inszenierung anwenden, in der die Schauspieler aus der Sprache heraus klare Bilder und Haltungen fanden. Das gelingt diesmal nicht, obwohl Margit Carstensen und Heiner Stadelmann als Teiresias intensive Momente haben. Aber Wolfgang Michael ist als schlaffer Odysseus, gebeugt von bittere Selbstironie, müde und verbraucht, viel zu eintönig. Ein großer Teil des Publikums schlief, die langweilige Aufführung war der Tiefpunkt der Odyssee.
Zwischenwelt II: Erst drängelte sich das Publikum in einen Linienbus, dann ging es per Partyschiff mit Schlagermusik und deftigem Essen über den Rhein-Herne-Kanal nach Oberhausen. Leider sah man wenig von der Landschaft, bekam aber mit, dass es auf diesem Kanal viele Schleusen gibt. Dann wieder Theater: Eine extrem laute Hupe macht dem Publikum klar, dass in Enda Walshs "Penelope" an Schlafen nicht zu denken ist.
Zumindest nicht in Tilman Knabes lauter, trashiger Uraufführung. Die Freier leben im Dreck, ein leerer Swimmingpool ist zum kleinen Slum geworden. Wenn die Hupe ertönt, gehen die Männer sofort in Hab-Acht-Stellung und schauen, ob sie vor eine Kamera eilen und ihre Liebeserklärungen performen müssen. Torsten Bauer, Hartmut Stanke, Peter Waros und Michael Witte sind aufopferungsvolle Männertrümmer in Unterhosen. In ihren hysterischen Monologen liegt tiefe Verzweiflung. Ihre Hoffnungslosigkeit ist berechtigt, denn Penelope ist eine zynische, mit Schmuck behängte Schlampe, die sich einen Spaß daraus macht, ihre Verehrer zu quälen.
Der zweite Tag beginnt in Moers. Endlich einmal stellt sich eine Aufführung dem Märchenhaften und Fantastischen des Epos. Emine Sevgi Özdamar erzählt in "Perkizi" von einer jungen Frau, die aus der Türkei nach Europa reist und Schauspielerin werden will. Der Mutterfluch begleitet sie ebenso wie eine Reihe aufdringlicher Toter, die sie nicht in Ruhe lassen.
Dieser weibliche Odysseus fällt in Europa unter die Barbaren, wird Opfer eines zynischen Arbeitsdrills und engstirniger Türken, die in als Hühner und Schweine auftreten. Ulrich Grebs Inszenierung führt in ein garstiges Wunderland mit energiegeladener türkischer Livemusik und grotesken Bildern. Das Publikum wandert mit durch die Halle, nimmt auf alten Pritschen Platz, wird davon vertrieben, krabbelt durch ein Loch in der Wand in den Hades. Nachdem Perikizi brutal von Wölfen ermordet worden ist.
Wie die grandiose junge Schauspielerin Katja Stockhausen lange nackt mitten unter den Zuschauern auf dem kalten Boden der Theaterhalle liegt, ist ein hartes, schwer erträgliches Bild. In der Unterwelt gerät sie wieder in die Fänge ihrer Verwandtschaft und wird verheiratet. Die fröhliche Feier hat sehr bittere Untertöne. Das von Schließung bedrohte Schlosstheater Moers liefert die vitalste Aufführung der "Odyssee".
Die komplexeste gibt es gleich danach in Mülheim. Das Theater an der Ruhr zeigt "Sirenengesang" des Ungarn Peter Nadás, ein großes Gedicht, das keine bestimmte theatrale Umsetzung vorgibt. Roberto Ciulli findet zunächst ein starkes Bild. Junge Männer stehen an Spielautomaten, aus denen seltsame Botschaften tönen. "Töten ist gut, gut", zum Beispiel. "Es wäre ein großer Fehler, das Töten zu verbieten." Es folgen viele rätselhafte Bilder, denen die Bodenhaftung verloren geht, die im atmosphärischen Irgendwo stecken bleiben.
Vielleicht ist man aber auch bloß mit dieser Aufführung an einem so übervollen Wochenende einfach überfordert. Am Ende bringen die Söhne des Odysseus drei junge Frauen um und spritzen die blutbesudelten Körper mit Wasserschläuchen ab. Die Sirenen schweigen, die Söhne sind wie ihr abwesender Vater zu Mördern geworden.
Nach einer Busfahrt und einem opulenten Gastmahl geht es zum Finale ins Dortmunder Schauspiel. Der Romancier Christoph Ransmayr hat nach langer Zeit mal wieder ein Theaterstück geschrieben, dass wie viele andere Texte den Irrfahrer anklagt. Hier liegt die These schon im Titel: "Odysseus, Verbrecher". Viele und manche ziemlich flauen Scherze ziehen sich durch den Text, doch Michael Gruners Inszenierung hebt das Stück auf eine andere Ebene. In einem weißen Bühnenkasten, der von Bühnenarbeitern gedreht und herum geschoben wird, agieren die Schauspieler mit Masken, auf Kothurnen und Stelzen. Gruner zitiert Mittel des antiken Theaters, wendet sie aber ganz heutig an, um eine Wechselwirkung aus Groteske und emotionaler Konzentration zu erzielen.
Jakob Schneider spielt Odysseus mit vielschichtig gebrochenen Tönen und klarer Stilisierung. Seine Mordopfer sitzen als Chor in Unterhosen am Bühnenrand und singen in extremen Tonlagen – tiefster Bass und Falsett – verfremdete Schubert-Lieder. Ransmayr erzählt im Kern die gleiche Geschichte wie Grzegorz Jarzyna zu Beginn der Reise, aber auf eine ganz andere Art.
Die Ruhrgebietstheater zeigen auf der "Odyssee Europa" ihre Vielfalt und Leistungskraft. Eine Verbindung zwischen den Aufführungen und den Fahrten und Gängen in die "Zwischenwelt", die das Raumlabor Berlin gestaltet hat, stellt sich allerdings nicht ein. Es hätte verbindende Motive zwischen den Inszenierungen gegeben, doch diese Möglichkeiten blieben ungenutzt. Am Ende hat dann doch wieder jeder vor sich hin gewurstelt.
So wirkt die "Odyssee Europa" wie ein spannender erster Schritt, der inhaltlich wie ästhetisch weiter geführt werden könnte. Wenn nicht in naher Zukunft statt Homers Gesängen nur noch kulturpolitische Abgesänge die Ruhrgebietstheater erfüllen. Zwei der sechs Schauspielhäuser sind akut in ihrer Existenz gefährdet.
Service:
Internetseite zum Projekt
Termine: 6./7., 13./14. März 2010, 2./3. April 2010, 22./23. Mai 2010
Karten: 0180 – 515 2010
Mit dem Stück "Areteia" des polnischen Theatermachers Grzegorz Jarzyna beginnt die "Odyssee Europa", eine Reise durch das Ruhrgebiet mit Halt an den sechs dort ansässigen Schauspielhäusern. Die Theater haben bekannte Autoren aus verschiedenen Ländern beauftragt, den antiken Mythos neu zu erzählen. Es ist das bedeutendste Theaterprojekt zur Kulturhauptstadt RUHR 2010. Sehr unterschiedliche Aufführungen sind dabei heraus gekommen.
Die Bühnenirrfahrt beginnt mit dem Ende des Epos. Odysseus kommt nach Hause. Wie ein Geist durchwandert er sein Reich, schaut den Freiern seiner Frau Penelope (Katarzyna Herman) beim Feiern zu, greift erst langsam ins Geschehen ein. Ein Gitarrist spielt auf der Party wummernde, basslastige Stücke. Grzegorz Jarzyna schafft eine surreale Atmosphäre, die an einen Film David Lynchs erinnert. Polnische Schauspieler verkörpern die Götter, die mit verfremdeten Stimmen ihrem Leiden Ausdruck geben, dass die Menschen sie nicht mehr ernst nehmen. Penelope ist eine ihrer Töchter und damit neben Odysseus die einzige, die sich in beiden Welten bewegt.
Andreas Grothgar zeigt einen nachdenklichen, gefährlich ruhigen Kämpfer, in dessen Inneren Gefühlsstürme toben. Geradezu selbstverständlich tötet er, es ist Alltag für ihn. Odysseus will es nicht, aber er tut es automatisch. Seinen Sohn Telemach (KrUNOslav Sebrek) zieht er in sein Morden mit hinein. "Areteia" ist kein starker Text, aber eine faszinierende Inszenierung, voller Spannung in den Dialogen, mit albtraumhaften Bildern. Und weil auch Odysseus' Vater (Dietrich Mattausch) eine große Rolle spielt, geht es gleich zweimal um Sehnsüchte und Konflikte zwischen Vater und Sohn.
Die Reisen zwischen den Aufführungen sollen Erlebnisse für sich sein, Irrfahrten durch eine Zwischenwelt. "Wegbegleiter" führen kleine Gruppen an verschiedene Orte, in die Hattinger Innenstadt, zum Musiktheater im Revier, durchs Bochumer Bermudadreieck. Meine Gruppe marschierte in die langsamste Baguetterie des Ruhrgebietes, wo muffelige Menschen über eine Stunde brauchten, um zwölf belegte Brote zuzubereiten. Dann ging es per Taxi über die dauerüberfüllte A 40 ins Bochumer Schauspielhaus, wo "Der elfte Gesang" von Roland Schimmelpfennig auf dem Plan stand.
Odysseus begegnet den vielen Toten, die er auf seinen Wegen zurück gelassen hat. Viele Texte stammen aus Homers "Odyssee" in der deutschen Übersetzung von Johann Heinrich Voß. Schimmelpfennig legt sie heutigen Alltagsmenschen in die Münder und ermöglicht Überblendungen, Kontraste, Reibungen. Diese Angebote nimmt die Regisseurin Lisa Nielebock nicht an. Sie lässt die Texte in einem Holzkasten aufsagen und die Regieanweisungen Schimmelpfennigs auf die Wand projizieren.
Vielleicht wollte sie die Arbeitsweise ihrer hervor ragenden "Penthesilea"-Inszenierung anwenden, in der die Schauspieler aus der Sprache heraus klare Bilder und Haltungen fanden. Das gelingt diesmal nicht, obwohl Margit Carstensen und Heiner Stadelmann als Teiresias intensive Momente haben. Aber Wolfgang Michael ist als schlaffer Odysseus, gebeugt von bittere Selbstironie, müde und verbraucht, viel zu eintönig. Ein großer Teil des Publikums schlief, die langweilige Aufführung war der Tiefpunkt der Odyssee.
Zwischenwelt II: Erst drängelte sich das Publikum in einen Linienbus, dann ging es per Partyschiff mit Schlagermusik und deftigem Essen über den Rhein-Herne-Kanal nach Oberhausen. Leider sah man wenig von der Landschaft, bekam aber mit, dass es auf diesem Kanal viele Schleusen gibt. Dann wieder Theater: Eine extrem laute Hupe macht dem Publikum klar, dass in Enda Walshs "Penelope" an Schlafen nicht zu denken ist.
Zumindest nicht in Tilman Knabes lauter, trashiger Uraufführung. Die Freier leben im Dreck, ein leerer Swimmingpool ist zum kleinen Slum geworden. Wenn die Hupe ertönt, gehen die Männer sofort in Hab-Acht-Stellung und schauen, ob sie vor eine Kamera eilen und ihre Liebeserklärungen performen müssen. Torsten Bauer, Hartmut Stanke, Peter Waros und Michael Witte sind aufopferungsvolle Männertrümmer in Unterhosen. In ihren hysterischen Monologen liegt tiefe Verzweiflung. Ihre Hoffnungslosigkeit ist berechtigt, denn Penelope ist eine zynische, mit Schmuck behängte Schlampe, die sich einen Spaß daraus macht, ihre Verehrer zu quälen.
Der zweite Tag beginnt in Moers. Endlich einmal stellt sich eine Aufführung dem Märchenhaften und Fantastischen des Epos. Emine Sevgi Özdamar erzählt in "Perkizi" von einer jungen Frau, die aus der Türkei nach Europa reist und Schauspielerin werden will. Der Mutterfluch begleitet sie ebenso wie eine Reihe aufdringlicher Toter, die sie nicht in Ruhe lassen.
Dieser weibliche Odysseus fällt in Europa unter die Barbaren, wird Opfer eines zynischen Arbeitsdrills und engstirniger Türken, die in als Hühner und Schweine auftreten. Ulrich Grebs Inszenierung führt in ein garstiges Wunderland mit energiegeladener türkischer Livemusik und grotesken Bildern. Das Publikum wandert mit durch die Halle, nimmt auf alten Pritschen Platz, wird davon vertrieben, krabbelt durch ein Loch in der Wand in den Hades. Nachdem Perikizi brutal von Wölfen ermordet worden ist.
Wie die grandiose junge Schauspielerin Katja Stockhausen lange nackt mitten unter den Zuschauern auf dem kalten Boden der Theaterhalle liegt, ist ein hartes, schwer erträgliches Bild. In der Unterwelt gerät sie wieder in die Fänge ihrer Verwandtschaft und wird verheiratet. Die fröhliche Feier hat sehr bittere Untertöne. Das von Schließung bedrohte Schlosstheater Moers liefert die vitalste Aufführung der "Odyssee".
Die komplexeste gibt es gleich danach in Mülheim. Das Theater an der Ruhr zeigt "Sirenengesang" des Ungarn Peter Nadás, ein großes Gedicht, das keine bestimmte theatrale Umsetzung vorgibt. Roberto Ciulli findet zunächst ein starkes Bild. Junge Männer stehen an Spielautomaten, aus denen seltsame Botschaften tönen. "Töten ist gut, gut", zum Beispiel. "Es wäre ein großer Fehler, das Töten zu verbieten." Es folgen viele rätselhafte Bilder, denen die Bodenhaftung verloren geht, die im atmosphärischen Irgendwo stecken bleiben.
Vielleicht ist man aber auch bloß mit dieser Aufführung an einem so übervollen Wochenende einfach überfordert. Am Ende bringen die Söhne des Odysseus drei junge Frauen um und spritzen die blutbesudelten Körper mit Wasserschläuchen ab. Die Sirenen schweigen, die Söhne sind wie ihr abwesender Vater zu Mördern geworden.
Nach einer Busfahrt und einem opulenten Gastmahl geht es zum Finale ins Dortmunder Schauspiel. Der Romancier Christoph Ransmayr hat nach langer Zeit mal wieder ein Theaterstück geschrieben, dass wie viele andere Texte den Irrfahrer anklagt. Hier liegt die These schon im Titel: "Odysseus, Verbrecher". Viele und manche ziemlich flauen Scherze ziehen sich durch den Text, doch Michael Gruners Inszenierung hebt das Stück auf eine andere Ebene. In einem weißen Bühnenkasten, der von Bühnenarbeitern gedreht und herum geschoben wird, agieren die Schauspieler mit Masken, auf Kothurnen und Stelzen. Gruner zitiert Mittel des antiken Theaters, wendet sie aber ganz heutig an, um eine Wechselwirkung aus Groteske und emotionaler Konzentration zu erzielen.
Jakob Schneider spielt Odysseus mit vielschichtig gebrochenen Tönen und klarer Stilisierung. Seine Mordopfer sitzen als Chor in Unterhosen am Bühnenrand und singen in extremen Tonlagen – tiefster Bass und Falsett – verfremdete Schubert-Lieder. Ransmayr erzählt im Kern die gleiche Geschichte wie Grzegorz Jarzyna zu Beginn der Reise, aber auf eine ganz andere Art.
Die Ruhrgebietstheater zeigen auf der "Odyssee Europa" ihre Vielfalt und Leistungskraft. Eine Verbindung zwischen den Aufführungen und den Fahrten und Gängen in die "Zwischenwelt", die das Raumlabor Berlin gestaltet hat, stellt sich allerdings nicht ein. Es hätte verbindende Motive zwischen den Inszenierungen gegeben, doch diese Möglichkeiten blieben ungenutzt. Am Ende hat dann doch wieder jeder vor sich hin gewurstelt.
So wirkt die "Odyssee Europa" wie ein spannender erster Schritt, der inhaltlich wie ästhetisch weiter geführt werden könnte. Wenn nicht in naher Zukunft statt Homers Gesängen nur noch kulturpolitische Abgesänge die Ruhrgebietstheater erfüllen. Zwei der sechs Schauspielhäuser sind akut in ihrer Existenz gefährdet.
Service:
Internetseite zum Projekt
Termine: 6./7., 13./14. März 2010, 2./3. April 2010, 22./23. Mai 2010
Karten: 0180 – 515 2010