Vom tiefen Fall eines Opportunisten

Am 9. April 1991 nimmt Friedrich Voss sein Jagdgewehr aus dem Schrank. Er geht in die Garage und schießt sich eine Kugel in den Kopf. Vor kurzem war er noch der Ärztliche Direktor im Krankenhaus einer kleinen Stadt, ein Chefarzt, wie er im Buche steht, herrisch und cholerisch, ein Genießer und Aufreißer. Jetzt liegt er als Leiche am Boden.
Ralph Hammerthaler erzählt in einem weiten Bogen vom Sturz dieses Friedrich Voss. Er lässt Söhne und Freunde, Bewunderer und Konkurrenten des Chefarztes auftreten, um so ein Panorama des DDR-Städtchens S. aufzufächern, einer Stadt an der Ostsee, unweit der Grenze zum Westen.

Von der Gegenwart des Jahres 2008 aus springt der Roman immer wieder zurück in die Geschichte, bis in die 50er-Jahre. Aus diesen Erinnerungssplittern entsteht ein sehr widersprüchliches Bild des Friedrich Voss. Aus Jux verabredet er sich mit einem Freund zur Republikflucht, zum Wettschwimmen über die Ostsee, bis hinüber nach Fehmarn. Natürlich schwimmen sie nie los, weil sie von den Patrouillenbooten draußen wissen. Die andere Seite des Friedrich Voss: Er geht in die Partei, weil er sonst nie den Job als Ärztlicher Direktor kriegen würde, er knüpft enge Verbindungen zur Parteispitze und zur Staatssicherheit. Diese Verbindungen kosten ihn 1990 den Job, es gibt genug Leute im Krankenhaus, die im selbstherrlichen Friedrich Voss einen roten Bonzen sehen und ihn loswerden wollen.

Dieser DDR-Chefarzt lässt sich nicht einfach als Täter oder als Opfer einsortieren. Auch im Privaten halten sich bei ihm sympathische und widerliche Züge die Waage. Eine seiner schwersten Niederlagen erlebt er, als seinem Sohn Hermann an der Schule die Nerven durchgehen. In einer Klassenversammlung tituliert er den FDJ-Agitator eine "Kommunistensau". Er soll von der Schule fliegen, was sein Vater mit diskreten Telefonaten verhindern will. Durch direkte Gespräche mit den entscheidenden Funktionären hat er schon oft ähnliche Konflikte befriedet. Hier aber scheitert Friedrich Voss, sein Opportunismus ist unwirksam geworden. Der Sohn Hermann fliegt von der Schule, in einem Akt von Sippenhaft kann auch der zweite Sohn Martin kein Abitur machen. Das sind Brüche in ihrem Leben, von denen sie sich bis in die Gegenwart nicht erholen.

Ralph Hammerthalers Roman wird interessant durch die Vielfalt an Personen und Zeiten, durch die sich die Erzählung bewegt. Der Westdeutsche Hammerthaler begibt sich tief hinein in die Uneindeutigkeiten seiner ostdeutschen Figuren, er hat dabei keine Scheu vor drastischen und derben Elementen, das gibt diesem Roman einen rustikalen, etwas altmodischen Charme. Immer näher rückt beim Lesen eine Figur, Hermann Voss, der sich am Ende als Erzähler des ganzen Romans herausstellt. Seine Suche nach dem toten Vater, nach den Motiven hinter seinem Sturz, ist der stille, starke Motor dieses Buches.

Besprochen von Frank Meyer.

Ralph Hammerthaler: "Der Sturz des Friedrich Voss"
Dumont Verlag, Köln 2010, 239 Seiten, 18,95 Euro