Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Laut Bayerns Kunstminister Markus Blume (l.) gebe es „Hinweise und Vorwürfe zu Fehlverhalten und Organisationsversagen" bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen BStGS. Der neue Interimschef der BStGS Anton Biebl (r.) sprach von einer „tiefen Vertrauenskrise“. © picture alliance / dpa / Leonie Asendorpf
Massive Vorwürfe – von Raubkunst bis Systemversagen

Schon lange stehen die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wegen ihrer Restitutionspolitik um NS-Raubkunst in der Kritik. Doch die Vorwürfe gehen deutlich weiter, als bislang bekannt ist. Der Generaldirektor des Museumsverbundes Bernhard Maaz wurde entlassen.
Nach Informationen des Deutschlandfunks dokumentieren interne Unterlagen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (BStGS) mindestens 19 Vorwürfe. Dazu zählen unter anderem sexuelle Belästigung Minderjähriger sowie rassistische Belästigungen durch Aufsichtspersonal. Außerdem soll es laut den Unterlagen zum Missbrauch von Videoanlagen in den Museumsräumen gekommen sein – demnach wurden diese zur rechtswidrigen Verhaltenskontrolle von Mitarbeitenden eingesetzt. In der Sicherheitszentrale sollen auch andere Datenschutz- und Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten worden sein.
Vorwürfe gibt es nach Informationen des Deutschlandfunks auch bezüglich der Sicherheit der Kunstwerke in mindestens einem Haus der BStGS. Dort soll das zum Teil von Fremdfirmen gestellte Wachpersonal im Rahmen von Kontrollgängen auch Zugang zu Depoträumen gehabt haben. An anderer Stelle seien originalgetreue Kopien deutscher Blanko-Reisepässe, die für ein Ausstellungsobjekt hergestellt worden waren, aus einem Lagerraum gestohlen und an Mitarbeitende verteilt worden.
Interimsnachfolger eingesetzt
Der Generaldirektor der BStGS, Bernhard Maaz, muss seinen Posten räumen. Dies gab Markus Blume, der bayerische Minister für Wissenschaft und Kunst (CSU), am 2.4.2025 in einer Pressekonferenz in München bekannt. Bernhard Maaz wechselt ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Kommissarischer Nachfolger wird ab sofort der ehemalige Münchner Kulturreferent Anton Biebl. Dieser solle „das Schiff wieder auf Kurs bringen“.
„Tiefe Vertrauenskrise“
Auf der Pressekonferenz äußerte sich Blume zu den Vorfällen relativ allgemein. Es gebe „Hinweise und Vorwürfe zu Fehlverhalten und Organisationsversagen“. Nun würden „notwendige Schritte“ und eine interne Untersuchung eingeleitet.
„Wir haben zu den in den letzten Wochen aufgekommenen Vorwürfen und gegebenen Hinweisen in den Staatsgemäldesammlungen in aller Konsequenz notwendige Schritte eingeleitet und eine interne Untersuchung gestartet, die sich auch mit den 19 genannten Vorwürfen befasst. Dazu haben wir eine frühere Staatsanwältin ins Ministerium geholt, die als Untersuchungsführerin diesen Vorwürfen nachgehen wird. Die Ergebnisse der Untersuchung müssen zunächst abgewartet werden.“
Aus den Unterlagen, die dem Deutschlandfunk vorliegen, geht hervor, dass verschiedene der erhobenen Vorwürfe der zuständigen Fachabteilung K im Museum seit Monaten bekannt sind. Minister Blume sagte dazu: „Vieles ist erst in den vergangenen Wochen so formuliert oder platziert worden, dass es angekommen ist.“ Ob sich daraus weitere personelle Konsequenzen ergäben, müssten die Untersuchungen zeigen.
Der neue Interimschef des BStGS Biebl sprach in einem ersten Statement von einer „tiefen Vertrauenskrise“. Zuvor hatte Markus Blume bereits gesagt: „Wir können nicht zufrieden sein mit der inneren Verfasstheit der bayerischen Museen.“ Ob die Stelle eines Generaldirektors neu ausgeschrieben wird oder ob die 18 einzelnen Häuser im Zuge der geplanten, bislang von Biebl koordinierten sogenannten Museumsoffensive mehr Autonomie erhalten, wird nach Angaben des Staatsministers geprüft. Neben Berlin, Dresden und Weimar sind die BStGS einer der größten deutschen Museumsverbunde, zu den BStGS gehören auch die weltbekannten Münchner Pinakotheken.
Am Ende geht es auch um die Frage, ob die Museen eine grundlegende Strukturreform brauchen – mit verpflichtenden Sicherheitsschulungen, besserer Ausbildung im Publikumsumgang und klaren Schutzkonzepten, etwa für Frauen und Minderjährige.
Kritik an Provenienzforschung
Die nun bekannt gewordenen Vorwürfe schließen an die bereits seit längerem geführte Raubkunst-Debatte an. Schon vor Wochen war es zu Kritik an der Restitutionspolitik der bayerischen Staatsregierung gekommen: Nachfahren von jüdischen Kunstbesitzern und deren Rechtsanwälte hatten verlangt, dass der Freistaat bei der Provenienzforschung zu NS-Raubkunst transparenter und schneller arbeiten müsse.
Die Staatsgemäldesammlungen, die unter anderem die berühmten Pinakotheken in München betreiben, standen im Zentrum der Kritik: Die Nachfahren von enteigneten jüdischen Kunstbesitzern seien von den Staatsgemäldesammlungen nicht über NS-Raubkunst in deren Besitz informiert worden – und das, obwohl die Herkunft der geraubten Werke teils schon jahrelang bekannt sei.
Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, schrieb in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung": "Dass heute, 80 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus und mehr als 25 Jahre nach der Unterzeichnung der Washingtoner Prinzipien, auch nur der Verdacht besteht, dass Nachkommen der einstigen Eigentümer von Raubkunst hingehalten und von einem der bedeutendsten Museen des Landes Kunstwerke zurückgehalten werden, ist unerträglich. Bekenntnisse zur historischen Verantwortung haben wir lange genug gehört."
Die Sammlungen wiesen die Vorwürfe damals zurück. Dennoch votierte der Bayerische Landtag einstimmig dafür, mehr Transparenz und Tempo bei der Rückgabe von Raubkunst anzustreben.
Stefan Koldehoff, pj