Tiere in der City
Haben ihre Scheu weitgehend verloren: Stadtfüchse wie dieser in Berlin. © picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg
Wild, wilder, Großstadt

Kamel, Gorilla, Elefant: Immer wieder treiben sich tierische Ausbrecher in der Stadt herum. Doch deutsche Städte sind auch Rückzugsort vieler heimischer Wildtiere geworden. Die Artenvielfalt ist erstaunlich.
Eine satirische Erzählung Kurt Tucholskys heißt „Der Löw' ist los“. Sie handelt von einer Raubkatze, die aus dem Zoologischen Garten in Berlin ausbricht. Der Vorfall löst eine „unbeschreibliche Aufregung“ unter den Besuchern aus, schreibt Tucholsky. „Viele ließen in der Eile ihr Bier stehen, ohne zu zahlen.“
Die Geschichte spielt im Sommer 1920, und der Zufall wollte es, dass fast genau hundert Jahre später gar nicht weit entfernt wieder ein Löwe los war oder vielmehr eine Löwin.
Medien-Berlin hielt den Atem an
Wie bei Tucholsky kochte auch im Sommer 2023 die Erregung in den Redaktionen über. Reporter schwirrten aus, der Rundfunk Berlin-Brandenburg brachte Sondersendungen, Twitter lief voll. Medien-Berlin hielt den Atem an.
Bekanntlich entpuppte sich das exotische Raubtier bald als ordinäres Wildschwein. Was die Fantasie vieler Menschen beflügelte. Es seien jetzt mehrere Tiger gesichtet worden, schrieb auf Twitter jemand über das Foto von ein paar gestreiften Wildschweinfrischlinge. Ein anderer stellt das Bild einer majestätischen Löwin neben das einer Wildsau und schrieb darüber „Before Berlin – After Berlin“.
Kurz nachdem sich die Löwin als Medien-Ente herausgestellt hatte, meldeten Lokalzeitungen ein Känguru, das durchs Berliner Umland hüpfe.
Tod durch Tigerbiss
Erstaunlicherweise sind entlaufene Tiere gar keine Seltenheit. Allein in Berlin nahmen in den vergangenen Jahren unter anderem drei Kamele, ein Brillenbär, ein Gorilla und zwei Elefanten aus Zoos und Zirkussen Reißaus. In Jena war in diesem Jahr ein entwischter Albino-Pfau Stadtgespräch, eine Antilope legte 2021 in Darmstadt den Zugverkehr lahm.
Nicht immer gehen Begegnungen zwischen den Geflüchteten und Menschen glimpflich aus. Als fünf Schimpansen 2012 aus dem Zoo Hannover ausbrachen, wurde ein Mädchen verletzt. Ein Tierpfleger aus Münster fand 2013 den Tod, als ein entwischter Tiger sich von hinten anschlich und ihn ins Genick biss.
Ein Luchs auf Freigang in Nürnberg starb 2021 an dem Gift aus einem Betäubungspfeil, ein flüchtiger Zoo-Wolf wurde bei Gelsenkirchen von einem Auto überrollt und starb. Es gibt viele solcher Fälle.
Berlin ist Europas Hauptstadt der Wildtiere
Trotz der Fülle an tragischen Geschichten zieht es die bei uns heimischen Wildtiere ausgerechnet in die Städte. In Hamburg kann man in der Dämmerung Füchse beobachten, die mit lautlosem federndem Schritt durch Parkhäuser ziehen; in Randbezirken Münchens liefern sich die Wildschweine eine Wette, wer die meisten Vorgärten umgräbt. Anderenorts klettern Waschbären auf Balkone, um Katzenfutter zu stehlen.
Berlins Wildlife stellt all das in den Schatten. Mehr als 150 Vogel- und 53 Säugetierarten sollen in der Hauptstadt heimisch sein. Biologen schätzen, dass 1000 Nachtigallen die Stadt bevölkern. Allein im Bezirk Tiergarten sollen mehrere Biberfamilien leben. Weder Wien noch Helsinki oder Paris haben so viele Tierarten zu bieten. Berlin gilt als europäische Hauptstadt der Wildtiere.
Das liegt vor allem an dem vielen Platz; im Vergleich mit anderen Großstädten ist an der Spree noch immer wenig Fläche verbaut. Rund 2500 Parks, Grünanlagen, Friedhöfe und Brachen gibt es im Stadtgebiet und ein weitverzweigtes Netz aus Kanälen, Flüssen, Seen und Feuchtgebieten.
Was tun, wenn man im Garten auf ein Wildschwein trifft? Sind Stadtfüchse gefährlich? Wie schützt man sein Auto vor Schäden durch Marder? Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt und Klimaschutz gibt auf ihrer Website Tipps zum Umgang mit Wildtieren.
Doch auch in anderen deutschen Großstädten sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Hier finden Wildtiere oft mehr Nahrung als auf Feldern und in bewirtschafteten Wäldern.
Heutige Städte seien oft artenreicher als das Umland, berichtet der Biologe Josef H. Reichholf. Vor allem im Winter steigt ihre Population. Durch die Wärme, die beheizte Gebäude und Autos abgeben, können die Temperaturen in der Stadt sechs bis zwölf Grad höher liegen als im Umland.
Das mögen vor allem Federtiere. Über zehn Mal mehr Kleinvögel als in den Wäldern finde man in der winterlichen Großstadt, sagt Reichholf. Selbst so mancher Zugvogel flieht nicht mehr in den Süden, sondern überwintert in der City.
Handel mit Fuchswelpen
In Stadtparks darf das Wildleben also gedeihen, in den Stadtwohnungen fristen wilde Tiere dagegen oft ein trauriges Dasein. Vergangenes Jahr flog in Berlin eine Frau auf, die Fuchswelpen zu 5000 Euro pro Tier verkaufte. Die kleinen Füchse sollen nur sechs Wochen alt und unterernährt gewesen sein.
Im Januar öffneten bei einer Verkehrskontrolle Dresdner Polizisten einen Transporter und fanden darin einen Kranich, Stachelschweine, Alpakas, ein Hokkohuhn und ein Parma-Känguru. Es gibt viele solche Berichte.
Da geht es den Wildtieren im Stadtzoo allemal besser. Tucholskys Löwe jedenfalls ließ sich ohne Gegenwehr einfangen und in seinen Käfig führen. Die Stadt Berlin, fand er, war eine Enttäuschung.















