Vorurteile statt Verständnis

Von Ruth Kirchner |
Zu Maos Zeiten, als man in der Volksrepublik noch einen neuen Menschen erschaffen wollte, war in Chinas Gesellschaft für Homosexualität kein Platz. Gleichgeschlechtliche Sexualkontakte galten als Straftat, die als "Rowdytum" verurteilt wurden. Erst 2001 strich Chinas Psychatrieverband Homosexualität von der offiziellen Liste der Geisteskrankheiten. Bis dahin hatte man Schwule und Lesben einfach in Anstalten gesperrt.
Mit Chinas Öffnung entspannte sich die Situation, es gibt Bars, in denen sich Schwule und Lesben treffen, andere verabreden sich über Internetforen. Doch trotz der staatlichen Duldung ist Homosexualität immer noch ein Tabu. Fast niemand bekennt sich öffentlich dazu, obwohl es laut Experten etwa 30 Millionen Homosexuelle in China gibt. Viele gehen auch heute noch Scheinehen ein, um dem familiären Druck zu entfliehen.

Das "Vinyl-Café" in der Gulou-Straße im Zentrum Pekings. Das kleine Café wirkt auf den ersten Blick wie die anderen trendigen Bars in dem beliebten Ausgehviertel am historischen Glockenturm. Einfache Tische und Stühle, Musik, man trinkt Cappuccino. Das Publikum ist jung, gibt sich cool und abgeklärt.

Erst auf den zweiten Blick fällt auf: Im Vinyl treffen sich fast nur junge Männer. Was man sonst in Peking in der Öffentlichkeit fast nie sieht, ist hier möglich: Händchen-Halten unter Männern, eine Umarmung, sogar ein offener Kuss. Im Vinyl muss sich keiner verstecken.

Unter den Stammgästen ist auch der junge Dong Dong. Im Vinyl trifft er seine Freunde, hier kann er sein wie er ist, sagt er. Dong Dong ist nicht sein echter Name. Wie alle Homosexuellen in diesem Bericht benutzt er ein Pseudonym. Dong Dong ist 26, er hat in Peking studiert, arbeitet bei einer Computerfirma. Er ist ein typischer junger Großstadtchinese.

Hinter seiner modischen Brille blitzen hellwache Augen. Er ist intelligent, erfolgreich. Doch außerhalb seines engsten Freundeskreises weiß niemand, dass er schwul ist. Ein "Coming Out" gegenüber seiner Familie oder am Arbeitsplatz wäre für ihn undenkbar.

Dong Dong: "”In bin in einer kleinen Stadt in Westchina groß geworden, dort kennt jeder jeden. Jeder bei uns in der Straße kennt meine Familie. Ich war immer der ganz Stolz meiner Eltern, während der Schule, im Studium, jetzt bei der Arbeit. Sie haben große Erwartungen in mich - was meine Karriere aber auch was mein Leben angeht. Sie erwarten, dass ich ein normales, glückliches Leben führe anstatt mich vom Mainstream zu entfernen.""

So wie Dong Dong geht es fast allen jungen Männern, die an diesem Abend ins Vinyl-Café gekommen sind. Kaum einer hat seinen Eltern erzählt, dass er schwul ist. Hier oder im Internet sprechen sie offen über ihre Homosexualität, überall sonst verstecken sie sich. Sie haben Angst vor der Reaktion ihrer Umwelt, fürchten sich, ihre Familien zu enttäuschen, die meist viel in ihr einziges Kind investiert haben.

Dabei hat sich in China, gerade in Metropolen wie Peking, in den letzten Jahren eine ganze Menge geändert. Es gibt Bars wie das Vinyl und sogar ein privates Beratungszentrum für Schwule und Lesben. Seit 1997 ist Homosexualität nicht mehr illegal. Seit zehn Jahren gilt gleichgeschlechtliche Liebe in China nicht mehr als Geisteskrankheit, werden Schwule offiziell nicht mehr in einem Atemzug mit psychisch Kranken genannt, mit Drogenabhängigen oder Spielsüchtigen. Aber die Einstellungen gegenüber Schwulen und Lesben ändern sich nur ganz langsam, sagt Li Yinhe, bekannte Soziologin an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften.

Li Yinhe: "Der Druck ist immer noch da. Und die Diskriminierung. Personen des öffentlichen Lebens bekennen sich nie zu ihrer Homosexualität. Auch sie haben Angst vor dem Druck. Auf dem Land oder als Arbeiter in einer Fabrik gilst Du als abartig, wenn Du zugibst, dass Du schwul oder lesbisch bist. Die Leute machen Dir dann das Leben schwer."

China ist eine säkulare Gesellschaft. Anders als beispielsweise in den USA hat die Ablehnung von Homosexuellen mit Religion nichts zu tun. Im Reich der Mitte sind es andere kulturelle Werte, die die Akzeptanz von Schwulen und Lesben verhindern. Zum einen ist Sexualität ein Tabuthema. Zum anderen ist der Druck auf junge Menschen, eine eigene Familie zu gründen, in China besonders groß.

Li Yinhe: "Die größte Schwierigkeit, der größte Druck entsteht durch die Bedeutung der Familie in der chinesischen Kultur. Es geht um das Fortführen des Stammbaums. Gerade auf dem Land spielt das eine große Rolle. Man muss heiraten und Kinder bekommen. Homosexuelle können nicht heiraten, können keine Kinder haben. Das gilt als nicht akzeptabel. Daher kommt der Druck."

Dong Dong kann ein Lied davon singen. Seine Eltern drängeln, dass er doch endlich heiraten soll. Jedes Mal, wenn er nach Hause fährt, arrangieren die Eltern Rendezvous mit heiratsfähigen jungen Frauen. Für Dong Dong sind die "Blind Dates" eine endlose Qual.

Dong Dong: "Sie machen mehr und mehr Druck, weil ich doch schon 26 bin. Bei mir zuhause heiratet man mit 22. Die Kinder meiner jüngeren Cousins sind bereits drei oder vier Jahre alt. Jedes Mal, wenn meine Mutter anruft, fragt sie mich, ob ich eine Freundin habe. Sie hat versucht, mich mit einem Mädchen aus meinem Heimatort in Kontakt zu bringen, die in Peking studiert.

Sie wollte ihr sogar ein teures iphone schenken, wenn wir ein Paar werden. Aber ich weiß doch, wer ich bin, wie es um mich steht. Nur, ich kann ihr einfach nicht sagen, dass ich schwul bin. Der Druck ist so groß, zum chinesischen Neujahrsfest Ende Januar fahre ich diesmal einfach nicht mehr nach Hause."

Das Leben in der Isolation und im Geheimen fordert einen hohen Preis. Auf dem Land haben Schwule und Lesben meist niemanden, mit dem sie offen reden können. Viele werden depressiv. Genaue Zahlen gibt es nicht, genauso wie es wenige zuverlässige Statistiken gibt über die Lebensverhältnisse von Schwulen und Lesben. Die Soziologin Li Yinhe gehört zu einer Handvoll Akademikern, die Homosexualität wissenschaftlich erforschen.

Li Yinhe: "Ich habe Statistiken gesehen, wonach jeder Dritte Homosexuelle entweder einen Selbstmordversuch hinter sich hat oder mit dem Gedanken an Selbstmord spielt. Der Anteil ist viel höher als bei Heterosexuellen. Denn Homosexuelle stehen unter gewaltigem psychischem und sozialem Druck. Sie verleugnen sich - vor sich selbst und gegenüber ihrer Umwelt. Sie werden depressiv, sehen keine Zukunft für sich."

Um dem Druck zu entkommen, um wenigstens gegenüber den Eltern und der Umgebung ein normales Leben vorzutäuschen, heiraten die meisten Schwulen in China. Schätzungsweise 70 bis 80 Prozent schließen eine Ehe - meist ohne den Frauen zu sagen, dass sie eigentlich nur Männer lieben. Für die Beziehungen - vor allem für die Frauen - hat das oft katastrophale Folgen.

Zum Beispiel Grace. Auch sie möchte ihren echten Namen nicht preisgeben, verrät nur ihr englisches Pseudonym. Grace ist 29, die schwarzen Haare trägt sie neuerdings kurz geschnitten. Anders als im Oktober 2010 bei ihrer Hochzeit. Das Fest hatten sie und ihr Verlobter monatelang geplant: die Gästeliste, das Bankett, ihr Kleid ganz in weiß. Wenn Grace heute die Hochzeitsfotos anschaut, könnte sie heulen.

Grace: "Ich war wie jedes andere Mädchen auch. Ich wollte die schönste Braut der Welt sein, es sollte der glücklichste Tag meines Lebens werden. Aber wenn ich jetzt unser Hochzeitsvideo anschaue, erkenne ich, dass nur ich strahle und ein bisschen albern lache. Ihm kann man ansehen, dass er nicht glücklich war."

Wenige Wochen nach der Hochzeit fand Grace heraus, dass ihr Mann schwul ist und seit Langem einen festen Freund hat. Seine sehnsuchtsvollen Textnachrichten an seinen Freund hatten ihn verraten.

Grace: "Als ich seine Textnachrichten sah, wusste ich, dass es wahr war, trotzdem wollte ich es anfangs nicht glauben. Ich war total schockiert. Ich hatte ihm mein Ja-Wort gegeben, nicht weil er reich ist, sondern weil ich ihn geliebt habe. Weil ich dachte, wir würden unser ganzes Leben zusammen verbringen. Alle hatten mir gesagt, wie glücklich ich mich schätzen konnte, dass ich meine große Liebe gefunden hatte und dass er mich auch liebte. Doch alle meine Hoffnungen wurden enttäuscht. Meine Liebe für ihn wurde durch Schmerz ausradiert."

Grace ist seit einigen Monaten geschieden. Ein Kind hatte das Paar nicht - zum Glück nicht, sagt sie heute im Rückblick. Um ihren Mund hat sich ein harter Zug eingeschlichen. Ihren dunklen Augen fehlt die Leichtigkeit von früher. Sie stammt aus einer konservativen Familie, sagt sie, und hatte Sex vor der Ehe daher abgelehnt, sonst hätte sie vielleicht schon früher etwas geahnt. Dass sie schon wenige Wochen nach der Hochzeit die Wahrheit über ihren Mann erfuhr, wertet Grace heute als Glück im Unglück.

Andere Frauen leben oft jahrelang mit nagenden Zweifeln an sich selbst und ihrem Partner, leiden still in Beziehungen ohne Liebe und Zärtlichkeit. Schätzungsweise 16 Millionen Frauen in China leben in solchen Ehen. Erst seit ein paar Jahren gibt es ganz vereinzelte Hilfsangebote. Die 30-jährige Xiaoyao, ebenfalls Ex-Ehefrau eines Schwulen, hat vor zwei Jahren in Xi`an in Westchina eine Telefon-Beratung und eine Webseite eingerichtet.

Xiaoyao: "Seit wir die Website haben, bekomme ich jeden Abend Anrufe, drei oder mehr. Jeder Anruf dauert etwa eine halbe Stunde. Ich kann die Anrufe nur abends nach meiner Arbeit entgegennehmen, daher gibt es Grenzen des Machbaren. Die meisten Anrufer sind Frauen zwischen 30 und 50. Manchmal rufen auch Schwule an, weil ihr Freund heiraten will."

Xiaoyao hört vor allem zu. Sie kennt schließlich die Einsamkeit der betrogenen Frauen aus eigener Erfahrung, sie weiß um den unbändigen Zorn und die bodenlose Enttäuschung, wenn sie die Wahrheit herausfinden. Sie rät den Frauen, sich nichts vorzumachen und den Tatsachen ins Auge zu sehen. Gerade wenn ein Paar keine Kinder hat, sei eine rasche Scheidung meist der beste Weg – auch gegen den Widerstand des Mannes, sagt sie. Von den Schwulen fordert sie mehr Aufrichtigkeit. Doch genau das ist in China schwer.

In der Öffentlichkeit kommt Homosexualität so gut wie nicht vor. Wenn überhaupt wird über Schwule nur im Zusammenhang mit HIV/Aids gesprochen. Es gibt in der Volksrepublik keinen einzigen landesweit bekannten Schauspieler, Musiker oder Fernsehmoderator, der sich offen zur seiner Homosexualität bekennt. Von Politikern ganz zu schweigen. In der Partei ist das Thema tabu.

Und trotzdem gibt es viel mehr Offenheit als noch vor fünf, zehn oder 15 Jahren. Im Vinyl-Café am Pekinger Glockenturm finden regelmäßig Salons statt, bei denen über all das geredet wird, was junge Schwule heute umtreibt: HIV/Aids, Coming Out, Scheinehen. Organisiert werden die Abende von Ling Jueding, der nebenbei auch noch eine Website für junge Schwule betreibt, Feizan. Auch dort gibt es Tipps für den Alltag, Ratschläge und – wie im Café – die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. An manchen Tagen wird die Seite von 10.000 Usern besucht. Zu den Salons kommen regelmäßig 50 bis 100 Leute.

Ling Jueding: "Wir verstehen uns als schwules soziales Netzwerk. In einem Bericht hieß es mal, wie seien das erste schwule Facebook in China. Natürlich sind mit dem echten Facebook nicht zu vergleichen. Aber ich hoffe, wir können das gleiche Ziel erreichen."

Im Vinyl geht es an diesem Abend um die schwierige Frage: wie sage ich es meinen Eltern. Der Raum ist rappelvoll, wer zu spät bekommt, kriegt nur noch einen Stehplatz. Mehrere Mütter sind gekommen, die vom Coming Out ihrer Söhne berichten und dem schwierigen Weg zur Akzeptanz. Unter ihnen ist die 55-jährige Frau Xing, deren Sohn heute offen mit seinem Partner zusammenlebt.

Mother Xing: "Als Mutter will ich diesen jungen Leuten sagen, dass sie sich nicht so viele Sorgen machen sollen. Sie sollten sich mutig bekennen, zu dem was sie sind. China verändert sich doch so schnell. Ich wünsche mir, dass sie mit ihren Eltern reden können. Als Eltern müssen wir sie respektieren. Wir haben doch nur ein oder zwei Kinder in jeder Familie."

Lange hatte Mutter Xing gehofft ihren Sohn "umdrehen" zu können. Vergebens. Heute weiß sie, dass sie ihren Sohn nicht ändern kann. Doch andere Eltern schleppen ihre Kinder immer noch zu dubiosen Ärzten, die behaupten, Homosexualität wäre heilbar, berichtet die Soziologin Li Yinhe.

Li Yinhe: "Eltern denken oft, ihre Kinder hätten psychische Probleme. Aber im Krankenhaus gibt es dafür keine Therapie. Eine Zeitlang haben sie es mit Aversionstherapien versucht. Sie zeigen einem jungen Mann männliche Genitalien und verabreichen dazu ein Brechmittel. Die Idee, ist dass jemand nach einer Weile jedes Mal angeekelt ist, wenn er männliche Genitalien sieht. Aber jeder Psychiater wird Ihnen bestätigen: Es ist völlig unmöglich, die sexuelle Orientierung eines Menschen zu ändern."

Im Café Vinyl appelliert Mutter Xing an die Anwesenden, sich nicht länger selbst zu verleugnen und ihre Eltern nicht aus falscher Rücksichtnahme ständig zu belügen. Es gibt viel Applaus für die mutigen Mütter und ihre offenen Worte. Auch Dong Dong, der junge Schwule aus der Kleinstadt in Westchina ist zunächst wie elektrisiert. Doch dann machen sich wieder die alten Zweifel breit.

Dong Dong: "Für ein Coming Out braucht man die richtige Gelegenheit. Meine wird erst dann kommen, wenn ich ökonomisch unabhängig bin und meine Eltern aus unserem Heimatort herausholen kann. Dann will ich, dass sie Schritt für Schritt uns Schwule verstehen lernen und erkennen, dass wir gar nicht so viel anders sind. Das ist für mich der beste Weg."

Und damit hat er wieder eine Ausrede gefunden, sich seinen Eltern doch erst mal nicht zu offenbaren. Vielleicht nächstes Jahr oder übernächstes Jahr, sagt Dong Dong und greift nach der Hand seines Freundes. Offen schwul sind sie nur für ein paar Stunden im Café oder online. Da draußen, im chinesischen Alltag oder zu Hause in der heimatlichen Kleinstadt in Westchina, leben sie weiter im Verborgenen.