"Tuberkulose" von John Green

Eine heilbare Krankheit – und trotzdem tödlich

04:55 Minuten
Tuberkulose von John Green
© Hanser Literaturverlag

John Green

Sophie Zeitz

Tuberkulose: Es ist Zeit, die tödlichste Infektion der Welt zu besiegenCarl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2025

224 Seiten

24,00 Euro

Von Volkart Wildermuth |
Audio herunterladen
Jährlich sterben über eine Million Menschen an Tuberkulose – mehr als an Malaria, Typhus und Krieg zusammen. In „Die stille Pandemie“ macht John Green deutlich: Schuld ist nicht das Bakterium, sondern wir Menschen selbst.
John Green ist erfolgreicher Buchautor und Videoblogger - ein sehr engagierter. Seine Themen reichen weit: Umwelt, Menschheitsgeschichte und jetzt Tuberkulose. Seit er Henry in einem Hospital in Sierra Leone begegnet ist, ist das so. John Green hält den Jungen bei der ersten Begegnung für ein Kind, dabei war er damals 16 Jahre alt. Aber die Tuberkulose hatte sein Wachstum verlangsamt. Der Jugendliche ist trotzdem fröhlich, wissbegierig, gleichzeitig bekommt er kaum Luft, denn seine Lunge ist schon angegriffen. „Mein ganzes Universum war zu einem Krankenhauszimmer geschrumpft", sagt der Junge. Würde er in den USA oder in Deutschland leben, wäre er längst geheilt.
Henry ist einer von etwa 10,8 Millionen Menschen, die an Tuberkulose erkrankt sind. 1,3 Millionen von ihnen sterben. Jährlich! Unglaubliche Zahlen, denen John Green durch Henrys Geschichte ein Gesicht gibt. John Green hat mit Henrys Mutter geredet, die ihren Laden verliert, weil die Behandlungen so teuer sind. Er erzählt von Henrys Hunger, als die Therapie anschlägt und sein Appetit wiederkommt und die Krankenhausessensrationen nicht ausreichen. Und Green beschreibt, wie der Vater, der seinen scheinbar gesunden Jungen nach Hause holt und damit den Bakterien Gelegenheit gibt, resistent zu werden.

Wenn Heilung eine Frage des Geldes ist

John Green erzählt spannend von der Geschichte der Tuberkulose, einer Krankheit, die immer auch von den gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt wurde. Lange konnte man den Infizierten nur Ruhe empfehlen (Stichwort Zauberberg). Die entscheidende Wende brachte die Entdeckung des Tuberkelbazillus durch Robert Koch. Seine eigenen Therapieideen versagten, aber französische Forschende entwickelten den ersten wirksamen Impfstoff und die ersten Medikamente.
Bei Tuberkulose müssen mehrere nebenwirkungsreiche Antibiotika parallel über Monate hinweg strikt eingenommen werden. Eine schwierige, langwierige Therapie. Trotzdem verschwand die Tuberkulose aus den reichen Ländern. In Sierra Leone ist das anders: Für Henry sind die Medikamente zu teuer, die Medikation zu schwer anzuwenden. Ein Skandal. John Green würde gerne sehen, wie die Pharmafirmen Henrys Mutter ins Gesicht sagen, dass ein „überwiegend von öffentlichen Geldern finanziertes Medikament für die schwächsten Mitglieder der Öffentlichkeit unbezahlbar ist“.

Internationale Hilfen schrumpfen – Tuberkulosezahlen steigen

Öffentlicher Druck, auch durch die von John Green ins Leben gerufenen TB-Fighters, hat inzwischen dafür gesorgt, dass die Medikamente auch in Sierra Leone erhältlich sind. „Es war wie Magie“, beschreibt Henrys Arzt ihre Wirkung. Heute studiert Henry und betreibt einen erfolgreichen Videoblog.
Mehr als 1,5 Millionen hatten vergangenes Jahr nicht so viel Glück, konstatiert die Weltgesundheitsorganisation und warnt, dass die Zahlen dieses Jahr wahrscheinlich weiter steigen. Denn die internationalen Hilfen aus den USA, aber auch aus Europa werden zurückgefahren. „Eine vermeidbare, heilbare Infektionskrankheit bleibt eine unserer tödlichsten“, beklagt John Green: „Das ist die Welt, für die wir uns zurzeit entscheiden.“ Der Autor lässt dem keinen flammenden Appell folgen. Sein Buch stellt schlicht die Lage dar. Die Lesenden sollen ihre eigenen Schlüsse draus ziehen. Henrys Schicksal und John Greens einfühlsamer wie auch informativer Schreibstil haben aber das Potenzial, viele zum Nachdenken und noch besser zum Handeln zu bewegen.
Mehr zum Thema Gesundheit